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Nur einmal im Jahr ist Weihnachten – und Handball. Dann finden nämlich gefühlt Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele mit der deutschen Nationalmannschaft statt. Immer dann tritt der Handball aus seinem Schattendasein heraus. Denn ob ein Team aus Flensburg oder Kiel wieder Meister wird interessiert nur Eingeweihte oder Einwohner aus Städten im hohen Norden Deutschlands. Die besten Handballer des Landes locken dann aber doch ein paar Hunde hinter dem Ofen hervor. Lockten, denn in diesem Jahr ist der Spuk ja schon wieder vorbei.

Das ist schade, denn Handball-Spiele haben durchaus ihre Momente. Manchmal geht alles rasend schnell, manchmal weiß man vor lauter Toren gar nicht mehr, wie es steht. Das hat einen Hauch von Drogenrausch.

Aber Handball kann auch monoton. Wenn der Ball wie an der Schnur gezogen von einem Arm zum anderen wandert. Von links nach rechts und dann von rechts wieder nach links. Gerne wird dieser Ablauf durch einen Griff in den Wurfarm des Gegners unterbrochen – auch nicht gerade ein Moment, in dem man gebannt inne hält. Tore fallen oft durch gewaltige Würfe aus dem Rückraum und manchmal nach raffinierten Anspielen an den Kreis – aber sie fallen auch ein bisschen wie Äpfel von den Bäumen. Immer ein bisschen gleich.

Wenn ich Handball schaue, gibt es aber immer einen Augenblick, der mich aus dem normalen „Wenn-kein-Fußball-läuft-guck-ich-eben-was-anderes“-Modus befreit. Dieser Moment nennt sich Kempa-Trick. Wenn ein Spieler voller Leichtigkeit den Ball wie eine besonders wertvolle Brieftaube in die Luft entlässt und ein anderer Spieler diesen Ball dann im Flug aufnimmt und ihn beim Gegner in aller Deutlichkeit im Tor unterbringt – das hat Größe. Und etwas von einem spektakulären Wanderzirkus, der für ein paar Sekunden Arbeitsbienen in einem Büro mit einem sehr geregelten Tagesablauf glücklich macht.

In diesem Jahr habe ich keinen einzigen Kempa-Trick gesehen. Das ist ein bisschen wie ein Weihnachten, an dem es keine Geschenke gibt.

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Der Fußball wird so oft als Spiegelbild der Gesellschaft bemüht, da darf man ruhig mal erwähnen, wenn es sich andersrum verhält. Denn während Populisten in der Politik Hochkonjunktur haben, stecken sie auf oder besser gesagt neben dem grünen Rasen in der Krise. Vielleicht sind sie sogar vom Aussterben bedroht. Das mag nicht für Präsidenten und Sportvorstände gelten, wohl aber da, wo es um konkrete Entscheidungen für Spiel und Auftreten einer Mannschaft geht: auf der Trainerbank.

Der Erfolg der Populisten wird mit der zunehmenden Komplexität der Welt erklärt. Digitalisierung und Globalisierung überfordern viele und entfachen den Wunsch nach einfachen Lösungen. In Sachen Vielschichtigkeit und neuen Herausforderungen hat der Fußball ähnlich viel zu bieten. Auch er ist immer schneller und dynamischer geworden, Prozesse und Abläufe müssen sich an immer neue Gegebenheiten anpassen. Der Fußball ist auf seine Weise genauso komplex geworden wie die politische Welt.

Einfache Antworten waren im Fußball aber nur früher populär. Meist wurden sie gegeben von den so genannten „Lautsprechern“ der Liga. Werner Lorant war so einer. Sein Mantra „Kratzen, beißen, Gras fressen“ galt lange als Evergreen, der aber wahrscheinlich mittlerweile nur noch in der Kreisliga gespielt wird. Auch Peter Neururer konnte simple Wahrheiten als große Lösungen verkaufen. Felix Magath galt zwar vielen als intellektuell. Seine berühmt berüchtigten Medizinbälle oder der Hügel der Leiden sind aber ganz klassische Beispiele für Populismus. Wenn Donald Trump Fußballtrainer wäre, würde er wahrscheinlich genau auf diese Methoden zurückgreifen.

Mittlerweile stehen aber ganz andere Übungsleiter hoch im Kurs. Von Laptoptrainern ist oft die Rede. Was alle vereint ist ein tiefgehendes Verständnis für die Komplexität des Spiels und der Verzicht mit Stereotypen und einfachen Parolen auf Herausforderungen und Probleme zu reagieren. Stattdessen werden Matchpläne gebastelt und viele taktische Überlegungen angestellt, um zum Erfolg zu kommen. Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel oder Jogi Löw würden nie auf einfache Parolen setzen. Und in der Politik fallen momentan genau solche Parolen auf fruchtbaren Boden. Besser wäre es wohl andersherum. Aber wahrscheinlich ist dieser bemerkenswerte Gegensatz nur ein weiteres Beispiel für die zunehmende Komplexität der Welt.

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„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ – so heißt das Buch, das der Kabarettist Till Reiners geschrieben hat. Ein Versuch zu verstehen, warum so viele Menschen in Deutschland Angst vor Flüchtlingen und Überfremdung haben.  Wer eins und eins zusammen zählen kann, weiß, dass diese Angst unbegründet ist. Reiners hat sich trotzdem mit Pegida-Anhängern, AfDlern und besorgten Bürgern unterhalten.  Und dabei ist ein sehr lesenswertes Buch heruasgekommen. Wir haben mit dem Autor gesprochen.

foo: Du hast dich für dein Buch mit Pegida-Spaziergängern und besorgten Bürgern unterhalten. Mache meinen ja auch, dass man mit diesen Leuten gar nicht reden sollte. Warum hast du es doch gemacht?

Till Reiners: Es kommt doch immer drauf an, wer mit den besorgten Bürgern redet und wie. Wenn man unkommentiert drei Minuten lang die bescheuertsten und hasserfülltesten Kommentare bei Pegida filmt hat niemand etwas gewonnen. Es entsteht die Gefahr zu sagen: Fremdenhass ist eben auch nur ne Meinung von vielen, das verharmlost und gibt wenigen überproportional viel Raum.

