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Wie trainiert ein junger Fußballer seinen schwachen Fuß? Er trägt im nächsten Spiel nur den linken Fußballschuh und nutzt den starken Fuß nur zum Stehen. Wenn dann am Ende sieben Tore dabei herauskommen, scheint der liebe Gott seinerseits alles in die Waagschale geworfen zu haben, um den betreffenden Kicker mit Talent zu versorgen.
Dietrich Schulze-Marmeling, einer der besten Fußballbuch-Autoren des Landes, hat ein Buch über diesen Fußballer geschrieben – eine beeindruckende Biografie über den vielleicht schillerndsten und zugleich besten Fußballer aller Zeiten: George Best. footage-Autor Sascha Theisen sprach mit Schulze-Marmeling über Best, dessen Leben als Fußballer und über die Zukunft des Spiels. Ein Gespräch über – Achtung Pathos – die Dimensionen des großen Spiels.

footage: Du wählst in Deinem Buch einen außergewöhnlichen Blickwinkel auf George Bests Leben und stellst seine Karriere in Bezug zu den „Troubles“ in Nordirland. Zunächst scheint das verwunderlich, wenn man über einen Fußballer schreibt, der zwar in Nordirland aufgewachsen ist, aber die meiste Zeit seines Lebens im englischen Fußball-Establishment rund um Manchester United verbracht hat. Warum trotzdem dieser Zusammenhang?Schulze-Marmeling: Bests nordirischem Background wurde bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Mich hat das immer ein wenig verwundert. Über Best ist häufig aus einer „englischen Perspektive“ – bzw.: Manchester United-Perspektive – geschrieben worden. Seine Herkunft und die Zustände in seiner Heimatstadt Belfast werden nur am Rande und mit einem gewissen Unverständnis behandelt. Ich habe 1 ½ Jahre in Nordirland gelebt und bin auch seither häufig dort gewesen. Aber ich kenne auch Manchester und United. Das hat es mir ermöglicht, mich mit Best sowohl aus der Perspektive Belfasts, des katholischen wie des protestantischen, wie auch der Mannchesters zu nähern. Best verlässt seine Heimat noch vor Ausbruch der nordirischen „Troubles“, die das Land – und hier vor allem Belfast – einschneidend verändern. Best kam aus dem protestantischen East Belfast, dort regierte nicht gerade eine Spaß-Gesellschaft, sondern eine ziemlich strenge protestantische Working Class-Kultur, garniert mit religiöser Bigotterie. Manchester United ist zu dieser Zeit ein Klub, der als „katholisch“ betrachtet wird, was natürlich viel zu kurz greift. Vor allem aber ist Manchester verglichen mit Belfast ein anderer Planet: In religiösen Dingen ziemlich liberal, weshalb die Stadt sowohl bei Juden wie irisch-stämmigen Katholiken, von denen es in der Stadt sehr viele gab, sehr beliebt war. Und: In Manchester toben die „Swinging Sixties“. In Belfast kann man nur im eigenen Viertel und in schwer gesicherten „social clubs“ feiern. In Manchester muss man keine Angst haben, dass man sich im falschen Viertel befindet oder der Pub gebombt wird. Natürlich war auch Best dieser Kontrast bewusst – und er hat ihn gelebt. Ich denke schon, dass die Erfahrungen in Manchester, wo er auch mit Katholiken saufen darf, was in Belfast nicht möglich ist, seinen Blick auf seine Heimatstadt und das dortige Sektierertum beeinflusst hat. Gleichzeitig bleibt er in Manchester immer „der Ire“, obwohl er aus einer Community kommt, die daheim eine britische Identität zelebriert. Aber für viele Engländer ist Best einfach nur der „typische Ire“ – rebellisch, unkontrolliert und versoffen. Man müsste eigentlich ergänzen: der typische „katholische Ire“. Denn daheim gilt das Saufen eher als ein „katholisches Hobby“. Das Best Protestant ist, seine Familie unionistisch, vielleicht sogar loyalistisch ist, also der Krone gegenüber loyal, schützt ihn nicht vor anti-irischen Ressentiments.
Was mich regelrecht bewegt hat – vielleicht auch, weil ich die nordirischen Verhältnissen aus eigener Anschauung, aus eigenem Erleben ganz gut kenne: Wie die Profifußballer (und auch die Musiker) die sektiererische Spaltung in ihrer Heimat ignorieren und überwinden. Was sie sich vielleicht aber auch nur leisten konnten, weil sie diese verlassen hatten.
Dann gibt es einen weiteren „politischen“ Aspekt in Bests Leben: Sein wiederholtes Eintreten für eine gesamtirische Nationalelf, die viele nordirische Protestanten rigoros ablehnen, weil für sie die Nationalelf ein Symbol nordirisch-protestantischer Eigenständigkeit gegenüber der „katholischen Republik“ im Süden ist. Hier kollidierte Bests Pragmatismus und sportlicher Ehrgeiz mit der Engstirnigkeit in seiner Community. Best wollte einfach in einer erfolgreichen Nationalmannschaft spielen. Auf sich alleine gestellt verfügten der Norden und der Süden aber nicht über die hierfür notwendigen Ressourcen. Ich habe mich im Buch ja auch ausführlicher diesem legendären Spiel von 1973 gewidmet, als in Dublin eine gesamtirische Auswahl, die nicht zuletzt auf Initiative von nordirischen und südirischen Spielern zusammenkam, Protestanten wie Katholiken, gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien antrat. Das Spiel war ein Statement gegen das Sektierertum und en inneririschen Hass. Und es deutete an, was möglich sein könnte, wenn der Norden und der Süden auf dem Fußballfeld zusammenfinden würden – so wie das im Rugby der Fall war und ist.

footage: In vielen Nachbetrachtungen verkommt George Best leider zu einem Säufer-Symbol der Marke Harald Juhnke. Sein Satz über die schnellen Autos, Drogen und Frauen in seinem Leben ist mittlerweile Standardfloskel in jeder Fußballzitate-Sammlung. Bei seinem ausschweifenden Lebenswandel ist das natürlich kein Wunder. Trotzdem ist es doch mindestens schade, dass sein außergewöhnliches Spiel so ein bisschen in den Hintergrund tritt, oder?
Schulze-Marmeling: Ja, leider ist das so. Es gibt diesen Hang zum Voyeurismus, den Best natürlich gehörig bedient hat. Aber es gibt doch noch viele Menschen, die sich zumindest auch an seine wilden Dribblings erinnern und dabei etwas nostalgisch werden. Seit dem Erscheinen des Buches treffe ich auf zwei Reaktionen: Die älteren Leser sind dankbar dafür, dass man sich „Bestie“, dem „fünften Beatle“, gewidmet hat. Und finden es interessant und erhellend, dass man ihn in den politischen und kulturellen Kontext der 1960er und 1970er Jahre gestellt hat – weil sie sich nicht nur an Best und sein Spiel erinnern können, sondern auch an den Ausbruch der „Troubles“, „bloody sunday“ etc. Das Fernsehen hat damals ja recht ausführlich über den nordirischen Bürgerkrieg berichtet – ein Bürgerkrieg nicht irgendwo in der dritten Welt, sondern in Europa, quasi nebenan. Bei den jüngeren Lesern ist die Reaktion eher: Was für ein geiler Typ! Einer der besten Spieler in der Fußballgeschichte, von dem wir aber nichts wussten. Wir kannten bislang nur diesen Spruch mit dem Alkohol, schnellen Autos und den Frauen. Wir müssen mal schauen, was wir bei YouTube an Spielszenen von ihm finden.
By the way: Als der Verlag Die Werkstatt sich Anfang der 1990er in Richtung Fußball orientierte, stand ziemlich weit oben auf der Liste von Projekten, die man machen könnte und die zum (noch zu entwickelnden) Profil des Verlags passen würden, ein Buch über Best. Es hat dann aber gut 20 Jahre gedauert. Für mich war dieses Buch eine ganz besondere Herausforderung, weil ich hier meinen kompletten Interessen freien Lauf lassen konnte: Fußball, Politik und Musik. Manchmal war mir so, als würde ich nicht schreiben, sondern einfach nur erzählen – so leicht ging mir die ganze Sache von der Hand.

footage: Nordirland war während der „Troubles“ voll mit schillernden Persönlichkeiten, die Du in Deinem Buch ja auch beschreibst. Neben Best zum Beispiel Van Morrison, der durch seine Konzerte in Belfast deutlich mehr Einfluss auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Nordirland nahm als Best, der in erster Linie englische Verteidiger vorführte und Champagner aus Schuhen von Traumfrauen trank. War Best deswegen oder trotzdem eine Gallionsfigur in seiner Heimat?
Schulze-Marmeling: Als ich in Nordirland lebte, das war 1988, 1989, stellte ich wiederholt fest, dass es einen Mann gab, der in beiden Communities ein Lächeln auf die Gesichter zauberte: Best.
Wobei man den Eindruck bekommen konnte, dass das Verständnis für seine Eskapaden auf katholischer Seite größer war. Im protestantischen Milieu hat man sich seiner manchmal auch geschämt. Den freudlosen Evangelikalen war er zu wild. Es ist bezeichnend, dass zu seinen Fans auch Leute wie Martin McGuinness gehörten, der ein gläubiger Katholik ist und damals ein aktives und führendes IRA-Mitglied war. (Heute ist McGuinness stellvertretender Ministerpräsident Nordirlands.)
Best gehört zu den ganz wenigen Persönlichkeiten, die von beiden Seiten verehrt werden. Best war ein East Belfast Boy, seine Wiege war die protestantische Working Class im Osten der Stadt, wo der bedeutendste Arbeitgeber die Werft Harland & Wolff war, das industrielle Rückgrat des Working Class-Loyalismus. Best hat seine Wurzeln nie verleugnet. Und kein Katholik hat sie ihm verübelt oder ihn als „einen von den anderen“ betrachtet. Die Rezeption seiner Person ist „gesamt-nordirisch“, ja vielleicht sogar „gesamt-irisch“. Hierzu hat sicherlich beigetragen, dass er für United spielte, das viele (katholische) Anhänger im Norden und Süden der irischen Insel hat und eine lange Geschichte irischer Spieler. Und für die „Red Devils“ gespielt hat, als der Klub mit dem Gewinn des Europapokals 1968 den größten Triumph in seiner Geschichte feierte, zu dem Best erheblich beigetragen hatte. Und sein Leben in Manchester war so fern vom Sektierertum und der Bigotterie in seiner Heimatstadt, dass ihn auch die Katholiken lieben konnten. In Bests Person verschwimmen zuweilen die unterschiedlichen und miteinander konkurrierenden Identitäten Nordirlands. Ich habe schon angemerkt, dass Best in England einfach nur „der Ire“ war. Mir ging es damals ähnlich. Als Best Europas Fußballer des Jahres wurde, war ich 11. Im „Kicker“ gab es ein kleines Poster von ihm, A4 oder A3, genau weiß ich es nicht mehr. Best mit langer Mähne, im roten Trikot von United, das Trikot hing über der Hose – und das Poster über meinem Bett. Daneben fand bald ein weiterer Ire einen Platz auf meiner „wall of fame“: Der geniale Blues- und Rockmusiker Rory Gallagher, der in Belfast mit legendär gewordenen Konzerten Spuren hinterließ. Zeitgleich berichtete das Fernsehen über die Bürgerrechtsbewegung in Nordirland, den Ausbruch der „Troubles“ etc. War Best nun Katholik oder Protestant? Zu welcher Seite gehörte er? In meiner kompletten Ahnungslosigkeit musste dieser Rebell am Ball Katholik sein. Und Gallagher? Nordire und Belfast Boy. War er aber nicht. Gallagher war Südire und in Cork aufgewachsen.