Ich habe mir Zeit genommen, mich mit den Ängsten, berechtigten Sorgen und Vorurteilen und auch dem kaschierten Hass auseinanderzusetzen und zu gucken woher das kommt und was da dran ist. Zu dokumentieren und aufzuklären ist nie verkehrt.

foo: Manchmal wird von „besorgten Bürgern“ dann wieder von „Wutbürgern“ geredet. Sind die eigentlich ängstlich und wütend zugleich?

Till Reiners: Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren immer auch wütend. Manche waren nur wütend. Wut ist ja eine Form, mit Angst umzugehen, die Flucht nach vorne. Manchmal hilft das aber auch, um sich als Opfer darzustellen, obwohl man längst Täter geworden ist.

foo: Viele besorgte Bürger sind einer sozial schwierigen Situation. Hattest du bei denen mehr Verständnis für ihre Ängste  als bei denen, denen es eigentlich gut geht?

Till Reiners: Kurz gesagt: Ja. Ich halte es da mit Spiderman: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.“ Viele, denen es eigentlich gut ging haben ihre Angst vor Flüchtlingen immer wieder damit gerechtfertigt, dass es Ihnen um die Zukunft ihrer Kinder ginge. Das perfekte Totschlagargument: „Ja, jetzt geht es mir gut, aber wie soll es in Zukunft werden?“

foo: Warum sind die besorgten Bürger deiner Meinung nach vor allem im Osten anzutreffen?

Till Reiners: In meinem Buch mache ich dafür eine Reihe von Gründen verantwortlich. Hier in aller Kürze: Ich glaube, das hat etwas mit gebrochenen Biographien zu tun, mit dem Gefühl, nicht wirklich Anschluss zu finden und einer Enttäuschung, wie die Wende abgelaufen ist. Im Kern geht es bei einer Abgrenzung von „wir“ und „ihr“ immer um Identität, um die Suche nach einer inneren Heimat. Und das einfachste ist es dann, sich in Nationalismus zu flüchten.

foo: Manche behaupten ja, dass die Flüchtlinge nur ein Ersatz sind für eine diffuse Angst vor etwas Fremden – das theoretisch auch etwas ganz anderes sein könnte. Würdest du dem zustimmen?

Till Reiners: Ich weiß nicht, was dieses „ganz andere“ sein könnte (Ufos, Chemtrails, NSA?), aber vor allem: Ja. Es geht nicht um eine konkrete Bedrohung durch Flüchtlinge. Die Leute beschäftigen sich ja nicht mit Menschen, die hierher fliehen. Man pflegt seine Ängste. Nur so bleiben Geflüchtete Projektionsfläche für das Leid der Welt.

foo: Du bist ja eigentlich Comedian – sind die besorgten Bürger eigentlich empfänglich für Humor?

Till Reiners: Selten. Das ist mir aufgefallen: Extremismus beginnt immer mit Humorlosigkeit. Insgesamt habe ich ziemlich freundlose Veranstaltungen besucht. Und wenn gelacht wurde, dann oft aus Häme.

foo: Ganz ehrlich, gab es unter den besorgten Bürgern nicht manchmal welche, denen du, zumindest für einen kurzen Moment, mal eine scheuern wolltest?

Till Reiners: Nein, ich bin einfach sehr schlecht im Prügeln. Aber ein, zweimal hätte ich die Leute gerne angeschrien.

foo: Was wäre deine Idee, wie man aus besorgten Bürgern wieder normale Bürger machen kann?

Till Reiners: 3 Wochen lang als schwarz anmalen und durch Dresden schicken. Zack: Humanisten! Im Ernst: Ich habe keine Geheimformel. Aber ein paar Ideen: Man trennt zwischen Wackelkandidaten und denen, die gerne fremdenfeindlich sind. Letzteren muss man sagen: Freunde, wir können gerne wieder miteinander reden wenn Euch der Spaß am Menschenhassen vergangen ist.

Die, die sich Sorgen machen, müssen den Leuten begegnen, vor denen sie sich fürchten. Ich habe einen AfD-Politiker aus Stuttgart getroffen. Ich befragte ihn, wie seine Meinung zum Islam ist. Er zuckte nur mit den Schultern und meinte, dass das Zusammenleben in Stuttgart ja ziemlich gut funktionieren würde. Stuttgart ist eine Stadt mit einem der höchsten Migrationsanteil Deutschlands. Angst hat man vor allem vor dem Unbekannten.

Außerdem muss mehr in politische Bildung investiert werden. Viele haben keine Ahnung, dass Demokratie Streit bedeutet. Wenn man davon ausgeht, dass Demokratie Konsens ist, bekommt man schnell den Eindruck, dass das politische System völlig am Ende ist: Soviel unterschiedliche Meinungen! Und letztlich brauchen Parteien und Bürger den Mut zu sagen: Nee, wir nähern uns Eurer Meinung nicht an, aus Angst, Wähler oder Sympathien zu verlieren sondern wir setzen uns ernsthaft damit auseinander, was ihr da wollt und fordert und sagen, warum wir dagegen sind. Ernst nehmen ist ja nicht Recht geben. Am meisten aber frage ich mich: Im Moment ist das rechte Lager mobilisiert. Wann mobilisiert sich eigentlich das linke? Also zusammengefasst: Man braucht Bildung, Begegnung und Mut.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ von Till Reiners ist im Rowohlt Verlag erschienen.

 

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Lange haben wir vom footage-Magazin uns mit dem Begriff „Stolz“ sehr unwohl gefühlt, wie es sich für uns linksliberale Gutmenschen gehört. Jetzt wird alles anders.

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Hoffen auf den Hechtsprung

Als mich Olympia gewissermaßen entjungferte, schrieb man das Jahr 1976. Die Sommerspiele fanden in Montreal statt. Das war sozusagen „mein erstes Mal“ mit anderen Sportarten außer Fußball. Und das obwohl ich aufgrund der weit zurück liegenden Zeit in Kanada und meines wenig fortgeschrittenen Alters kaum Entscheidungen live miterleben konnte. Mir reichten Zusammenfassungen und ein Buch von Heide Rosendahl, das erst Wochen nach den Olympischen Spielen erschien und meine Erinnerungen noch einmal mit Leben füllte.