footage: Die Karriere Bests ist voll mit großartigen fußballerischen Anekdoten. Meine liebste ist die, wie er schon im Herbst seiner Karriere vor einem Spiel gegen die Niederlande in den nordirischen Medien einen Beinschuss für Johan Cruyff ankündigte und ihm diesen schon nach ein paar Spielminuten unter großem Jubel verpasste. Was ist Deine Lieblingsanekdote, was den Fußballer George Best betrifft?
Schulze-Marmeling: Ich habe vor einigen Monaten einen niederländischen Journalisten getroffen, der als junger Mensch das Spiel im „De Kuip“ gesehen hatte. Der schüttelte jetzt noch den Kopf. Bests Auftritt sei unglaublich gewesen. Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt – Oktober 1976 – bereits den Zenit seiner Karriere überschritten. Ich habe keine wirkliche Lieblingsanekdote.

footage: Vor kurzem habe ich in einem Interview mit Johnny Rotten gelesen, dass er es selbst als Arsenal-Fan immer genossen hat, wenn Best in Highbury gespielt hat. Viele seiner Gegner sagen bis heute, dass er der Größte war. Er selbst drückte es so aus: „If I had been born ugly, you would never have heard of Pele.“ War er auch aus Deiner Sicht größer als alle anderen?Schulze-Marmeling: Das ist schwierig zu sagen. Er wird in einem Atemzug mit Pelé, Cruyff und Maradona genannt. Aber diese Jungs sind die Riege meiner Generation. Meine Kinder werden vielleicht später ihren Kindern von Messi, Ronaldo und Xavi erzählen. Trotzdem ist es schon verblüffend, wie hartnäckig sich das Quartett hält. Bei dem von dir zitierten Satz geht es ja darum, dass Bests Status als erster Popstar des Fußballs, nicht nur bedingt durch seine Spielweise, sondern auch sein gutes Aussehen, ihn vom Kerngeschäft abgelenkt hat. Wäre er hässlich gewesen, wäre er kaum zum Epizentrum von Manchesters Party-Leben avanciert. Und hätte vielleicht noch länger erfolgreich Fußball gespielt. Lass uns mal Best in die heutige Zeit verpflanzen. Damals gestalteten sich Vereinswechsel noch schwierig. Dass einer der weltbesten Fußballer, Gewinner des Ballon d’Or, auch dann noch für United spielt, wenn die Mannschaft im Mittelmaß versinkt und in der Champions League auf Jahre nicht mehr dabei ist, ist völlig unvorstellbar. So wie es unvorstellbar ist, dass ein Klub wie United nach dem Gewinn der Champions League die nächsten fünf, sechs Jahre nicht mehr europäisch spielt. Im alten Landesmeistercup konnte dies aber passieren. Ein Best hätte heute eine völlig andere TV-Präsenz. Cruyff und Pelé hatten ganz andere Möglichkeiten, sich im Bewusstsein einer Weltöffentlichkeit zu etablieren. Cruyff gewann mit Ajax gleich dreimal den Europapokal der Landesmeister, wurde mit Barcelona Meister und war der großer Star der WM 1974. Und Pelé war bei vier WM-Turnieren dabei und wurde dreimal Weltmeister. Umso erstaunlicher, dass Best trotzdem mit diesen Spielern in einem Atemzug genannt wurde und wird.

footage: Irgendwie ist Dein Buch auch ein Plädoyer für die Wildheit im Fußball, für unangepasste Fußballer, wie Best einer war. Können wir in einer mittlerweile völlig durchleuchteten Fußballwelt, in der Direktspiel und Tempo mehr zählen als das Dribbling und die Demütigung des Verteidigers, noch einmal auf einen wie Best hoffen?
Schulze-Marmeling: Manchmal hat man zur richtigen Zeit das richtige Gefühl und schreibt das richtige Buch. Ich mag den Barca- und Guardiola-Fußball, die kurzen Ballhaltzeiten, das schnelle und präzise Passen, die Vermeidung des Zweikampfes etc. Ich glaube auch, dass es richtig war, dieses in der Ausbildung zu propagieren. Und einem Spieler, der technisch stark ist, aber körperlich schwach, würde ich heute noch immer empfehlen: Schau dir Xavi an, wie er sich durch exzellentes Antizipieren und schnelles Passen die Soldaten des Spiels vom Leibe hält. Das war zweifellos eine Weiterentwicklung gegenüber dem, was wir vorher so getrieben haben – gutes und schnelles Passen schult ja auch Technik und Spielintelligenz. Nun haben wir das einigermaßen verinnerlicht, was vielleicht auf Kosten des Muts zum Dribbling, zum Eins-gegen-eins ging. Da ist es völlig korrekt, dass wir nun wieder stärker diese Fähigkeiten schulen. Nicht immer nur sagen: Vermeide den Zweikampf durch schnelles Weiterspielen des Balles. Sondern auch mal: Versuch es alleine, fordere deinen Gegenspieler heraus. Sei mutig. Guardiolas Barca war ja nicht nur aufgrund des gekonnten Kurzpassspiels erfolgreich. Sondern auch, weil man mit Messi einen Spieler hatte, der aus diesem Modus ausbrechen konnte.
Ich bin ja mit dem Best-Buch bei weitem nicht der einzige, der nun das Pendel wieder ein bisschen in die andere Richtung bewegt. Der DFB hat sich in Person von Hansi Flick hierzu auch schon geäußert.
Hinzu kommt noch etwas anderes: Die Leistungszentren sind zweifellos eine wichtige Errungenschaft. Aber vielleicht „verschulen“ und zähmen wir die Spieler manchmal zu stark – auf Kosten von Eigenverantwortung und Kreativität. Vielleicht haben wir ein Spiel, das eben ein Spiel ist, etwas zu stark rationalisiert. Weil wir das perfekte Spiel wollen. Perfekt in dem Sinne, das wir das Zufällige, das Unvorhersehbare ausschalten wollten, den Sieg von A bis Z im Voraus durchplanen möchten. Aber das bedeutet immer auch einen Verlust an Kreativität.
Taktik ist enorm wichtig. Vor allem für von ihren individuellen Fähigkeiten her schwächere Teams. Ich liebe Taktikdiskussionen, aber es gibt Dinge, die mich noch mehr begeistern: eine exzellente Technik, Kreativität und Spielwitz, Spielintelligenz. Ich switche jetzt mal zu einem ganz anderen Fußballer: Manuel Neuer, über den ich kürzlich ein Buch veröffentlicht habe. Zunächst haben mich vor allem die Philosophie seines Torwartspiels und die Integration dieses Spiels in eine bestimmte Mannschaftstaktik interessiert. Dann habe ich aber auch registriert, dass dieses Spiel nicht nur auf Philosophie und Taktik basiert. Sondern auch eine Form von Selbstverwirklichung des Menschen und Fußballers Neuer ist, Ausdruck seiner Persönlichkeit. Neuer spielt den Neuer. Und hatte das Glück, dass man ihn den Neuer spielen ließ, ihn nicht seiner individuellen Eigenheiten und Stärken beraubte. Fußballer sollten keine Soldaten sein. Ihn sollte auch gestattet werden, ein Stück ihrer Persönlichkeit auf das Spielfeld zu bringen.

Das Buch von Dietrich Schulze-Marmeling „George Best – der ungezähmte Fußballer“ könnt Ihr hier bestellen.

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Gut gepflegte Timelines sind mittlerweile voll von ihnen – Cartoons sind  exquisite Häppchen, die man beim täglichen Scrollen durch Facebook oder Twitter so leicht und gerne konsumiert wie einen selbstgebackenen Cracker mit einem Tomaten-Frischkäse Dip drauf. Ralph Ruthe und Oli Hilbring sind die bekanntesten Namen, aber daneben gibt es  viele andere großartige Zeichner, die mit ihren kleinen Gags Riesenspaß machen. Einer von ihnen und der wahrscheinlich Beste, wenn es um pointierte Alltagsbetrachtungen geht, ist Uwe Krumbiegel. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt.

foo: Wann merkt man, dass man ein Talent für Komik hat? Und vor allem, wann hast du gemerkt, dass du ein Talent zum Zeichnen von Cartoons hast?

Uwe: Es soll ja Leute geben, die erst mit 30 Jahren ihr Faible fürs Cartoonzeichnen entdecken. Anders bei mir: Mich hat dieses Thema schon als Kind stark interessiert und ich war etwa 12, als ich die ersten Gags aufs Papier gekritzelt habe. Ich wusste von Anfang an, wie Witze funktionieren, konnte aber leider nie so gut zeichnen, wie ich es gern gekonnt hätte.

foo: Wann hast du deine ersten Cartoons veröffentlichen können und wie kam es dazu?

Uwe: Mein erster Cartoon ist in der Tageszeitung „Junge Welt“ abgedruckt worden, als ich 15 Jahre alt war. Kurz darauf habe ich den Zeichenstift für viele Jahre aus der Hand gelegt, um mich ins chaotische und völlig unproduktive Jugendleben zu stürzen. Ich habe dann erst 10 Jahre später als Student wieder angefangen zu zeichnen.

foo: Du bist ja heute Ingenieur. Würdest du lieber von deinen Cartoons leben? Und wie erlebst du den Gegensatz zwischen deinem doch wahrscheinlich eher nüchternem Job und
deiner künstlerischen Tätigkeit?

Uwe: Früher fand ich den Gedanken durchaus reizvoll, hauptberuflich als Cartoonist zu arbeiten. Inzwischen sehe ich das etwas nüchterner. Der Job als Ingenieur ist sehr rational, aber auch abwechslungsreich und voller wichtiger sozialer Kontakte. Als Cartoonist schmort man im eigenen Saft und ist seinen Gemütsschwankungen ausgesetzt – einschließlich Selbstzweifel und kreativer Krisen. So gesehen bin ich irgendwie froh, meine Brötchen in erster Linie mit „richtiger Arbeit“ zu verdienen. Ich weiß gar nicht, ob ich einen Ganztagsjob zuhause als Zeichner psychisch aushalten würde. Im Übrigen steht man mit einem „normalen“ Job jenseits des Kunstbetriebs zwangsläufig mit beiden Beinen im Leben, was durchaus hilfreich sein kann.

Foto_Krumbiegel1Uwe Krumbiegel

foo: Wie entstehen deine Einfälle für Cartoons? Sehr spontan oder schleppst du manche Themen länger mit dir herum und hast dann erst später die zündende Idee?

Uwe: Das ist sehr unterschiedlich. Einige Ideen entstehen tatsächlich durch spontane Eingebung, allerdings muss man konzentriert und aufnahmefähig sein. Bei anderen Ideen geht mühevolles Grübeln und Nachdenken voraus. Und dann gibt es noch die halbgaren Einfälle, die erst zwei Jahre im Skizzenbuch reifen müssen, bis man eine clevere Lösung für die Umsetzung findet.

foo: Wann hast du Facebook für dich entdeckt? Und in welcher Weise haben digitale und soziale Medien dein Arbeiten verändert?

Uwe: Bei Facebook bin ich seit Anfang 2014. Freunde hatten mich ermutigt und so habe ich den Schritt dann endlich gewagt. Für mich ist diese Sache seitdem sehr spannend, denn ich war es bisher nicht gewohnt, direkte Feedbacks zu den Cartoons zu bekommen. Ich denke, dass die Vorteile überwiegen. Man kann seinen Bekanntheitsgrad steigern und hat ein besseres Gefühl dafür, wie das Publikum tickt. Ob das meine Arbeitsweise beeinflusst, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich zeichne weiterhin das, was ich gern möchte. Da ich deutlich mehr Ideen habe, als ich zeichnerisch schaffe, siebe ich aber die weniger erfolgsträchtigen Cartoons aus. Hier können die Erkenntnisse aus dem Facebook-Feedback tatsächlich nützlich sein.

foo: Viele deiner Kollegen geben mit ihren Zeichnungen auch immer mal wieder ein politisches Statement ab? Bei dir sind es meistens eher sehr pointierte Alltagsbetrachtungen, woran
liegt das?

Uwe: Ich mache ganz einfach das, was ich am besten kann. Da ich nur nebenberuflich zeichne, habe ich auch sehr wenig Zeit und versuche stets Themen aufzugreifen, die kein kurzfristiges Verfallsdatum haben. Im Übrigen sind gute politische Karikaturen ein schwieriges Metier. Die Sachverhalte sind meistens weitaus komplexer, als es in der öffentlichen Wahrnehmung erscheint. Viele Zeichner greifen dabei gern auf abgedroschene Klischees und schablonenhafte Gut-Böse-Darstellungen zurück. Das ist offen gestanden überhaupt nicht mein Ding.

Übrigens habe ich in den vergangenen Jahren tatsächlich in einigen wenigen Fällen mal einen Cartoon zu einem tagesaktuellen Thema gebracht. Nichts davon ist veröffentlicht worden und es war letztendlich schade um den Aufwand. Hatte ich schon erwähnt, dass ich der vermutlich langsamste Zeichner der Welt bin?

foo: footage ist ja auch ein Magazin für Fußball. Kannst du damit was anfangen?

Uwe: Als Teenager habe ich die Spiele der damaligen DDR-Oberliga sehr intensiv verfolgt, nach der Wende hatte dann mein Interesse am Fußball etwas abgenommen. Aber ich sehe mir bei Welt- und Europameisterschaften immer noch gern Fußballspiele an. Übrigens wäre die Bundesliga für mich deutlich spannender, wenn eine Mannschaft aus Sachsen oder wenigstens Mitteldeutschland mitspielen würde.

foo: Und wir sind ein Magazin für Midlife-Crisis, hattest du schon eine oder gibt es so etwas gar nicht?

Uwe: Die Midlife-Crisis gibt es tatsächlich, leider. Alles schon erlebt. Wäre jetzt eigentlich auch mal ein gutes Thema für einen Cartoon.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

>>> Uwe Krumbiegels Homepage

>>> Uwe Krumbiegel bei Facebook

 

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6 Antworten für Ronald Reng

Eines Tages stand Steven Spielberg vor dem Spiegel, sein Blick wanderte prüfend über sein Antlitz, als ihm ein folgenschwerer Gedanke in den Kopf schoss. „Scheiße“, dachte der Regisseur. „ich bin ja der Spielberg.“

Von diesem Moment an war klar, Spielberg würde keine Filme mehr machen, sondern nur noch „Spielbergs“.

So, oder so ähnlich muss es im besten Sinne auch Ronald Reng ergangen sein. Seit er vor elf Jahren sein Debut „Der Traumhüter“ in die Buchläden gebracht hat, hat er ein Genre geprägt. Wenn Ronald Reng über Fußball schreibt, dann erzählt er Geschichten. Journalistisch sauber recherchiert, aber eben nicht stumpf biographisch. Informativ und präzise und immer unterhaltsam, ohne dabei diese seltsame Form von Fußballhumor bedienen zu müssen, die in Bücherregalen Raum greift, wie die Doppelsechs im defensiven Mittelfeld.

Das neue Buch, „Mroskos Talente“ ist vor allem unverkennbar ein „Reng“. In „Mroskos Talente“ steht ein Berliner Fußballer im Mittelpunkt, der verletzungsbedingt früh in eine neue Rolle gezwungen wird und nach einem Intermezzo als Ladendieb Talente für die Proficlubs aufspürt.i

Eines Tages steht Lars Mrosko vor dem Spiegel…

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Kaufen Sie das Buch bei Piper!

Als Steven Spielberg an jenem Tag in der Footage-Redaktion anruft, um das Team zu einer spontanen Geburtstagsfeier im engsten Kreis einzuladen, macht sich ein bisschen Panik breit. Was schenkt man einem Mann, der schon alles hat?

Nach Minuten nervösen Schweigens stellt plötzlich ein schlaues Redaktionsmitglied eine noch viel philosophischere Frage: Was fragt man einen Mann, der schon alles weiss? Wir tauschen also die Rollen:

footage:  „Jogi Löw und Cristiano Ronaldo.“

Ronald Reng: Wen hat der Otto-Versand als Werbepaar für seine AEG-Haartrockner-Serie verpflichten können?

footage: „Ja schon – aber da können Spielerberater am Ende einfach nicht aus ihrer Haut.“

Ronald Reng: Ist es nicht irrsinnig, dass so manche Vertragsverhandlung im Jahr 2015 immer noch an Autobahn-Raststätten stattfindet?

footage: „Das habe ich selbst nie richtig verstanden.“

Ronald Reng: Warum wurde Eintracht Frankfurt 1993 in Rostock nicht deutscher Meister?

footage: „Wahrscheinlich in einem weißrussischen Freudenhaus.“

Ronald Reng: Wo entdeckte der SC Freiburg 2008 seinen Neuzugang mit Namen Alain Junior Ollé Ollé?

footage: „Ja, der nervt wirklich nur noch. Wenn es wirklich jemanden gibt, den ich in diesem ganzen Zirkus weder sehen noch hören kann, dann ist es er. “

Ronald Reng: Übertreibt Ronald Reng nicht ein wenig mit seiner Begeisterung für die Spielweise des FC Barcelona?

footage: „Niemals. Da hänge ich freiwillig lieber noch mal bei Lanz rum.“

Ronald Reng: Würden Sie für Kickers Offenbach spielen?

 

Vielen Dank für das Gespräch, Ronald Reng. Wie versprochen verlosen wir ein signiertes Exemplar von „Mroskos Talente“. Wer beantwortet auf unserer Facebookseite als erster folgende Fachfrage:

Welcher Satz eines großen deutschen graecophilen Trainers wird immer dann gern zitiert, wenn es darum geht, körperliche Vorzüge in Relation zu repetitiver Einübung zu setzen?  

Die Fragen stellten Sascha Theisen und Axel Post

Nachtrag: Ein signiertes Exemplar gewinnt unser Leser Norbert Windeck. Die richtige Antwort lautet: „Größe kann man nicht trainieren“. 

 

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„Kennen Sie Djibril Sow?“ – was klingt wie ein neues cineastisches Werk der Coen Brothers mit John Goodman in der Hauptrolle, ist in Wahrheit die große Hoffnung von Borussia Mönchengladbach – also der Zweiten von Borussia Mönchengladbach. Djibril Sow ist Jahrgang 1997, also zu einer Zeit geboren, als ich auch noch in einer zweiten Mannschaft spielte, aber ziemlich weit davon entfernt war, irgendeine große Hoffnung zu sein.

Mal ehrlich: Zweite Mannschaften haben noch nie irgendwo auch nur einen vernünftigen Menschen interessiert. In Stockheim, wo ich damals fester Bestandteil des Mittelfelds einer zweiten Mannschaft war, kannte man uns eher vom weg gucken und wenn man doch hinschaute, war die Reaktion eher ein Kopfschütteln, denn ein vielleicht anerkennendes Nicken. Nachdem selbst mein Vater irgendwann mit den Worten „Das tue ich mir nicht mehr an!“ desillusioniert aufgehört hatte, unsere Spiele zu besuchen, kamen nur noch zwei dicke Mädchen an den Spielfeldrand, von denen eine mit unserem Vorstopper liiert war, der in unserem Mannschaftskreis ob seines beeindruckenden Gemächts nur „Die Zucchini“ genannt wurde, was aber ein anderes Thema ist oder war.

Ob Djibril Sow ein beeindruckendes Gemächt hat, wage ich nicht zu spekulieren und es ist am Ende auch egal. Viel wichtiger ist nämlich, dass zweite Mannschaften nicht nur in den Untiefen der Dürener Kreisligen völlig belanglos sind, sondern eben auch in den von dort aus gesehen vermeintlichen Höhen der Regionalliga. Und doch bevölkern sie die Regionalligen wie hoffnungsvolle Nachwuchstalente ihre Kader. Borussia Dortmund, Schalke 04, Fortuna Düsseldorf, der 1. FC Köln und eben Borussia Mönchengladbach im Westen, der VfL Wolfsburg, der Hamburger SV, der FC Bayern, der 1. FC Nürnberg und fast jeder Zweitligist in den anderen Regionalligen. Sie sorgen mit ihren Mannschaften für kontinuierliches Desinteresse an deren Spielen und ganz nebenbei für ein gehöriges Maß an Wettbewerbsverzerrung.
Es ist gerade mal ein paar Wochen her als nicht etwa Alemannia Aachen und der VfB Lübeck oder von mir aus der SV Meppen um den Aufstieg in die dritte Liga spielten, sondern die Zweitvertretungen von Werder Bremen und eben Borussia Mönchengladbach. Anstelle von ausverkauften Stadien bedeutete das in beiden Spielen zusammen nicht mal 14.000 Zuschauer, die in den Vereinsgazetten in Bremen und Mönchengladbach wie eine wahre Zuschauerexplosion gefeiert wurden. Statt Tränen, Euphorie und totaler Leidenschaft auf den Rängen hieß es an Niederrhein und Weser damals: „Schönes Wetter heute, da gehen wir mal hin!“. Na Dankeschön! Aufgestiegen ist damals Werder Bremen, was schon eine halbe Stunde später allen Beteiligten außerhalb der Umkleidekabine herzlich egal war.

Neben Djibril Sow könnten in diesem Jahr noch ganz andere Namen in den Regionalligen auflaufen. Im Sekundentakt laufen derzeit die von Bundesliga-Trainern angekündigten Härtefälle über die Ticker der Nachrichtendienste und man muss – Achtung Floskel – wahrlich kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass eben genau diese Härtefälle bald in Aachen, Oberhausen oder Verl ihre Chance bekommen, sich wieder ins Blickfeld zu spielen. Wettbewerb sieht anders aus.

Kurz: Wer braucht eigentlich zweite Mannschaften, außer vielleicht die dicken Mädchen am Spielfeldrand? Richtig, niemand braucht sie! Ich jedenfalls nicht! Trotzdem will ich sie auch niemandem wegnehmen. Die sollen machen, was sie wollen. Nur mich sollen sie gefälligst in Ruhe lassen. Und damit sie das tun, habe ich auch gleich eine Lösung parat. Wie wäre es mit der Wiederbelebung der guten alten deutschen Amateurmeisterschaft? Jene Meistershaft, bei der früher Rot-Weiß Essen und Jülich 10 dominierten? Her damit! Da könnten sich alle Zweitvertretungen der Profimannschaften tummeln wie sie wollten. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit könnten sie kicken, nur vor ein paar Spielerberatern übelster Sorte und so ihren Zweck erfüllen, der eben einzig und allein darin liegt vielversprechenden Jungs wie Djibril Sow ein bisschen Spielpraxis zu geben.

Der gibt dann alles gegen all die anderen Djibril Sows, nur um irgendwann einmal vor einem ausverkauften Haus voller leidenschaftlicher und kompromisslos zu ihrem Verein stehenden Fans zu spielen – so etwa wie in Aachen, Offenbach oder ja von mir aus auch Essen. Und da man ja nett sein soll zu jungen Menschen, wünsche ich Djibril Sow, Jahrgang 1997, genau das für seine fußballerische Zukunft. Bis dahin kannst er von mir aus Deutscher Amateurmeister werden. Davon hätten dann alle etwas.

Dieser Text erschien anlässlich des ersten Regionalliga-Heimspiels von Alemannia Aachen als TORWORT-Kolumne im Tivoli-Echo, dem Stadionheft der Alemannia.

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Der footage-Cityguide Ingolstadt

Götzis, Oberwiesental, Zakopane, Kuusamo, Lake Placid, Castel di Sangro. Immer wieder drängen Orte auf die Landkarten der Wahrnehmung, von deren Existenz ohne den Sport wohl niemand je Notiz genommen hätte.

Mit Ingolstadt ist das ein bisschen anderes. Nimmt man auf der A9 beim Outlet den Fuß vom Gas seines Audi, dann hat man gute Chancen, bis zum Parkplatz der Allianz-Arena auszurollen. Für Sport steht Ingolstadt höchstens durch den recht erfolgreichen Eishockey-Club ERC. Dabei hat sich heimlich, still und fast leise, ein anderer Traditionsclub Schritt für Schritt in der erste Bundesliga gearbeitet.

Damals, als Schanzer und Fugger am Ufer der Donau die Säbel kreuzten – man schrieb das Jahr 1304 – entstand Deutschlands ältester Fußballverein. Weil man hierzulande sehr konsequent auf Hopfenanbau setzte und energisch gegen die Fuggersche Kommerzialisierung einstand, hat es das komplette Mittelalter über die Baby Boomer Generation bis weit in die Virtualität gedauert, bis der FCI 04 das Oberhaus erklimmen konnte.