Es gab viele Leistungen, die mich beeindruckten. Der rumänische Turnfloh Nadia Comăneci natürlich. Sie bekam mehrmals die Traumnote 10,0 für ihre Darbietungen, damals wäre das für mich jedes Mal eine Sondersendung wert gewesen. Vielleicht gab es die ja auch. Ich hatte ja keine Ahnung. Zum Glück auch nicht davon, wie die 14jährige wahrscheinlich gedrillt wurde, bevor sie zu solchen Leistungen fähig war. Ich wusste auch nichts von dem Boykott afrikanischer Länder oder der extremen Verschuldung, unter der Montreal aufgrund der Spiele noch lange zu leiden haben sollte. Als Kind bekam ich von solchen Dingen nichts mit.

In meinem kleinen Kopf standen die sportlichen Helden im Mittelpunkt. Einer davon war die deutsche 100-Meter-Läuferin Annegret Richter, die so grazil sprintete wie keine andere. Und die vor allem einer normalen Frau ähnelte und nicht aussah wie eine aufgepumpte Barbie-Puppe ohne die typischen blonden Haare. Ein Schicksal, das besonders sämtliche Kontrahentinnen Richters aus der DDR ereilt zu haben schien.

Bei Annegret Richter freute ich mich für das deutsche Olympia-Team, aber manchmal war ich auch für die anderen Länder. Beim finnischen Ruderer Pertti Karpinnen zum Beispiel, der mir beibrachte, was es heißt, wenn man aus dem Nichts auftaucht. In einem unglaublichen Finish entriss er „unserem“ Peter-Michael-Kolbe noch das sicher geglaubte Gold.

Doch es gab einen Endspurt, der sich noch tiefer in mein Gedächtnis einbrannte und alle anderen Leistungen in den Schatten stellte. Der Leichtathlet Klaus-Peter Hildenbrand wurde in der letzten Runde des 5000-Meter-Laufs wie ein schweres Jojo hin und her gezogen. Aus der Verfolgergruppe auf den zweiten Platz, dann fiel er wieder aus den Medaillenrängen zurück, bevor er sich im Ziel mit einem legendären Hechtsprung noch Bronze sicherte. Es war eigentlich kein Sprung, sondern ein Fallen. So wie ja auch viele der berühmten „Becker-Hechte“ später gar nicht dynamisch sondern verzweifelt wirkten. Aber diese letzte Kraft, mit der sich Hildebrand ins Ziel rettete. Sie tat mir fast weh. Schließlich war ich auch schon mal auf einer Tartanbahn gestürzt, schlimmere Schmerzen konnte ich mir kaum vorstellen. Und das alles nur für eine Bronzemedaille, die in meinen Augen ungefähr so viel Wert besaß wie das Unentschieden eines Spitzenclubs der Bundesliga bei einem Abstiegskandidaten. Wie verzweifelt musste dieser Hildenbrand gewesen sein? Wie sehr musste er diese Medaille gewollt haben? Ich wusste es nicht, aber es beeindruckte mich schwer.

Und heute weiß ich, dass es diese Momente wären, über die ich mich noch bei Olympia begeistern könnte. Die kleinen Geschichten der gar nicht so großen Gewinner. Vielleicht klappt es ja, die Hoffnung darf man nicht aufgeben. Klaus-Peter Hildenbrand ist das beste Beispiel dafür.

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Im Rahmen der footage-classics veröffentlichen wir in loser Folge gelesene Klassiker aus dem footage-und Torwort-Universum. Den Anfang macht „Den Rest regelt der Markt“ aus dem Jahr 2006.

 

 

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Früher war die Zeit zwischen Saisonende und dem Beginn eines fußballerischen Großereignisses ein Ladebalken. Einer dieser Prozesse der digitalen Welt, in denen ein Prozessor einfach nicht voran kommt. Immer von verzweifelten oder bösen Blicken begleitet. Bis heute versteht ja niemand, warum man auf manche Webseiten oder Dateien immer noch so lange warten muss, wie auf einen durchschnittlichen Orthopäden in einem deprimierenden Wartezimmer.

Auf eine EM musste man eben früher auch viel zu lange warten. Aber die Wartezeit konnte durch Vorfreude gelindert werden. Durch das Sammeln von Panini-Bildern, das Bekritzeln von Taschen-Spielplänen der Autohäuser oder Sparkassen um die Ecke. Durch ein bisschen Tipprunde hier, ein bisschen Managerspiel da. Und natürlich durch die intensive Analyse von vorläufigen und endgültigen EM-Kadern. Heute weiß ich nicht einmal mehr, wie der isländische Ersatztorwart heißt.

Meine Vorfreude auf diese EM tendiert bis jetzt gegen Null. Das hat mit vielen Dingen zu tun. Es sind Dinge, die der Ligafußball so nicht zu spüren bekommt. Er kann Abnutzungserscheinungen besser abfedern. Vor allem natürlich, weil das Herz anders schlägt, wenn der olle Lieblingsverein seine Kreise zieht. Dieser Rhythmus lässt keine Zweifel an Sinn oder Unsinn der eigenen Begeisterung zu.

Die EM aber hat mit vielen Dingen zu kämpfen, die es so im Vereinsfußball nicht gibt. So ist die deutsche Mannschaft mittlerweile so sehr mit Marketing aufgeblasen, dass man sie auch für eine riesige Hüpfburg halten könnte, auf der sich ein paar frisch gebackene Kommunikationsexperten austoben. Oliver Bierhoff und seine Mitstreiter haben es geschafft. Die „Mannschaft“ dürfte nicht nur bei Europameisterschaften sondern auch bei internationalen Bullshit-Bingo-Turnieren zu den Favoriten zählen.

Diese Tendenz, die sich dann in Hashtags wie #JederfuerJeden widerspiegelt, hat aber noch eine starke, komische Komponente. Wenn man einmal von dem dafür verschwendeten Geld absieht. Die UEFA als Veranstalter der Euro 2016 bringt mich aber nicht nur zum Lachen, sondern manchmal immer noch zum Kopfschütteln. UEFA könnte auch ein anderes Wort für FIFA sein, Platini ein Nickname für Blatter. Es heißt, dass Fußballverbände mafiöse Strukturen haben. Manchmal weiß man nicht, ob es nicht viel schlimmer wäre, wenn fußballverbändische Strukturen in der Mafia aufgedeckt werden.