Der Lohn für die mühsame aber nachhaltige Entwicklungsarbeit dürfte dafür klar sein: Der FCI ist keine Eintagsfliege. Der FCI is here to stay.

Aus diesem Grund haben wir unseren Bayern-Korrespondenten Bernhard Schilling, noch bevor wir ihm die bayerische Mundart restlos ausprügeln konnten, gebeten, den Fußballfreunden ein bisschen Orientierung in der schönen, neuen Fußballwelt zu geben. Von Uns, für Euch, zum kostenlosen Download: Der Cityguide-Ingolstadt

Cityguide-Titel

Danke, Bernhard.

 

 

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Robin AM mit spektakulärem Debut

Es ist ein später Dienstagnachmittag, als Robin Meijerink und Hilko Meyer das footage-Office in der Lichtstraße betreten. Obwohl das Thermometer satte 37 Celsiusgrad anzeigt, machen beide einen aufgeräumten Eindruck. Ich biete kaltes Pils an, die beiden entscheiden sich für ein Wasser. 

Robin und ich kennen uns flüchtig. Mit Hilko habe ich eine Zeit lang den Arbeitgeber geteilt. Solange, bis sich der Arbeitgeber seinerseits zerteilt hat. So liefen die Dinge vor 15 Jahren. Heute ist vieles stabiler. 


Axel Post: Ihr habt schon immer zusammen Musik gemacht, richtig? 

Robin Meijerink: Ja, wir waren vor 15 Jahren schon Nebendarsteller in einer Band. Die hat sich damals aufgelöst. Es gab dann eine Reihe von Projekten die interessant waren aber alle irgendwann daran scheiterten, dass Leute weggezogen sind oder Beziehungen wichtiger waren. Irgendwann war ich dann so genervt, dass ich mich entschlossen habe, alleine weiter zu machen. Ich habe Gesangsunterricht genommen und mir Logic draufgepackt. Dann habe ich angefangen zu schrauben. 

Irgendwann tauchte Hilko wieder auf. Ich habe ihm die Sachen vorgespielt – und er fand sie super. Seitdem schreiben wir die Songs zusammen und machen Alles gemeinsam.

Hilko Meyer: Das Ganze geschieht natürlich in dem Bewusstsein, dass es ein Marathon ist. Man kann die Dinge zu Zweit bis zu einem gewissen Punkt treiben, und dann ist man auf Dritte angewiesen. In unserem Fall ist das zum Beispiel Philipp Janzen von Von Spar, der die meisten Nummern produziert hat. Wir wissen, das dauert. Aber das ist gut so. Ich würde mir Wünschen, dass wir das noch eine Zeit so machen.

Robin: Textlich ist das nicht anders. Manchmal dauert es ewig, bis eine Idee da ist, dann geht es aber oft ganz schnell. Zuletzt wollten wir einen Song machen, über Dinge, die man in bestimmten Altersstufen falsch machen kann. Mit der Essenz, dass es sich eigentlich in jedem Alter gleich schlecht anfühlt. Der Song war dann recht schnell fertig. Leider wurde der dann total „höhnerartig“ und wir haben ihn verworfen… 

Hilko: …ist aber in der Schublade…;-)

Axel: Hatte der Song denn dann einfach eine zu große Leichtigkeit für Euer Konzept? Ihr müsst wissen, ich bin ein Leichtigkeitsverfechter und habe selbst Eric Pfeil in seinem Todeszyklus Leichtigkeit unterstellt.

Robin: Leichtigkeit ist sehr schwierig. Ich kenne Eric gut. Er kann das natürlich textlich humoristisch umsetzen, ohne, dass das total „ärtztemäßig“ wird, aber ich kann das überhaupt nicht, und Hilko?

Hilko: Dort den richtigen Grat zu treffen, finde ich kolossal schwer und ich kenne auch wenige, bei denen ich es gelungen finde. 

Robin: Im Deustchen ist es total schwierig. Moritz Krämer zum Beispiel hat dieses Augenzwinkern. Das finde ich super. Aber es droht auch immer, in eine Niedlichkeit zu kippen. 


Axel: Ähnlich ist es mit Pathos. Man muss das, glaube ich, können. Der deutsche Mainstream-Pop kippt so grauenvoll ins Jämmerliche, dass er zur Vorlage für PEGIDA wurde. 

Robin: Oh, da muss man total aufpassen. Wir haben gerade darüber gesprochen. Mit einem Song wie „Manipuliert uns“ würde ich mich heute vielleicht schwertun, weil er eventuell eine Ihr-da-oben-wir-hier-unten-Lesart bekommen könnte. Das kommt zwar von Außen. Es verändert aber trotzdem den Song in seiner Wahrnehmung. 

Hilko: Ich glaube einfach, dass man da auch nicht zu streng sein darf. Man schreibt ja erstmal unschuldig. Man arbeitet mit Ideen und Worten. Das Abgleichen kommt ja eher später. Das ist bei uns ein langer Prozess. 

Robin: Wir nennen das Entpeinlichen.


Axel: Euer Video ist fantastisch. 

Robin: Welches?

Axel: Diese Stadt ist nur Kulisse. Hast Du das komplett selber umgesetzt?

Robin: Danke. Ja. Es sollte ein unbedingt ein Stadt-Video werden. Lange Zeit haben wir überlegt, wie wir das mit 3D-Modellen umsetzten können. Mit Cinema 4D hätte das aber wieder bedeutet, dass man mit Experten zusammen arbeiten muss. Ich bin dann irgendwann auf ein Kunstprojekt namens „GTA without textures“ gestoßen. Das hatte so einen schönen Murakami-Vibe. Dann hat Rockstar-Games bekannt gegeben, dass es innerhalb von GTA einen so genannten Director-Mode gibt. Dort kann man die Szenen sehr detailliert einstellen und im Nachgang die Kamera positionieren. 

Axel: Ihr seid beide berufstätig und Familienväter. Wenn jetzt der mediale Hype zuschlägt, wovon wir stark ausgehen, wie seid Ihr dann vorbereitet? Geht es dann auf Europatour?

Hilko: Nein. Es gibt eine Politik der kleinen Schritte. Wir machen alles selbst. Zunächst kümmern wir uns mit Bordmitteln um die Promotion. Um das Live-Thema drücken wir uns ein bisschen herum. Wir nehmen dann gern einfach neue Songs auf. Wir haben wahrscheinlich Material für zwei weitere Alben fertig. Das macht natürlich nur begrenzt Sinn. Wir wissen, dass wir das Ganze bald live umsetzten müssen. Es ist aber noch unklar, wie das genau passieren soll. 

Robin: Es geht bei solchen Projekten natürlich immer eine ganze Menge Zeit drauf. Aber das ist ja auch ein bisschen der Sinn der Sache. Das Songwriting ist im eigentlichen Sinne der Antrieb. Songs zu schreiben macht den meisten Spaß. Irgendwann sitzt man einfach wieder mit dem Rechner auf dem Sofa. So eine kleine Perle heraus zu „carven“ aus dem Nichts – das ist geil.

 

Robin AM im Netz

 

 

 

 

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Unser Sonderheft zur neuen Bundesliga-Saison besteht nur aus einer bockstarken Seite. Statt Mannschaftsfoto-Content gibt’s Geschichten zu Begriffen, die neu definiert werden müssen.

Medizincheck

Immer mehr gestandene Profis fallen durch Medizinchecks. Schusswechsel und Nierenwerte haben dabei den guten alten Muskelbündelriss abgelöst. Nun sollen die ärztlichen Untersuchungen  auch an den Stadiontoren für die Fans eingeführt werden. Anhänger, die an großer Fußballbegeisterung laborieren, müssen dann genauso draußen bleiben wie die Hunde auf den berühmten Schildern.
Willkommener Nebeneffekt: Durch die zunehmende Suburbanisierung der Liga mit Spielorten wie Leverkusen, Hoffenheim oder Ingolstadt, wird der Landärztemangel dort durch Sportmediziner behoben. Eine Win-Win-Situation für einige Beteiligte.

Identifikationsfigur

Identifikationsfiguren waren mal. In der Bundesliga ohnehin schon rar gesät sollen sie mit dem Ende der Legende Steven Gerrard, dem Weggang von Bastian Schweinsteiger und dem Ausscheiden von Iker Casillas beim gefühlten Bundesligisten Real Madrid endgültig von der Bildfläche verschwinden.
Als Ersatz plant der DFB oder die DFL den Bau eines Identifikationsfigurenkabinetts. Hier werden die alten Recken in Wachs gegossen oder in Stein gemeißelt. Ein beliebtes Ziel für Schulausflüge, auf denen die Pennäler dann Typen wie Seeler, Körbel oder eben Schweinsteiger mit ihren Buntstiften bekritzeln können. Selfies sind dort leider verboten.
Parallel möchte die DFL oder der DFB den Begriff der Identifikationsfirmen einführen und mit einer breit angelegten Kampagne publik machen. Unternehmen wie Bayer, VW oder Red Bull werden dabei echte Typen verkörpern. Das Projekt läuft solange, bis der erste Fan eine Träne verdrückt, wenn sich eine der Firmen aus dem bezahlten Fußball zurück zieht.

Profikarriere

Erinnert sich noch jemand an  Klaus Fichtel? Der Mann hat mit 43 Jahren noch Bundesliga gespielt. Heute verkünden Nationalspieler schon U30 ihr Karriereende, Männlein wie Weiblein. Für viele aus der Generation A-Z sind Fußballvereine nur noch Durchlauferhitzer. Kein Sprungbrett für eine internationale Karriere sondern für die Gründung eines Start-Ups, die ja früher noch Tabakwarenladen genannt wurden. Schon bald werden selbst beim FC Bayern die größten Talente nur noch ein sechsmonatiges Praktikum absolvieren, um sich danach auf die Entwicklung eines Online-Lieferdienstes für irgendwas zu konzentrieren.

Wer mag kann sich den Artikel ausdrucken, und daraus eine Stecktabelle basteln.

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Die 17 Fehler, die man nur einmal im Leben macht, sind mir heute direkt am Morgen unterlaufen. Trost bei Freunden war gefragt, aber ich kenne nur die 15 Paare, mit denen Du lieber nicht befreundet sein willst. Ein Buch schien mir eine gute Alternative zu sein, aber prompt machten sich 121 Gedanken in mir breit, die man man halt so hat, wenn man versucht zu lesen.

Bilder statt Buchstaben, dachte ich, und es bauten sich 26 Fotos vor mir auf, die so vollkommen waren, dass sie mich komplett reinzogen. Anstrengend. Als schlafloser Vater gönnte ich mir schnell 19 Tatsachen, die Du nur verstehst, wenn Du immer müde bist. Doch dann tauchten plötzlich 23 Väter vor mir auf, die cooler sind, als ich es je sein werde.

Ich stürzte mich in Arbeit und wurde ohne große Ladezeiten von 14 Webseiten besucht, die mich retten, wenn mein Tag im Büro die Hölle ist. Doch damit nicht genug – jemand machte mir auch noch 21 Zeichen, die mir zeigten, dass ich eine Oma im Körper eines 20jährigen bin. Da hatten mir dann die 25 Fakten, bei denen ich mich unglaublich alt fühlen werde, gerade noch gefehlt. Anderen geht es aber nicht besser und so zog ich mir 19 Leute, die Dich in der Bahn ratlos zurück lassen, an den Haaren herbei.

Meine Schadenfreude währte kurz, da wurde ich 23 Tier-Selfies zum Fraß vorgeworfen, die mein Leben perfekt zusammen fassten. Kurz danach pflanzten sich 14 Bilder von Obst und Gemüse, die glücklicher sind als ich, in mir ein. Spätestens jetzt blieben mir nur noch 22 Momente übrig, in denen ich mein Leben im Griff hatte. Ein schwacher Trost, der direkt verjagt wurde – von in der Summe dann doch erstaunlichen 108 Gedanken, die ich jedes Mal bei MediaMarkt habe. Mir blieb nur noch 1 Gewissheit – und dafür legt man zum Glück keine Liste an.