Über solche Fragen kann ich ja aber wahrscheinlich in aller Ruhe während der EM-Partie zwischen Albanien und der Schweiz an einem Samstagnachmittag sinnieren. Der aufgeplusterte Spielplan wirkt wie ein riesiges Tiefdruckgebiet, in dem man die sonnigen Abschnitte suchen muss. Es wird  viele Partien geben, bei denen ich mich wie ein Junge fühle, der von so einer Art pflichtgemäßen Fußballbegeisterung zu Stubenarrest und EM-Gucken verdonnert worden ist. Vielleicht ist diese Europameisterschaft auch die erste, nach der ich mich nach stinknormalen Freundschaftsspielen sehne.

Und so wünsche ich mir fast, dass das Warten noch ein wenig dauert und der Ladebalken vielleicht doch noch einmal stehen bleibt, bevor alles seinen gewohnten Gang geht. Denn spätestens ab dem Achtelfinale weiß ich ja gar nicht mehr, warum ich diesen Text geschrieben habe. Dann zähle ich die Stunden, bis der erste Viertelfinalist zwischen der Slowakei und Rumänien ermittelt wird.

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Der Bochumer Fotograf und Aktionskünstler Gerrit Starczewski plant ein ganz außergewöhnliches Fußballspiel – eines bei dem der obligatorische Trikottausch ausfällt. Der Grund dafür: Die Spieler und Spielerinnen beim Kick am 29. Mai in Oberhausen sind bis auf die schuhe und Schienbeinschoner nackt. nakedFUSSBALL heißt das Spektakel, das sich vor allem als Statement gegen die Kommerzialisierung im Fußball versteht. Gerrit Starczewski im Gespräch mit footage über seine Aktion.

footage: Gerrit, am 29. Mai steigt im Niederrhein Stadion in Oberhausen ein ganz besonderes Fußball spiel unter dem Titel nakedFUSSBALL. Der geneigte Fußball Fan mag schon beim Titel denken „Sonnenstich?“. Warum hast Du keinen und worum geht es genau?
Gerrit Starczewski: Ich mache seit 2010 mein nakedHEART Projekt auf Musikfestivals. Dort haben schon 1.000 Leute mitgemacht. nakedFUSSBALL überträgt die Idee auf den grünen Rasen.
In wenigen Tagen beginnt in Frankreich die EM. Solche Turniere sind der Inbegriff der Kommerzialisierung im Fußball und ich finde: Man sollte sie konsequenterweise boykottieren. Der Kommerz ist der Tod der wahren Tradition. nakedFUSSBALL versteht sich als ein künstlerisches Protestspiel gegen die Kommerzialisierung. Dabei gilt die einfache Formel: Nacktheit = Natürlichkeit. Anders ausgedrückt: Wir wollen mit unserem Spiel dem Kommerz die Arschkarte zeigen.
Fußball muss natürlich bleiben. Ganz einfach! Letztes Jahr haben wir das Spiel erstmalig in Herne im Schloss Stünkede ausgetragen und damit die Korruptionsaffäre um Sepp Blatter und Konsorten kritisiert. Dieses Jahr pfeifen wir es in Oberhausen an. Das passt ganz hervorragend zusammen. Schließlich spielt auch in Oberhausen ein latent klammer Verein, der selbst immer ums nackte Überleben kämpft.

Zudem hat das Ganze eine sehr wichtige ästhetische Komponente. Denn es ist höchst interessant zu sehen, wie sich der nackte Körper beim Kopfball oder Dribbling verhält. Es gibt Millionen Fußballbilder, aber keine Bilder die eben zeigen wie sich der nackte Körper beim Spiel verändert. Dieses Bild fehlt komplett und das obwohl man ganz natürlich nackt in die Sauna oder nackt schwimmen geht. Warum nicht auch mal nackt kicken?

footage: Du kommst aus dem Ruhrgebiet, wo Fußball fast so wichtig ist wie die Currywurst oder die Vokuhila. Warum passt Dein Projekt besonders gut in den Pott?
Gerrit Starczewski: Keine Region in Europa ist so besessen vom Fußball wie der Pott. So eine unfassbar hohe Vereinsdichte findet man nirgends sonst. Der wahre Pottler ist für mich ein Typ, der einfach ehrlich und geradeaus ist. Diese Haltung passt im Grunde perfekt zu nakedFUSSBALL. Denn auch da geht es darum, einfach so zu sein wie man ist – ohne irgendwelchen Schnick Schnack drum herum. Heute definieren sich viele Profis nur noch über Ihr Äußeres. Früher habe ich den Eindruck gehabt, hatten die Spieler noch wahre Werte wie Verbundenheit zu der Gegend aus der sie kamen oder den Verein für den sie spielten.
Viele Menschen vergessen, dass es neben dem BVB, Schalke oder Bochum auch noch Vereine wie Oberhausen, Essen und Westfalia Herne gibt. Es ist ein Unding, dass aus der Regionalliga der Meister nicht direkt aufsteigt. Man erlebt hautnah wie Traditionen sterben – gerade und vor allem im Ruhegebiet. Für die kleinen ist es nahezu unmöglich, wieder hochzukommen. Das bedeutet: Die Kluft zwischen den Vereinen wird immer größer. Die Vereine sind heute einfach nur noch Unternehmen und es wird noch schlimmer. Daher ist unser Motto: Tradition und Herz – statt Seelenverkauf und Kommerz! Auch vor diesem Hintergrund ist es für mich klar, so ein Spiel bei einem kleinen Verein auszutragen, der von derartigen Entwicklungen eben betroffen ist. Würde wir das zum Beispiel in der Arena auf Schalke machen, würde sicher weitaus mehr Leute kommen. Die würden aber letztlich nur wegen Schalke und dem Stadion dort kommen. Aber davon distanzieren wir uns – auch wenn wir so auf noch mehr Beachtung unserer Aktion verzichten.

Es ist schon schlimm genug, dass unsere Weltmeister ihre Seele verkauft haben. Sie haben sportlich den Titel geholt, charakterlich sind sie aber alles andere als Weltmeister. Weil jeder bei Themen wie Katar, Russland, Pyrotechnik, Korruptionsaffäre lieber die Schnauze hält, aus Angst Kohle zu verlieren, weil die durch Sponsorenverträge in Abhängigkeiten stehen. Es geht doch nur noch um Egoismen und Eigeninteressen – nicht mehr um das große gemeinsame Ganze. Allein die Kluft zwischen Fans und Spielern war doch noch nie so groß wie heute. Unser Projekt ist der Versuch an Werte zu erinnern und Denkanstöße zu geben. Es ist uns eine Herzensangelegenheit.

footage: Was macht die künstlerische Wirkung aus, wenn nackte Menschen Fußball spielen?
Gerrit Starczewski: Nun, ich bin für meine minimalistische Ideen bekannt. Das Spiel polarisiert. Die einen feiern eine solche Aktion ab – andere können nichts damit anfangen. Aber das zeigt ja, dass so ein Spiel und die Idee seine Berechtigung hat. Es ist viel mehr als nur „nackt“ kicken. Es steckt auch eine Gesellschaftskritik in dem Projekt. Unsere Gesellschaft gibt sich immer sehr offen und tolerant, aber wenn es um Nacktheit, Sex oder das wahre Einstehen für eine bestimmte Haltung geht, hält man sich lieber bedeckt und duckt sich weg. Übrigens ist das auch ein Grund dafür, dass etwa Ultras für viele Vereine ein Dorn im Augen darstellen. Sie kritisieren und nehmen kein Blatt vor dem Mund. Das ist leider nicht immer gefragt.

Eine weitere wichtige Frage: Warum tun wir uns so schwer damit, uns und unseren Körper anzunehmen? Von vielen Spielern geht heute ein falsches Ideal aus, weil viele sich nur noch über ihre Tattoos und ihren gestählten Körper definieren und dabei gar nicht bemerken, wie aalglatt sie tatsächlich sind. Die Spieler sind groß darin, Mucki-Buden-Selfies zu posten – aber wenn es darum geht Stellung zu beziehen, etwa zu einer WM in Katar oder Russland, in deren Zug Menschenrechte unterdrückt werden oder gar Arbeiter sterben, ducken sie sich lieber und halten den Mund. nakedFUSSBALL zeigt Eier!

footage: Man kennt nackte oder zumindest halbnackte Menschen beim Fußball vor allem durch die Flitzer-Szene. Eine Inspiration für Dich?
Gerrit Starczewski: Flitzer haben mich als Kind schon inspiriert. Wobei ich nie bei einem Spiel war , wo es einen echten komplett nackten Flitzer gegeben hat. In Bochum gab es beim letzten Heimspiel einen halben Flitzer. Das Stadion tobte.
Da ich seit meiner Kindheit Fan des VfL Bochum bin, früher Fanzine-Macher und in der Fankurve sozialisiert wurde, war die Idee naheliegend eben nakedFUSSBALL ins Leben zu rufen. Im letzten Jahr konnte ich es mir nicht nehmen lassen vor den 110 Zuschauern den angezogenen Flitzer zu machen. Dies Jahr steht das Spiel unter der Leitung von Kultschiri Uwe B., ein fast 60jähriger Kreisliga C Schiri, der aussieht als ob er fünf Bälle verschluckt hat. Der Typ lebt den Fußball, den Amateurfußball. Und er wird als einziger angezogen dies Jahr den Flitzer-Schiri machen . Ihr seht: Humor steht bei unserem Spiel im Vordergrund und dennoch meinen wir unsere Kritik ernst! Wir möchten etwas entstehen lassen über das man noch in Jahren spricht!

footage: Du suchst noch Leute, die zum nächsten Termin am 29. Mai die Hüllen fallen lassen. Warum sollte man das aus Deiner Sicht tun und wie kommt man auf den Platz?
Gerrit Starczewski: Alle Teilnehmer sind nackt. Man kann angezogen kommen und sich dann auf der Haupttribüne entkleiden. Wer mit kicken möchte, einfach Schoner und Schuhe mitnehmen. Gespielt wird in weißen und roten Stutzen. Die Teilnahme hat diverse Beweggründe: Zum einen ist es eine Art Befreiung für einen selbst, zum anderen ist es ein ganz anderes Erlebnis zu kicken bzw. ein Spiel zu erleben. Für die Zuschauer gibt es auch Fahnen, Wurfwollen, Bier und Würstchen. Und eines ist natürlich völlig klar: Lattentreffer zählen doppelt.

Mehr über nakedFUSSBALL: www.nakedfussball.de

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Diese Kolumne ist nicht immer leicht zu füllen. Mindestens alle zwei Wochen etwas über Alemannia zu schreiben, ist manchmal so hart, wie ihr beim spielen zuzuschauen. Womit wir beim Thema wären. Denn was schreibt man in einer Kolumne, die auch noch just zum letzten Spieltag erscheint? Klar – eine Bilanz wäre fällig. Aber traut man sich das wirklich nach dieser Saison? Hieße man Rex Kramer, wäre man Danger Seeker. Dann ja. Was sonst ist man als Fan eines Vereins, der es geschafft hat, sich in gerade einmal vier Jahren selbst zu richten? Gehen wir es also an.

Zunächst wäre da eine geballte Ladung Schmerz. Der Schmerz des Gefühls, dass da in dieser Saison einiges von dem kaputt gegangen ist, was in der davor mühsam aufgebaut wurde. Da waren schmerzhafte Niederlagen gegen Gegner, deren Namen neun von zehn meiner Kumpels nicht mal korrekt verorten könnten. Da war dieser unsägliche und schon von allen Seiten zur Genüge kommentierte Stress zwischen Trainer, Spielern und Sportdirektor, der nur zu dem unsinnigen Ergebnis führte, dass Trainer, Spieler und Sportdirektor Aachen verlassen mussten. Was bleibt, sind ausschließlich Verlierer, vor allem auf den Rängen. Erst gegen Ende der Saison schien sich Alemannia wieder zu stabilisieren, was sich in der für mich etwas zu euphorisch gefeierten „Goldenen Ananas“ von Verl ausdrückte. Immerhin: Die Spieler von Verl und der letzte aufrechte Rest, der sogar ins Stadion an der Verler Post fuhr, haben ihren Humor nicht verloren. Respekt – nur wer etwas, das er liebt so ernst nimmt, dass er schon wieder darüber lachen kann, ist wirklich richtig unterwegs. Von daher ist das mit dem Schmerz am Ende noch ganz gut ausgegangen – goldene Ananas sei Dank.