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Es ist nicht mehr als politisch korrekt und billig, den Damen mindestens das Engagement zuzusprechen. „Es ist nicht mehr so schlimm wie früher!“, „Da hat sich schon was getan!“ oder „Das kann man sich mittlerweile wirklich angucken, teilweise!“ – gängige und gern gesprochene Statements, die die Fußball WM der Damen in den letzten Wochen begleiteten. Anders ausgedrückt könnte man auch sagen: „Du kochst fast so gut wie Mutti!“ – sagt man aber nicht, weil es ein Frauenbild bedient, das nun wirklich niemand mehr möchte, außer Söhne vielleicht, die gerne und gut bei Muttern speisen. Das aber ist ein anderes Thema.

Nun ist es also vorbei. Endlich? Nein – so weit sollte man nicht gehen, oder? Denn wie votet das Fußballvolk da draußen: „Das Ganze kann man sich mittlerweile wirklich angucken, teilweise!“ So viel Zeit muss schließlich sein, auch wenn in Zukunft Turbine Potsdam gegen FF USV Jena weiter ohne Öffentlichkeit auskommen muss.

Die deutschen Nationalmannschaft der Damen hat das WM-Halbfinale der Frauen verloren und steht nun nur noch vor dem Spiel um Platz 3. Sportlich nicht so schlecht, möchte man meinen, denn wer kann schon von sich selbst behaupten zu den vier Besten in seinem Metier zu gehören. Richtig! Maximal noch drei andere! Respekt also, Mädels! Wir sehen uns am Brandenburger Tor oder mindestens am Frankfurter Römer. Nein? Warum denn nicht? Ach – in München wird Douglas Costa vorgestellt. Douglas wer? Ach der!

Eine Sache aber noch, bevor es ins kleine Finale geht: Macht doch einfach mal Euer eigenes Ding, wenn schon alle zusehen. Denn mal ehrlich: Eine Doris, die sein will wie Oliver ist ein bisschen wie Yoda in der Enterprise.

Frauenfußball ist wie Pferderennen mit Eseln! Ein wenig charmanter Vergleich, der aus den Anfangszeiten des Frauenfußballs stammt und für zufriedene Bierbauchstreicheleinheiten in so manchem Fernsehsessel sorgen dürfte. Zu Zeiten einer Heidi Mohr mochte er noch gelten, aktuell höchstens noch bei den Damen aus Nigeria oder Thailand. Auch das Ausdruck einer Entwicklung, die man(n) nicht weg diskutieren kann. Nein – aus ihren technischen und taktischen Fähigkeiten kann man den Fußball-Damen schon lange keinen Strick mehr drehen. Wohl aber aus dem Schlüsselreiz-Reflex, dem männlichen Original nachzueifern. Denn zum Original wird immer das, was imitiert wird. Und genau das taten Silvia Neid, Doris Fittchen & Co aber in diesem kanadischen Sommer – wohl in dem Gedanken: Was gestern klappte, ist heute gut! Silvia wollte also sein wie Jogi – in jedem Interview, in jeder kanadischen Minute – gut in Szene gesetzt von den Momente-Experten des DFB. Was sie dabei ganz vergaßen: Wer will schon Frauen sehen, die sein wollen wie Männer? Egal – jetzt ist es eh vorbei.

Und so bleibt am Ende immerhin die Gewissheit: Es ist nicht mehr so schlimm wie früher!

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Ralf stand vor seinem Spiegel. Er überlegte. Sollte er den zweiten Knopf seines ETERNA-Kurzarm-Hemdes öffnen oder sollte er ihn dort lassen, wo er war. Er war nicht sicher. Das war nicht seine Stärke, das wusste er. Das nicht. Seine Stärke waren Österreicher, Brasilianer, Schweden. Kein Abfall versteht sich – teure Österreicher, teure Brasilianer, teure Schweden. Da kannte er sich aus, da war er zu Hause. Geld spielte keine Rolle – nicht mehr. Ein beherzter Griff in die Kasse und schon hatte er einen Schweden mehr an seiner Seite.

Aber natürlich kaufte er auch nicht jeden: Er achtete auf den Händedruck, bevor er sie kaufte. Drückte etwa ein Brasilianer seine Hand zu lasch, dann würde er dessen Favela nicht retten können. Denn nicht weniger tat er, wenn er sie kaufte. Soziale Absicherung und der Erhalt von südamerikanischem Lebensraum durch den Zukauf von brasilianischen Knaben, die so später die finanzielle Potenz erhielten, ihre Favela mit Strom, Wasser und einer Bronzestatue von sich selbst auszustatten. Engagement – nannte er das, wenn er zu Hause saß und seinen Kindern von seiner Arbeit mit den Österreichern erzählte. Ein fester Händedruck allerdings war Voraussetzung dafür. Dann kaufte er den Mann, investierte in dessen Lebensraum. Ein fester Händedruck – dann hielt Ralf ihn für geeignet, seinen unwiderstehlichen Weg zu gehen.

Ralf merkte, das er sich verlor in seinen Gedanken. Das passierte ihm manchmal. Es war etwas, das er hasste an sich, an seinem Über-Ich, dass er doch eigentlich so sehr liebte. Er musste gedanklich zurück zu diesem zweiten Hemdknopf, sich wieder sammeln, sofort. Es gelang ihm. Ralf fokussierte sich und entschied, den Knopf nicht zu öffnen. Verantwortung übernehmen! Raus aus der Komfortzone! „Hier fängt es an“, dachte Ralf. Der Knopf blieb zu, seine Entscheidung!

Kurz checkte er den Hemdkragen. Der Aufdruck des Logos war da, wo er all da die Jahre gewesen war – links vom Betrachter aus gesehen, vergleichsweise großflächig, wenn es das gibt auf einem Hemdkragen. Nach Victoria-Versicherungen, nach TV Digital oder nach Gazprom, war es jetzt halt dieses hier. Ralf wusste: Es hat keine Bedeutung, was auf dem Hemd steht. Es ist einzig und allein wichtig, WER in dem Hemd seinen Mann steht. Und niemand stand so kerzengerade wie er – höchstens der kleine Ralf, wenn er an den großen Ralf dachte. So weit war es jetzt aber nicht. Noch nicht.

Ralf mochte das Logo nicht besonders. Die Botschaft, die von ihm ausging, missfiel ihm. Zwei Stiere, die hoffnungslos und völlig übermotiviert gegeneinander rennen – das mochte er nicht. Das war nicht geordnet genug. Seit Jahrzehnten predigte er, dass es darum geht, die Positionen zu halten, den Gegner fern zu halten, sich ballorientiert zu verschieben, immer aufeinander abgestimmt. Das Gegenpressing, ja das Gegenpressing, das hatte er erfunden – damals als alle noch von „nachsetzen“ gesprochen hatten. Als er daran dachte, huschte ihm ein debiles Lächeln über die Lippen – ein Lächeln, das zeigte, dass er wusste, was in den nächsten fünf Jahren mit ihm passieren würde: Meisterschaften, Champions League Siege, ein Drink mit Pep. Ach würde er froh sein, wenn er sie endlich nicht mehr sehen muss – diese Lieberknechts, diese Büskens, diese Lienens. Arbeiter ohne jeden Esprit – nicht wie er.

Ralf schaute wieder auf den Kragen und fast wurde er ein bisschen zornig, als er diese Stiere sah. Geordnet musste es sein – immer. Ordnung! Die Ordnung müssen wir halten – das ist der Schlüssel, das ist „The key!“. Und dann diese beschissenen Stiere, die schnaubend ineinander rein rennen, wie einst die obligatorischen deutschen Vorstopper Marke Förster, Marke Wörns, Marke Kohler. Spielertypen, die er höchstpersönlich abgeschafft hatte. Nein – er mochte das Logo nicht. Aber ertrug es – so wie die Brause, die er auch nicht wirklich mochte.
Wieder huschte dieses Lächeln über sein Gesicht. Wenn die da draußen wüssten, dass sein Verein gar nicht „Rasenball“ heißt. Diese Amateure! Er hielt sich die Hand vor den Mund und lachte. Beinahe entglitten ihm die Gesichtszüge. Rasenball. Was für ein Schachzug war das nur wieder gewesen und niemand hatte es bemerkt. Ralf mochte sich jetzt mehr denn je. Wieder schaute er auf den Knopf, dann dachte er an die Favela von Roberto Firmino, an fröhlich spielende Kinder dort. „Schade“, dachte Ralf, „so schade, dass Kevin Volland Deutscher ist“. Er wäre prädestiniert gewesen für eine Favela, wie die, die Ralf befrieden wollte. Vollando – das wäre schön gewesen. Aber wieder merkte Ralf, dass sich seine Gedanken verloren. Um Volland musste er sich später kümmern. Er musste nun raus, um es zu verkünden.

Schließlich übersah er das Logo an seinem Hemdkragen einfach. Er sah sich selbst an und irgendwie war er begeistert von sich selbst. Er mochte, was er sah. Er sah jemanden, der es richten kann. Ja – vielleicht sah er den einzigen, der es richten kann. Und genau deshalb stand er ja auch hier, letzten Endes. Denn niemand – und das war Ralfs ganz große Tragödie – war wie er. Mehr noch: Niemand würde je so sein wie er. Und deshalb sagte er sich das jetzt auch laut und deutlich ins Gesicht – in das Gesicht, das sich im Spiegel so erhebend vor ihm aufbaute. Ralf sagte sich: „Also, ich würd´ Dich ficken!“

Zackig drehte er sich um, ließ den Spiegel hinter sich. Den zweiten Hemdknopf geschlossen, setzte er sich auf das Podium, das über und über voll war mit diesen undisziplinierten Stieren und verkündete all diesen Unwissenden vor ihm, dass Ralf nun der neue Trainer sei. Er war glücklich und wusste, Rasenball hatte nun den Trainer, den es verdient. Endlich.

Dieser Text wurde am 11. Juni bei TORWORT gelesen und ist pure Satire, nichts weiter!

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Wir waren zu fünft und drei von uns hatten gerade verloren – kein Spiel, nur Frauen! Nicht schlimm, wie das Leben zeigen sollte. Damals vor allem, ein Grund zu trinken. Eher das. Immerhin das. Nicht jede Niederlage ist ein Desaster.
Es war seltsam, dieses Pfingsten zu Beginn der Neunziger: Freddie Mercury war gestorben und Karl-Heinz Feldkamp wie zu seinem Gespött mit dem 1. FC Kaiserslautern Deutscher Meister geworden. Ein Fliegenschiss war das, was drei von uns dagegen verloren hatten. Manchmal kann selbst der Tod ein Trost sein, wenn das Leben Karl-Heinz Feldkamp heißt.

Wahrscheinlich war es nicht

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21. Mai, 10 Uhr früh. Sagt sie: „No, mister. This pass number is not guilty. We don’t can send the money.”

Mir klingeln die Ohren. Drei Sätze, so fein, so treffend wie Brehmes Elfer in der Nacht von Rom, ein Königsmoment wie Malcolm Youngs erster Riff bei Let there be rock.

Zeitschriftenladen mit integrierter Postbank, Dorfmitte irgendwo in der Holledau, ganz tiefes Oberbayern.

Und du stehst nur knapp einen Meter vom Ort dieser wundersamen verbalen Entgleisung entfernt, wettest mit Dir selbst um einen Kasten, dass die beiden heute wohl nicht mehr zusammen kommen, und saugst Vokabular, Aussprache und Grammatik dieses überheblichen Schäfchens genüsslich auf.

Die Nummer der gewundenen Bergstraße also doch nicht aufm Weg in Knast, „money“ prononciert wie der Manni vor Kaltz, das Tee-Aitsch ein Ohrenschmaus in sis und se. Wo das allseits überlegene bayerische Schulsystem dann vermeintlich sauber greift, ist bei der Verbverneinung, die ja im Präsens mit don’t und doesn’t zu konstruieren wäre. Blöd nur, dass diese Regel bei Hilfsverben nicht giltet! Zefix! Hat Prinzessin im Unterricht mal wieder nix gecheckt, oder war – immer eine super Ausrede – in besagter Woche mit Menstruations-beschwerden zum x-ten Mal krank.