Neben dem Schmerz bleibt aber auch die nackte Angst am Ende einer Saison, die man am besten ganz schnell aus den schwarz-gelben Gehirnwindungen streicht. Denn über allem schwebt wie ein Schwert am seidenen Faden eine Diskussion um einen Investor, der für wenig Geld vergleichsweise viel Alemannia kaufen soll. Fremdbestimmung als Perspektive. „Wer Erfolg will, muss das machen,“ sagen die, die das gut finden. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht auch nicht. Das hängt eben vom Erfolg ab. Nächste Frage: Wer ist bereit, sich auf sportlichen Erfolg ab Platz 8 einzustellen und dafür das Gefühl zu haben zu einem selbst bestimmten Verein zu gehen, der das auch in ein paar Jahren noch sein wird? Ich wäre es – glaube ich. Andere vielleicht nicht, was irgendwie auch nachvollziehbar ist. Und gerade deshalb frage ich mich: Was ist Alemannia eigentlich wert? Mir eine ganze Menge: meine Träume, meine Liebe, meine Phantasie. Nichts wofür man sich etwas kaufen könnte, kurzfristig jedenfalls nicht. Anderen ist Alemannia vielleicht ein paar Millionen wert., wenn auch nicht ganz ohne Eigennutz. Wahrscheinlich fehlt deshalb aber das Herzblut auch dann dran zu bleiben, wenn all die Millionen sinnlos verpulvert würden, was in jeder Beziehung und Endgültigkeit das Ende wäre. Keine Frage: Es ist die Angst vor dem nächsten Jahr, die viel größer ist als der Schmerz über das letzte. Zu viel kann schief gehen und wissen wir es nicht nur zu genau? Was schief gehen kann, wird schief gehen, wenn Alemannia im Spiel ist.

Und deswegen bleibt nur ein bisschen Hoffnung – immerhin ein bisschen. Die Hoffnung, dass vielleicht doch alles anders wird, die Hoffnung darauf, dass Alemannia sich neu erfindet, die Hoffnung darauf, dass Alemannia und die, die für sie handeln, die Phantasie besitzen, sie so zu nehmen wie sie ist: anarchisch, verzweifelt, aber immer geliebt.

Heute gehe ich mit der ganzen Familie ins Stadion. Meine beiden Jungs sind dabei und vier ihrer besten Freunde, die Alemannia erst heute zum Spiel gegen Viktoria Köln kennenlernen. Ich bin gespannt, wie sie sich zeigt und was mit den Jungs daraufhin passiert. Vielleicht verlieben sie sich ja in das alte Mädchen am Tivoli, wenn sie sich noch einmal aufrafft, ein letztes Mal in diesem Spieljahr – immerhin hat sie schon die goldene Ananas gewonnen. Mehr war einfach nicht drin.

Diese Kolumne erschien anlässlich des letzten Heimspiels von Alemannia Aachen in der Regionalliga West im Stadionheft „Tivoli Echo“

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Bücher von Tilman Rammstedt gehören zu denen, für die man sich Zeit nehmen muss, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat. Zum Verpassen sind sie zu gut. Nun erscheint sein neues Werk „Morgen mehr“ – und zwar täglich. Die Entstehung des Romans kann man online, Kapitel für Kapitel, mitverfolgen. Bis es dann im April auch ein Buch zum Anfassen gibt. Ein großer Spaß für den Leser und ein großes Experiment für den Autor. Wir haben ihn dazu befragt.

footage: Sie schreiben im Moment an einem Roman, dessen Entstehung man täglich online mitverfolgen kann. Wie läuft dieses Experiment denn bis jetzt aus ihrer Sicht?

Tilman Rammstedt: Gerade bin ich sehr froh, wenn es endlich vorbei ist. Aber ich weiß auch, dass ich es hinterher sofort verklären werde. Und tatsächlich habe ich etwas Angst, mich an diesen täglichen Druck so zu gewöhnen, dass ich ohne ihn überhaupt nicht mehr schreibe.

footage: Wie würden Sie denn das Buch, das da gerade entsteht, bisher beschreiben?

Tilman Rammstedt: Ich kann es überhaupt nicht einschätzen. Auch weil ich mir tatsächlich nichts von dem bisher Geschriebenen noch einmal durchgelesen habe. Deshalb würde es mich sehr wundern, wenn das Buch nicht sehr viel unsteter wäre als meine vorherigen. Auch schreibe ich zum ersten Mal in Kapitelform, also jeden Tag einen kleinen, abgeschlossenen Text, was das Buch entweder sehr viel schneller oder sehr viel langsamer werden lässt als die vorigen. Ich weiß halt nur noch nicht, welches von beidem.

footage: Hatten Sie schon Tage, an denen Sie gedacht haben: Heute war das Kapitel aber nicht so gut, morgen muss ich etwas anders machen.

Tilman Rammstedt: Ich will jeden Tag etwas anders machen. Mit dem Vorsatz verbringe ich mindestens den halben Tag, und dann drängt die Zeit und ich muss alle Vorsätze über Bord werfen. Tatsächlich gab es aber noch keinen Tag, für den ich mich schämte. Ich hoffe, zurecht.

footage: Das Buch kann ja auch auf der Website „Morgen mehr“ täglich kommentiert werden. Kommentare im Internet sind ja manchmal so eine Sache. Haben Sie schon Probleme damit gehabt?

Tilman Rammstedt: Das hatte ich im Vorfeld befürchtet. Aber die Realität sieht ganz anders aus: Es hat sich da eine Parallelwelt in den Kommentaren gebildet, in der alles mögliche entsteht: ein Soundtrack zum Roman, Haikus zu den einzelnen Kapiteln, wilde Assoziationen, selbst Freundschaften entstehen da zwischen Unbekannten. Der Roman wird so zum Anlass, um sich auf der Seite zu tummeln. Das ist sehr schön.

footage: Können Sie sich vorstellen, dass Menschen das Buch digital mitlesen und dann später noch das Buch kaufen oder erwarten sie das sogar ein bisschen?

Tilman Rammstedt: Ich bin dafür, dass alle meine Bücher kaufen. Egal, ob sie vorher mitgelesen haben oder nicht. Egal, ob sie sich für Literatur interessieren oder nicht. Egal, ob sie lesen können oder nicht. Ich bin, was das angeht, sehr, sehr offen.

footage: Ist es ärgerlich, dass momentan eher die Mechanik des Schreibens als der Inhalt des Buchs diskutiert wird? Und dass der Roman vielleicht immer mit diesem Experiment in Verbindung gebracht wird?

Tilman Rammstedt: Nein, es ging mir schließlich auch darum, was da für ein Buch entsteht, das unter diesen Bedingungen geschrieben wurde. Und wenn es ein schlechtes Buch wird, habe ich immerhin gleich die Ausrede parat.

footage: In jedem Fall ist es ja eine neue Form des Schreibens. Können Sie sich an die erste Form des Schreibens erinnern, wo Sie gedacht haben: Schreiben, das ist etwas für mich.

Tilman Rammstedt: Ich vermisse die Reizwortgeschichten aus der Schule sehr. Ohne sie weiß ich immer seltener, ob Schreiben etwas für mich ist.

footage: Haben Sie eine Vorstellung, wie Romane in sagen wir 10 Jahren vermarktet werden. Oder ist Ihnen das herzlich egal?

Tilman Rammstedt: Ich habe dunkle Befürchtungen. Jedenfalls für mich dunkel, weil ich den meisten sozialen Netzwerken in einer unguten Mischung aus Schüchternheit und Abscheu gegenüber stehe. Also versuche ich lieber, noch so viele Bücher wie möglich zu schreiben, bis es endgültig soweit ist.

footage: Wenn dieses Buch fertig ist, haben Sie dann schon wieder Ideen für neue Romane im Kopf?

Tilman Rammstedt: Während ich an einem Buch schreibe, habe ich andauernd großartige Ideen für die Bücher danach. Und wenn ich dann Zeit für sie habe, sind die Ideen auf einmal überhaupt nicht mehr so großartig.

footage: footage ist ja auch ein Magazin für Midlife-Crisis. Glauben Sie, dass so was mal auf Sie zukommt?

Tilman Rammstedt: Ich habe schon vier bis fünf Midlife-Krisen hinter mir. Immerhin hat das den Vorteil, dass ich anscheinend älter werde als ich früher dachte.

footage: Und wir sind ein Magazin für Fußball, können Sie damit was anfangen?

Tilman Rammstedt: Ich mit dem Fußball: Ja. Der Fußball mit mir: Eher nicht.

footage: Vielen Dank.

Hier geht es zu „Morgen mehr“.

Foto: Carolin Saage

 

 

 

 

 

 

 

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„Liebe Marie, ich bin kein Mann für eine Nacht! Liebe Marie, das habe ich noch nie gemacht! Liebe Marie, es muss die wahre Liebe sein!“ Wer die vergangene Woche in Köln verbracht hat, konnte sich diesem an dieser Stelle kurzerhand entdialektisierten Karnevalsschlager kaum entziehen. Und um es gleich mal vorweg zu nehmen: Ich bin durchaus ein großer Freund des Kölner Karneval und schaue daher ein bisschen wehmütig auf die vergangenen Tage zurück – auf Tage, an denen man sorglos und Arm in Arm mit Damen unter nichts preisgebenden gelben Perücken auf Tischen stehen konnte und Zeilen wie eben die von jener Marie in die Kölner Südstadt-Kneipe der jeweiligen Wahl schmettern konnte. Ich war wahlweise als Axl Rose, Björn Borg oder Rocky Balboa am Start und hatte meinen Spaß.

Aber natürlich sind auch solche Tage nie ganz fußball-, nie ganz alemannia-frei. Denn wohnst Du in Köln, haste halt manchmal Pech – vor allem was die Musik angeht. Schließlich gibt es hier kaum ein Lied, das ohne einen Treueschwur auf die rot-weißen Farben auskommt. Die Verquickung von kölscher Lebenslust mit kölschem Fußball ist längst legendär und wird von seinen Protagonisten mit einer beneidenswerten Inbrunst gelebt. Ob Du nun ein Spiel im Stadion verfolgst oder in Deiner Kneipe – der Unterschied zwischen Karnevalssitzung und Fußballspiel ist wohlwollend ausgedrückt fließend, wenn der örtliche Fußballclub spielt. Da sind starke Nerven gefragt, wenn es Dir egal ist, wie es ausgeht. Klar man neidet ihnen den Sportdirektor. Das volkstümliche Rahmenprogramm rund um ihre Spiele braucht man dagegen so ganz und gar nicht, egal wie gerne man am Ende den Straßenkarneval mag, der aber eben bekanntlich am Aschermittwoch nach fünf Tagen des närrischen Deliriums vorbei sein sollte.

Wie auch immer – jedenfalls holt Dich dieses emotionale Massaker ein, wenn Du eigentlich selbst frohen Mutes in besagter Kneipe mit besagter, verführerischer gelber Perücke im Arm und Björn-Borg-Frisur auf dem eigenen Kopf feierst und als vorbildlicher Familienvater allen Maries dieser Welt eben in die Notizblöcke grölst, dass DU kein Mann für eine Nacht bist. Es trifft Dich hart, wenn in diesen Momenten plötzlich genau das über die Lautsprecher hämmert, was sie in Köln viel zu ehrfürchtig „die Hymne“ nennen. Nur maximal vordergründig getarnt als Karnevalslied handelt es sich hier um nicht mehr und nicht weniger als um das inoffizielle Lied des örtlichen Vereins. Und dieses löst das aus, was Du nur schwer verkraften kannst, wenn Du kein Mann für eine Nacht bist: Nahezu alle Anwesenden erstarren andächtig, legen ihre Hand aufs Herz wie mexikanische Nationalspieler vor dem Finale der Mittelamerika-Meisterschaft und singen von einem „Jeföhl, dat verbingk“, gefolgt vom schier unerträglichen Choral „FC Kölle“. In diesen Momenten brennt die Kneipe und Du musst unweigerlich selbst „dat Jeföhl“ haben, dass hier irgendetwas ganz gehörig falsch läuft. Schließlich bist Du nicht alleine hier und von den drei Leuten mit denen Du unterwegs bist, ist einer Fan der Frankfurter Eintracht, einer vom FC St. Pauli und einer von gar nichts. Und wenn Du Dich jetzt so umguckst, bist Du tatsächlich der einzige, der stur und ungehorsam an einem Pfeiler lehnt und sich einigermaßen gestenreich dem Text verweigert. Deine Kumpel indes pfeifen auf die Eintracht und auf ihr sonst ach so großartiges Pauli und schunkeln in großer Runde mit und schreien raus, dass sie „durch et Fuer“ gehen würden, dass sie „zesamme immer stark“ sind und überhaupt: „durch dick un durch dünn“ gehen.