Kettcar drängen sich mir auf, „Im Taxi weinen“, geiler Song. Hier gibt’s keine Taxis.

Mister verlässt sichtlich angeknockt den Laden, mehr als gegenseitiges Achselzucken war zwischen ihm und der Prinzessin nach besagtem „We don’t can…“ nicht mehr drin.

Wette souverän gewonnen! Ich tippe bei ihm auf Spargelerntehelfer aus Osteuropa, des Deutschen nicht mächtig, er wollte im Laden wahrscheinlich Geld in die Heimat transferieren. Geht schon irgendwie weiter, Junge, an Sprachbarrieren, fremder Kultur und halbdementen Tussen stießen auch schon Sportriesen à la Sammer (Italien), Becker (Besenkammer) und Lothar (Lolita) amtlich an ihre Grenzen.

Wir sind also auf dem Dorf, Spargel- und Hopfenland, alles leicht homophob und zunehmend xenophob hier. Lebensqualität so Richtung Wolfsburg oder Oklahoma. Kettcar kennt man hier NICHT als Band, es gibt Pizza Casa mit allem, Cappuccino Tedesco mit Sahne, man hört Jon Bovi (!!!), und Belletristik kaufst du bei Rewe kurz vor der Kasse rechts. Freitags der Höhepunkt: Heavy Metal Partys im Bauwagen neben die Kiesgrube.

Verspüre hier seit Mitte 2013 einen permanenten Brechreiz. Aber war ja klar, dass sich der Schilling mal wieder als Depp manifestiert und aufgrund billigerer Mietpreise Stadtflucht begeht. Super Idee, Schilling wandelt seitdem intellektuell auf den Pfaden von FDP, Phil Rudd oder Maren Gilzer. Leistungsvermögen so um die 3 Prozent. Weil, wenn bei einem eh schon nicht besonders viel Leistungsstärke da ist und davon geht noch was weg, dann: zweite Liga, dritte Liga, Burghausen, Regensburg, Wattenscheid.

Zum Glück gibt’s einen Bus. Der fährt dreimal am Tag in die große Stadt, letzte Abfahrt 18 Uhr Fünf. Den nimmst du, und spätestens ab Forstwiesen kommt das Adrenalin. Die Stadt, die geile Stadt!! INGOLSTADT!

Bier mit den Kumpels, Döner, Cappuccino ohne Sahne, Kneipen, Bier mit den Kumpels. Und Musik!!! Herrlichste Mucke!! Im Englwirt Hardcore, Punk, Alternative Rock. Bad Religion, AC/DC, Faith No More, Rage Against The Machine. Im Café Detter die Jukebox mit Griechischer Wein. Im Tagtraum Caribou, Friska Viljor, Kettcar, Slut, Pelzig.

Und…. THE NOTWIST. Eine der überragendsten Bands des Planeten. Und das geilste: die mögen Ingolstadt, und treten hier immer mal wieder live auf. 1989 als Support der großartigen Verbal Assault, 1991 beim Open Air vorm Englwirt, kein Schwanz kennt The Notwist, und dann blasen dir die Typen aus Weilheim so dermaßen das Hirn raus, sensationell!

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Markus Hermann und Alfons Wittmann, Urgesteine der alternativen Szene Bayerns, hatten die Band damals zu uns gelockt. Eine Krone für beide! Sofort!! Ab 1991 war ich demnach glühender Fan, nuckelte an ihren Alben wie früher an Mutters Brust. Das geniale Nebenprojekt 13 & God raubte mir 2011 mit dem Album Own your ghost endgültig den Verstand.

Danke Micha Markus Mecki Martin Andi Karl-Yvar. Danke!!!!

Heute ist der 23. Mai, es ist 18 Uhr 11. Der Bus rauscht durch Forstwiesen, durch mich das Adrenalin. Endlich mal wieder Stadt! Ich bin auf dem Weg ins Café Tagtraum, der kultigen Bar am Ingolstädter Paradeplatz. Dort ist ab 20 Uhr mal so richtig was geboten, wir werden heute Abend Zeugen einer Weltpremiere. Der gebürtige Schwabe und Wahl-Münchener Mathias Götz präsentiert zum ersten Mal sein Ein-Mann-Projekt Le Millipede vor Publikum. Mathias ist gelernter Instrumentenbauer, studierte dann Komposition und Jazzposaune am Richard Strauss Konservatorium, er ist Multiinstrumentalist, Mitglied bei Micha Achers Alien Ensemble, ein Tausendsassa.

Er hat das Debütalbum von Le Millipede während der letzten 15 Monate in akribischer Kleinstarbeit im Alleingang aufgenommen, an einigen wenigen Stellen „besserte“ Markus Acher anschließend etwas nach. Eben jener Markus Acher der seit einem Vierteljahrhundert als Sänger von The Notwist meine Gehörgänge balsamiert…

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So, und da Mathias Götz sein Album a) aufgrund der komplexen musikalischen Struktur und b) weil er nur zwei Hände hat nicht solo aufführen kann, bekommt er auf der Bühne Unterstützung von, bitte anschnallen: Markus Acher, Micha Acher, Cico Beck (Joasihno/Aloa Input) und Stefan Dettelsheimer. Was’n Brett!! Das verspricht musikalische Extraklasse auf allerhöchstem Niveau. Herrlich!

Kurz nachdem ich mich mit einem frischen Weizen zu einem guten Kumpel gesetzt habe trifft die Band ein. Es werden Erinnerungen in mir wach die hier eigentlich gar nicht angesprochen werden sollten, ich gebe sie trotzdem weiter: Die fabelhafte britische Songwriterin Laura Marling hatte mal vor ein paar Jahren mit ihrem überdimensionierten Tourbus die halbe Straße vor dem Atomic Café in München blockiert. Kurz vor ihrem Auftritt huscht sie flugs durch die Hintertür ins Atomic, spielt 60 Minuten tolle Musik, sagt dann abrupt „This ist he last song, I won’t play any encores, I don’t believe in encores.“ Und zack bumm sitzt sie wieder im Bus und lässt ein eher verdutztes Publikum zurück.

Das genaue Gegenteil ist die Ankunft der heutigen Hauptdarsteller: zwei private PKW und ein leicht angeschlagener VW-Bus rollen an. Alle erstmal raus aus den Kisten, zwei drehen sich eine Kippe, einer umarmt den Tagtraum-Cheffe Christian Schulmeyer, der Rest besorgt sich Getränke. Dieses unprätentiöse, sympathische Verhalten wird sich durch den ganzen Abend ziehen; kurzer Soundcheck, noch ein paar Zigaretten, ein kleiner Snack.

Markus Acher hat sich derweil hinter das DJ-Pult verzogen und legt ein paar Vinylplatten auf.

tagtraum

Als der Gig endlich um 21 Uhr beginnt ist die Hütte brechend voll, und bereits nach wenigen Takten müsste dem letzten Zuhörer klar geworden sein, dass hier fünf unglaublich gute, professionelle, inspirierte Musiker am Werk sind. Le Millipede grooven gut los, Cico und Micha schieben mit Schlagzeug und Synthesizer gepflegt von hinten an während Markus und Stefan mit ihren Keyboards einen flächigen Soundteppich oben drauf legen. Dann setzt Mathias’ Posaune ein. Er spielt sanft, er spielt dreckig, es ist ein Traum, er reizt das an diesem Abend tragende Instrument bis zur letzten Nuance aus. Klar ist nun auch, deas Experiment funktioniert. Die Band bringt das auf dem Album verewigte „Smorgasbord of Instruments“ (ich klaue hier aus der Rezension des englischen Musikshops Norman Records) problemlos rüber.

Jedes Mitglied scheint drei, vier Hände zu haben, bei Markus vermute ich zeitweise deren 8. Was dieser Mann zwei Meter von mir entfernt abliefert entbehrt jeglicher Beschreibung. Hier Keyboard, da eine Art Holzxylophon, hier ein Glöckchen, da eine exotisch aussehende Rassel. Diesem unglaublichen Vollblutmusiker könnte man stundenlang bei der „Arbeit“ zusehen.

Auch Cico Beck macht einen auf Multitasking, mit rechts die Felle und Becken bearbeiten, mit links auf einem Keyboard klimpern. Er verzieht keine Miene, hält stoisch den Beat, hält den Laden zusammen und wäre durch seine hohe Konzentrationsfähigkeit und Improvisationsgabe eine veritable Option für Löws Innenverteidigung.

Was die Band ausmacht ist Authentizität, Leidenschaft, Liebe zu handgemachter, ehrlicher Musik, sie Jungs stehen zu 100% hinter diesem quirligen Mix aus Krautrock, French Pop, Jazz und Psychedelica. Um 21.10 Uhr wähnt man sich im French Quarter in New Orleans, um 21.20 Uhr bei Kraftwerk im Düsseldorf der 70er Jahre, um 21.40 Uhr in einem lässigen Film Noir.

Nach knapp einer Stunde ist dann Schluß, lautstark wird eine Zugabe gefordert, die Band liefert ab. Le Millipede do believe in encores!   Das. War. Sahne!

Micha und Mathias besorgen sich Zigaretten und machen es sich vor der Kneipe gemütlich. Cico und Stefan beginnen mit dem Verladen des Equipments.

Markus Acher legt Platten auf.

23.Mai, 23.50 Uhr. Ich sitze im Bus zurück aufs gruselige Land, ganz vorne schräg neben meinem Stammchauffeur. „Na, du bist ja heut ganz gut drauf“, sagt er. „Ja, war klasse heute“, antworte ich grinsend. Rechts und links Wald. Morgen, denk ich mir, morgen bestelle ich als erste Amtshandlung das Album auf Vinyl bei Alien Transistor. Morgen wird gut.

P.S. Die offizielle Release-Party von Le Millipede findet am 14. Juni in München statt. (Club Milla, Holzstraße 28, München)

P.P.S. The Notwist spielen am 19. Juni in Aachen. (Stolberg, Museum Zinkhütter Hof)

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Mitten in die Zeit der vielleicht tiefsten Textkrise deutscher Popmusik platziert Eric Pfeil sein zweites Album. Der Titel klingt wie der eines Peter Greenaway-Films aus den 90er Jahren. „Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluß“ ist eine Platte eines erwachsenen Mannes, der weiss was er tut.

Während der Mainstream-Pop glaubt, er sei emotional, wenn er nur laut genug wimmert, zeigt ein Mann jenseits der 40 was es braucht um authentisch zu sein ohne pathetisch zu werden. Das Album, das Eric Pfeil selbst für ein Konzeptalbum über den Tod hält, ist schlau und sensibel, vielschichtig und steckt voller Zitate – ohne dadurch nach Diskurspop zu klingen.

Irgendwie klar, dass ein Mann, der Worte wie „lysergisch“ im aktiven Wortschatz führt, seelisch nicht so nah am Hochhaus gebaut ist.

Als Ressortleiter für das Thema Midlife-Crisis hatte ich das Vergnügen, Videobotschaften mit dem Künstler auszutauschen.

 

Eric Pfeil

„Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluß“

Erics Website

Trikont im Netz

Das Album bei iTunes

Album Release Show: 29. Mai im King Georg mehr

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Es muss so Mitte der 70er Jahre gewesen sein, da hat mein Magen zum ersten Mal gestreikt. Womöglich auch früher. Das wird bei der aktuellen Diskussion schnell vergessen und manchmal sogar außer Acht gelassen.

Gestreikt wurde in Deutschland schon immer. Körperteile waren daran oft beteiligt, aber wenn man Streik als Arbeitsniederlegung versteht, dann passierte es auch tagtäglich in den verschiedensten Branchen einfach nach Feierabend. Es gibt sogar Arbeitsniederlegungen während der Arbeit – und zwar ohne Konsequenzen, der Hamburger SV kann davon vielleicht ein Lied singen.

Streik steht ja bei uns sowohl für Arbeitsniederlegung als auch für Arbeitskampf. Das klingt nach einem fleißigen Faultier oder irgendeinem anderen Paradoxon. Aber wenn sich die Sprache schon schwer tut, wie soll dann den Menschen der Streik leicht fallen. Den Betroffenen ja sowieso nicht, dazu sind wir vielleicht auch zu gerne betroffen – aber auch den Streikenden scheint das Ganze keinen großen Spaß zu machen. Eigentlich ist es bei uns eher ein Arbeitskrampf als ein Arbeitskampf. Auch der Godfather of GDL Claus Weselsky überzeugt ja eher durch Sturheit und weniger durch Charme.

Andere Länder sind da weiter. Während Strikes in Amerika bei Baseball und Bowling bejubelt werden, zeichnen sich Streiks vor allem in Frankreich durch große Gelassenheit oder auch durch eine volksfestähnliche Stimmung aus. Da gibt es dann große Demonstrationen, auf denen Künstler auftreten und man manchmal auch als Unbeteiligter ein bisschen verweilt. Bei uns kommt es vielleicht zu einer so genannten Protestkundgebung – und das Wort sagt schon alles über die Stimmung dort aus.

Streik hierzulande ist eben so humorlos wie der typische deutsche Zollbeamter, an den Claus Weselsky trotz aller Chuck Norris-Vergleiche auch ein wenig erinnert. Trotzdem – wenn es dem „Herr der Dampfrösser“ (taz) im x-ten Streikversuch doch noch gelingen sollte etwas Leichtigkeit in die ganze Sache zu bringen, will ich ihm gern die Hand drücken – so als wäre sie ein richtig dicker „Gefällt mir“-Button.

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Meine Karriere als Trainer begann in Kerpen-Horrem mit einem dritten Platz – ungeschlagen zwar, aber trotzdem nur auf dem dritten Platz. Glamour sieht anders aus. Und deswegen hatte die Ansprache des Horremer Jugendvorstandes etwas Tröstendes. Der hatte nämlich bei der Siegerehrung große Worte für die acht F-Jugendmannschaften Mannschaften parat. Dass F-Jugendfußball mehr ist als F-Jugendfußball dämmerte mir schon länger, hier wurde es offen und schonungslos thematisiert.

„Liebe Jungs, bevor wir zur Siegerehrung kommen, will ich Euch für Euren weiteren Lebensweg noch eines mit auf den Weg geben: Egal, was Eure Eltern Euch erzählen, es gibt nichts Wichtigeres als den Fußball! Wenn auch Eure Eltern mal mit Euch schimpfen oder wenn im Leben mal eine Flaute auf Euch zu kommt – in der Schule oder irgendwann in der Liebe. Das ist nicht weiter schlimm! Denn der Fußball wird immer für Euch da sein! Vergesst alles andere – nur der Fußball ist Euer Freund!“

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Jürgen Klopp ist in Dortmund zurück getreten. Der KICKER dreht den unvermeidlichen Scheinwerfer, die 11Freunde bemühen ihre Edelfeder Gieselmann und ein Brennpunkt in der ARD fiel nur deswegen aus, weil der FC Bayern in Porto spielte. Glasklar, dass auch wir nicht an der Bewertung des Klopp-Abgangs vorbei kommen. Da wir selbst uns aber auch nicht rasieren und Jürgen Klopp schon nach zwei Minuten in seinen Gesprächen mit Oliver Welke und Oli Kahn körperlich und geistig nicht mehr folgen konnten, sprachen wir mit jemandem, der sich wirklich auskennt. Uli Hesse ist nicht nur aus unserer Sicht einer der besten Fußball-Journalisten Deutschlands, sondern auch bekennender und sachkundiger BVB-Anhänger sowie Autor zahlreicher empfehlenswerter Fußballbücher, wie etwa die BVB-Fan-Bibel „Unser ganzes Leben – Die Fans des BVB“.

footage: Ich habe heute morgen auf dem Weg zur Arbeit einen Radiobeitrag gehört, in dem Menschen aus Dortmund zu Klopps Rücktritt befragt wurden. Tränenreicher Tenor: „Kloppo gehört zu Dortmund wie der Borsigplatz!“. Aus Deiner Sicht eine Verhöhnung des Borsigplatz oder kann man wirklich innerhalb von nur sieben Jahren zum Wahrzeichen Dortmunds werden?
Uli Hesse: Ja, natürlich. Schon allein deshalb, weil Dortmund nicht besonders viele Wahrzeichen hat. Eigentlich nur drei: den Fernsehturm, die Westfalenhalle und das Stadion. Der Borsigplatz ist gar kein Wahrzeichen, er steht ausschließlich und allein für den Fußball. Und was den Fußball angeht, da sind Klopps Verdienste völlig außer Frage. Er wird nicht als der größte Trainer in die Geschichte eingehen, den der BVB je hatte. Sondern als der zweitgrößte. Der größte war Sankt Ottmar, und der war sogar kürzer in Dortmund als Klopp … und hatte einen weit unappetitlicheren Abgang.

footage: In den letzten sieben Jahren war der größte Star des BVB zweifellos der Trainer. Was anfangs als erfrischend authentisch rüber kam, wurde bei vielen Fans außerhalb Dortmunds zunehmend als nervend und selbstherrlich wahrgenommen. Ging Klopp also gerade noch rechtzeitig, bevor er sich auch in Dortmund verbraucht hätte?
Uli Hesse: Ja und nein. Mehr oder weniger der einzige in Dortmund, der die Auffassung vertritt, dass Klopp gehen muss, damit frischer Wind in den Verein kommt, ist Klopp. Auf der Pressekonferenz hat er mehrfach zwischen den Zeilen darauf hingewiesen, dass es nicht gesund sein kann, wenn der Trainer der „größte Star des BVB“ ist. Das erscheint mir geradezu das Gegenteil von Selbstherrlichkeit zu sein. Die Lesart hat natürlich etwas für sich und bei vielen Leuten, die dem Verein etwas neutraler gegenüberstehen, herrscht derzeit die Meinung vor, dass sich Klopps Abgang als die richtige Entscheidung herausstellen wird. Nur: Im Fußball gibt es dafür keine Garantien. Egal wie clever und erfahren du bist – die Trainerentscheidung ist die wichtigste und zugleich schwierigste. Watzke hat mehrfach dabei schiefgelegen, bevor er jemanden gefunden hat, der zu ihm, zur Stadt, zum Klub und zu den Fans passt. Rein statistisch gesehen stehen nun die Chancen schlecht, dass ihm das in den kommenden Jahren noch einmal gelingt.

footage: Viele der selbst ernannten Experten sprechen gerade in Denker-Pose und mit erhobenem Zeigefinger davon, dass sich der BVB doch nun möglichst neu erfinden solle. Muss sich ein Verein das wirklich, nur weil der Trainer geht?
Uli Hesse: Ich glaube, da ist eher die Mannschaft gemeint, nicht der BVB an sich. Dort steht wirklich ein Umbruch an, vielleicht verbunden mit einer neuen Spielidee, denn viele zentrale Figuren im Kader sind ein wenig in die Jahre gekommen. Nachdem ich gestern Champions League geschaut habe, drängt sich mir übrigens der Verdacht auf, dass die Borussia nicht der einzige deutsche Klub ist, bei dem die Altersstruktur der Schlüsselspieler einen personellen Umbruch erfordert.

footage: Heiß gehandelt wird nun Thomas Tuchel als Nachfolger von Jürgen Klopp. Passt er aus Deiner Sicht nach Dortmund oder ist sein Trainer-Lebenslauf am Ende dem von Klopp zu ähnlich? Schließlich gäbe es mit Zorniger, Effenberg oder Neururer erstklassige Alternativen.
Uli Hesse: Ich hielte das für eine gute Wahl, denn nur jemand, der so überzeugt von sich ist wie Tuchel, kann mit der Situation klarkommen, der Nachfolger von Klopp zu sein. Alle anderen, selbst Neuruer, wären nur Übergangstrainer, wie das Beispiel von David Moyes in Manchester eindrucksvoll gezeigt hat.

footage: Letzte Frage: Gibt es einen Kloppo-Moment aus den letzten sieben Jahren, der die BVB-Ewigkeit aus Deiner Sicht überdauern wird?
Uli Hesse: Einen? Eher acht bis zwölf. Sein erstes Derby trotz 0:3-Rückstand nicht zu verlieren, war schon mal ein sehr cooler Einstand. Das Arnd-Zeigler-Interview kann man auch mehr als nur einmal schauen. Aber die wahren Momente, die erklären, warum in Dortmund gerade so eine Endzeitstimmung herrscht, passierten natürlich hinter den Kulissen. In den persönlichen Begegnungen der Leute mit Klopp. Man hat das inzwischen vergessen, aber es gab in der Fanszene große Vorbehalte gegen ihn, als er 2008 verpflichtet wurde. Klopp hat dann in einer wahren Ochsentour Auge in Auge mit vielen Fangruppen gesprochen, nicht zuletzt, um die Anhänger darauf vorzubereiten, dass er einige Leistungsträger aussortieren würde. Schon in diesen frühen Begegnungen, als noch gar nicht abzusehen war, dass der BVB unter ihm auch Titel holen würde, hat er die Leute für sich eingenommen.

footage: Und allerletzte Frage: Wir behaupten einfach mal, dass Jürgen Klopp in den nächsten drei Jahren auf der Bank des FC Bayern landen wird. Würde man ihm auch das in Dortmund verzeihen?
Uli Hesse: Ich behaupte einfach mal, dass er das nicht tut. Aber man würde es ihm verzeihen, ebenso wie man es Sankt Ottmar verziehen hat. Ich weiß sowieso nicht, was die Leute immer mit den Bayern haben. Die sind jedem, der etwas länger als nur ein paar Jahre BVB-Fan ist, ziemlich schnuppe. Anders sähe es natürlich aus, wenn Klopp Trainer in Schalke würde.

Bisher sind von Uli Hesse unter anderen folgende Bücher erschienen – alle können wir Euch wärmstens empfehlen:

Wer erfand den Übersteiger? …und andere lebenswichtige Fußballfragen: hier anschauenUnser ganzes Leben. Die Fans des BVB: hier anschauenTor! The story of German Football: hier anschauenFlutlicht und Schatten. Die Geschichte des Europapokals hier anschauenWie Österreich Weltmeister wurde. 111 unglaubliche Geschichten über Fußball: hier anschauen

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Ben Redelings ist Mann der ersten Stunde in der deutschen Fußballkultur-Szene. Seine Scudetto-Abende, für die er in dunkle, laute und bedingungslose Fußballkneipen in ganz Deutschland reist, sind längst so legendär wie seine zahlreichen Fußballbücher. Nun versucht sich Redelings in einem ganz anderen Metier. Mit „Onken Olsen, der lustige Kapitän“ legt er sein erstes Kinderbuch vor und es zeigt sich: Das Kind im Manne schlummert gerade und erst Recht in der Seele von Fußball-Schaffenden. Wir sprachen mit Ben Redelings über das Buch, seine Initiative zur Finanzierung des Projektes sowie natürlich auch ein bisschen über den VfL Bochum.

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Das österreichische Fußballmagazin ballesterer ist in den letzten 15 Jahren Vorbild für viele andere Fußballmagazine gewesen. Vor kurzem ist die 100. Ausgabe erschienen – wir haben ein paar Fragen an die stellvertretende Chefredakteurin Nicole Selmer gestellt.

foo: Wenn jemand den ballesterer nicht kennt, wie würdest du ihn davon überzeugen, das Magazin zu lesen?

Nicole: Wahrscheinlich dadurch, dass ich schon sehr oft gehört habe „Ich kannte euer Magazin früher nicht, bin aber jetzt total begeistert“. Alternativ durch eines meiner Lieblingszitate aus der Befragung unser Leserinnen und Leser zum Jahreswechsel: „Meistens könnte ich mir vorstellen, dass man mit der Redaktion gut beim Malzbier zusammen sitzen und über Fußball reden kann.“ Okay, das Malzbier lässt sich vielleicht auch durch etwas anderes ersetzen. Ich glaube, wir haben es geschafft, sehr nah bei den Leuten zu bleiben, die uns lesen, und gleichzeitig guten Journalismus mit Hintergründen und besonderen Blickwinkeln zu machen.

foo: Es gibt ja inzwischen unglaublich viele Magazine, Blogs und Webseiten zum Thema Fußball. Wie positioniert ihr euch da?

Nicole: Erst einmal dadurch, dass wir ein Printmagazin sind und zehnmal im Jahr erscheinen. Das heißt, wir haben mehr Zeit für unsere Geschichten und sind nicht der Tagesaktualität ausgeliefert. Inhaltlich würde ich sagen: Gesellschaftspolitik und Fanperspektive. Das sind von Beginn an, also jetzt seit 15 Jahren, zentrale Grundsätze gewesen. Fußball nicht nur als Spiel zu sehen, sondern als etwas, das ganz eng mit Politik, mit Geschichte, Kultur, Wirtschaft und so weiter verwoben ist und das auch zu beschreiben. In unserer Ausgabe 101 haben wir zum Beispiel einen längeren Artikel über die aktuelle Situation in der Türkei drin – was dort passiert, begleiten wir seit Jahren journalistisch, und da würdest du mit einem reinen Blick aufs Spielfeld nicht weit kommen. Und Fans – dabei schlägt natürlich durch, dass der ballesterer als Fanzine, also als nichtprofessionelles Liebhaberprojekt angefangen hat. Aber da geht’s auch um ganz schlichte journalistische Grundsätze, nämlich die, alle Beteiligten anzuhören und erst recht die, deren Lobby nicht ganz so groß ist wie die von Polizei, Fußballverbänden und Innenministerien. Wir lassen Fans oft und ausführlich zu Wort kommen. Beides – also sowohl Fußball und Politik als auch die Beschäftigung mit Fans und Fanthemen – sind Dinge, für die wir geschätzt werden. Und natürlich auch mal kritisiert.

foo: Gibt es andere Magazine und Seiten, die für euch ein Vorbild waren oder sind?

Nicole: Gerade in der Entstehungsphase war das bei uns – und sicher auch bei den 11Freunden zum Beispiel, die ja im selben Jahr entstanden sind wie wir – When Saturday Comes. Andy Lyons, der heute noch Chefredakteur von WSC ist, hat für unsere 100er-Ausgabe einen Text zum Lost Ground Wembley geschrieben, was uns sehr gefreut hat. Anders über Fußball schreiben, als das die Sportberichterstatter auf den Pressetribünen machen, mehr sehen als nur den Platz, sich selbst – und letztlich auch den Sport – nicht immer so wahnsinnig wichtig nehmen und trotzdem mit Leidenschaft und Interesse bei der Sache bleiben, das sind so Dinge, die da sicher Vorbild waren und sind.

foo: Ihr habt viele Leser in Österreich und Deutschland. Merkt man da einen Unterschied?

Nicole: Na ja, der ballesterer ist ein österreichisches Magazin, das hört man ja schon am Namen – den man uns Deutschen samt Aussprache auch immer wieder erklären muss. Ich glaube, die Wahrnehmung unterscheidet sich nur für manche Themen, also für deutsche Leser sind die Texte über österreichischen Fußball sicher etwas anderes als für die österreichischen. Zumal wir ja auch nicht in jedem Heft ein Alaba-Porträt drin haben, sondern eher mal was übers österreichische Unterhaus oder weniger bekannte Bundesligaspieler. Aber ich glaube, das macht teilweise für deutsche Leser auch einen Reiz aus, also du liest im Idealfall etwas über Themen, von denen du gar nicht wusstest, dass sie dich interessieren, sie tun’s dann aber.

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Nicole Selmer

foo: Wie stellt sich denn die Situation des Fußballs in Österreich dar. Hier hat man ja manchmal den Eindruck, dass er dort fast eine Art Randsportart ist.

Nicole: Vielleicht im Winter, wenn der Fußball pausiert. Aber Österreich ist ja auch nicht überall voller Berge und gerade Wien ist eine Fußballstadt, wenn auch mit größerer Vergangenheit als Gegenwart. Die Dimensionen sind heute natürlich andere als in Deutschland, und der österreichische Fußball steckt, was Ligaformat, Infrastruktur und Zuschauerzuspruch angeht, in der Krise. Was das Nationalteam angeht, gibt’s derzeit große Hoffnungen auf die Qualifikation für die EM – und viele der österreichischen Nationalspieler kennt man ja eh auch aus der deutschen Bundesliga.

foo: Ihr beschäftigt ja auch viel mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs. Glaubt ihr, dass man die noch in irgendeiner Art stoppen kann?

Nicole: Das hängt vermutlich eher an der weiteren Entwicklung des Kapitalismus. Ich sehe unsere Aufgabe vor allem darin, die Entwicklungen kritisch zu begleiten und Dinge zu hinterfragen. Das war zum Beispiel ganz stark und von Beginn an das Engagement von Red Bull im Fußball, also vor inzwischen zehn Jahren der Einstieg in Salzburg. Und was in den letzten Monaten viel Thema war, zum Beispiel auch in einem Schwerpunkt zu Fans in England, ist auch, dass es offenbar wieder mehr Interesse am unterklassigen Fußball gibt, also das Gefühl, auf kleinen Plätzen, ohne großes Sicherheitsaufgebot, ohne hohen Eintritt und, ohne nervige Musikbeschallung findest du etwas, was vielleicht im Hochglanzfußball von Premier League und auch der sehr hochgelobten deutschen Bundesliga verloren gegangen ist. Also Kommerzialisierung durch Schreiben stoppen? Vermutlich schwierig. Aber Leute auf andere Ideen bringen, zum Nachdenken anregen? Das geht hoffentlich schon.

foo: 100 Ausgaben, das ist natürlich eine Menge Holz. Was waren da aus deiner Sicht die Highlights?

Nicole: Ein ganz wichtiges Thema im ballesterer ist die Serie „Fußball unterm Hakenkreuz“ zu Vereinen, Spielern, Funktionären während des Nationalsozialismus, die gerade in Österreich auch sehr viel bewegt hat. Und sicherlich auch viele Artikel und Schwerpunkte zu Fanthemen, sei es jetzt zu Repression, Ultras in Deutschland und Italien oder wie letztes Jahr zu Fußballfans vor Gericht, wo wir uns sehr intensiv mit der Anwendung des Landfriedensbruchparagrafen in Österreich beschäftigt haben.

foo: Was würdest du dir wünschen für die nächsten 100 Ausgaben?

Nicole: Wir wünschen uns natürlich immer mehr Leserinnen und Leser, das ist klar. Für die redaktionelle Entwicklung wünsche ich mir noch mehr Breite und Tiefe, sowohl personell als auch bei den Themen. Einerseits wäre es schön, noch mehr Einblick in den Fußball und die Tribünen weiterer Länder zu bekommen, wir haben jetzt einen kleinen Text zu Griechenland im Heft, das ist sicher auch für die Zukunft spannend. Und etwa auch Russland, das ist ja bisher noch weitgehend ein weißer Fleck. Was die Tiefe angeht, glaube ich, dass wirtschaftliche Themen immer wichtiger werden und wir da auch noch genauer hinschauen müssen, was jetzt und in Zukunft passiert.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

Und hier geht’s zur hundertsten Ausgabe des ballesterer!

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Mindestens zweimal im Jahr muss man seinem Lieblingsverein die Leviten lesen. In aller Liebe natürlich. Bei dir, lieber FC, war das früher ganz einfach, aber jetzt willst du es mir auf einmal schwer machen.

Du bist seriös geworden. Du bist seriös geworden. Du bist seriös geworden. Man kann diesen Satz noch so oft schreiben, er klingt immer ein wenig absurd. Nur weil wir in einer Welt leben, in der McDonalds bald Kellner an meinen Tisch schicken will, kann da ein Fünkchen Wahrheit dran sein.

Natürlich – ich mag deine neue ruhige Art, das Grinsen von Toni Schumacher und die tiefe Stimme von Jörg Schmadtke natürlich auch. Aber wenn du ehrlich bist, lieber FC, hast du dich doch ganz dick verkleidet und dir alle Kostüme eines Rosenmontagszugs gleichzeitig übergestreift. Kein Wunder, schließlich bist du ja inzwischen auch offiziell ein Karnevalsverein.

Weißt du noch? Du hast es geschafft, die Häßler-Millionen zu verjubeln. Du hast Negativschlagzeilen produziert, die sich nicht mal die größten Miesepeter unter den Boulevard-Journalisten hätten ausdenken können. Du hast Ordenewitz erzählt. Du hast Pressekonferenzen von Trainern in Krankenhäusern möglich aber leider nicht salonfähig gemacht. Du hast Maniche verpflichtet und gefühlt 100 andere Spieler, die einfach nur ein Fehler aber immerhin einen Tick sympathischer waren.

Du warst so chaotisch wie das Kinderzimmer meiner Tochter wenn sie einen Nachmittag lang mit ihren drei wildesten Freunden alleine war.

Und du willst seriös geworden sein?

Du kannst jetzt mit dem Unsinn aufhören und zeigen, was du früher so gut konntest. Das Wesen deiner Stadt widerspiegeln. Schließlich konntest du so dilettantisch wie dein öffentlicher Nahverkehr sein, so provinziell wie deine Presselandschaft und manchmal so „schön“ wie deine Schildergasse. Du, lieber FC, darfst jetzt ruhig auch mal wieder ein wenig peinlich sein. Denn ein bisschen fehlt sie mir – deine Fehlbarkeit.

Also lass uns den Transfer von Carlos Eduardo fast perfekt machen und dann doch noch in den Sand setzen. Und dann holen wir Simon Zoller zurück und lösen für eine vorzeitige Vertragsverlängerung mit ihm unser ganzes, nicht existierendes Festgeldkonto auf.

Die anderen können ja weiter den klassischen Schönheitsidealen von Bayern bis Barcelona hinterherlaufen. Das hast du nicht nötig, du wunderbarer Verein. Und seriös kannst du dann immer noch im nächsten Leben wieder sein.

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Es wird immer offensichtlicher: Nicht nur im Sport wird mit unsauberen Mitteln gearbeitet, sondern auch in privaten Umfeldern. Arbeit, Liebe, Sex – die ganze Palette eben. Jetzt liegt eine neue Dopingbeichte vor, die uns auf dem Radweg zugespielt worden ist. Der Geständige heißt Franz und ist Franzose. Sein Nachname ist möglicherweise auch schon unter der Zuhilfenahme verbotener Mittel zustande gekommen oder verändert worden, deswegen verraten wir hier keine Einzelheiten. En detail schildert der Schuldige aber in einem persönlichen Gespräch seine Erfahrungen.

„Ich schluckte das Zeug zum ersten Mal auf einer Party, die ohne Prolog auskam. Die Substanzen nahm ich wie alle anderen in flüssiger Form zu mir. Das wurde aber nicht groß thematisiert. Die Wirkung stellte sich in Etappen ein. Meine Zunge lockerte sich, meine Beine spürte ich immer weniger, mein Herz schlug immer schneller. So sah es wohl im auch Hauptfeld aus, mit Ausnahme von ein paar Wassertrinkern vielleicht.

Ich wartete dann geduldig auf meine Chance, die Uhr lief natürlich unaufhörlich  – allerdings weder für noch gegen mich.  Dann setzte ich zu einem unwiderstehlichen Antritt an und attackierte. Nur eine Massenankunft hätte meinen Soloritt jetzt noch verhindern können. Doch ich spürte niemanden in meinem Windschatten und die fünf Meter waren wie geschaffen für einen Ausreißer. Die Menge in meinem Kopf jubelte mir zu und ich saß auf einmal neben ihr. Ich sprach sie an und sie antwortete. Das war bestimmt die höchste Bergwertung aller Zeiten. Meine Stimme hörte sich frisch geölt an, alles lief wie geschmiert. Was spielte es jetzt noch für eine Rolle, was ich vorher eingeworfen hatte. Genau die gleiche Stallorder hätte ich mir in einer ähnlichen Situation wieder gegeben. Wenn man auf die Tour ans Ziel kommt, muss man sie so zu Ende bringen.

Ich habe sie dann am nächsten Tag wieder getroffen. Ich hatte die gleichen Mittel eingenommen. Sie reagierte aber zurückhaltend und ließ abreißen. Keine Ahnung, vielleicht hatte sie einfach Ruhetag.“

Foto: Rob Sinclair