Spätestens jetzt weißt Du, dass Du die Jungs genau an diesen Moment hier erinnern wirst, wenn ihr Verein demnächst im Abstiegs oder Aufstiegskampf um scheinbar alles spielt und sie erzählen, wie sehr ihnen das den Schlaf raubt. Und Du denkst noch, wenn es einen Fußballgott gibt, dann steigen Frankfurt und Pauli im Sommer ab. Das wäre nicht mehr als gerecht – keine Frage. Oder doch nicht? Denn Köln wäre eben nicht Köln, wenn nicht sie, sondern viel mehr ich derjenige wäre, der in dieser Hymnen-Veranstaltung negativ auffällt. Die Frau mit der gelben Perücke kommt nach der Arie zu mir rüber, lächelt mich mit ihrem besten Lächeln an und fragt, warum ich denn nicht mit gesungen hätte. Ich schaue ihre Perücke an und denke, dass es irgendwie kein Zufall sein kann, dass die gelb und nicht rot ist. Ich schaue ihr tief in die Augen und antworte so gelassen, wie es eben geht: „Mädchen! Ich bin kein Mann für eine Nacht! Das habe ich noch nie gemacht“ Und dann lasse ich sie stehen, bestelle mir noch ein Kölsch, trinke es aus und fahre mit dem Taxi nach Hause. Denn eins ist nicht verhandelbar, weder hier noch anderswo: Es muss die wahre Liebe sein! Immer!

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Große Ereignisse werfen Ihre Schatten voraus, aber jetzt kommt Licht ins Dunkel. Wir haben vier der wichtigsten Sportveranstaltungen mal unter die Lupe genommen und dabei nicht wirklich näher betrachtet.

Handball-EM in Polen im Januar

Falls es einen europäischen Handballverband gibt, zeigt er der FIFA immer wieder, was eine Harke ist. Beziehungsweise, wie man negative Schlagzeilen vermeidet. Handball-Funktionäre sind nämlich dazu verpflichtet, sich immer wieder einen neuen Modus für die internationalen Turniere auszudenken. Wie viele Zwischenrunden gibt es bis zum Finale? Warum sollen sich Gruppenletzte nicht auch noch über die Trostrunde für das Endspiel qualifizieren? Wer sich mit solchen Fragen beschäftigt, kommt nicht dazu, Geldsummen hin und her zu schieben. Schade allerdings: Für die EM in Polen hat die dortige Regierung ein Gesetz erlassen, nach dem Tore nur von Rechtsaußen erzielt werden dürfen.

Football: Super Bowl in Santa Clara im Februar

Viele Sportarten genießen in Deutschland mittlerweile ein äußerst großzügiges Asylrecht. Mittlerweile sind sogar Darts- oder  Snooker-Wettkämpfe in Fangemeinden aufgenommen wird, aber auch American Football ist fast schon im Mainstream angekommen. ran überträgt Spiele der NFL im TV und der Super Bowl feiert seinen 50. Geburtstag. Das ist übrigens so etwas wie der El Clasico des Spiels mit wechselnden Teams. Wie viele „Fans“ die Regeln des American Football fehlerfrei erklären können, ist nicht bekannt. Aber ein lockeres „Go, Kurzname des NFL-Teams, Go“ als Facebook-Post oder Tweet kriegen die meisten locker hin.

Fußball: Euro 2016 in Frankreich ab Juni

Die Europameisterschaft ist groß geworden. Zumindest größer als sie jemals zuvor war. Gestandene Männer werden nun wieder einmal mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es doch nicht immer auf die Größe ankommt. Dafür aber auf die Kleinen, denn davon spielen nun ein paar mit, obwohl es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Man sieht, es wird eine komplizierte Veranstaltung.

Olympische Spiele in Rio de Janeiro im August

Olympia in Rio bedeutet vor allem, dass wir mit einem ziemlich eingängigen aber schrecklichen Sommerhit rechnen müssen. Irgendwas zwischen Ricky Martin und „Macarena“. Eine Art „Ein Hoch auf uns“ in lateinamerikanischer Rhythmik und Sportgymnastik.

Der Zeitunterschied zu Rio beträgt übrigens nur drei Stunden. Man wird sich also leider keine Nacht um die Ohren schlagen müssen. Stattdessen sind wir ganz wach, wenn Alexander Bommes völlig euphorisiert versucht, einen deutschen Bronzemedaillengewinner im Taekwondo zum Reden zu bringen.

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Letzten Samstag musste ich an Claudia Kohde-Kilsch denken – eine sehr verbissene Tennisspielerin aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, die oft mit eingefallenen Schultern und grimmigen Blick über die Tennisplätze von Filderstadt bis Flushing Meadows schritt und sich verblüffend lange in den Top-Ten der besten Spielerinnen der Welt hielt. Sie war viel zu groß, nicht wirklich hübsch und litt vor allem unter Steffi Graf, die – egal was sie auch tat – beliebter und vor allem besser war als sie selbst. Ich dachte an sie, als ich das Ergebnis von Alemannia in der Kölner Flughafen-Einflugschneise las. Die Gedanken an ihre Schultern und an ihr Leid, ließen mich in einem Moment schmunzeln, in dem es eigentlich nichts zu schmunzeln gab. Und dennoch tat ich es – nicht herzlich, aber immerhin mit einem Anflug von debilem Spott. Dabei war ich ihr viel näher, als ich es selbst bemerkte. Ein 0:6 ist eine fiese Klatsche, die man besser nicht beschmunzelt –zumal sie allen, die auf bessere Zeiten hoffen, noch einmal deutlich zeigt, worauf wir uns alle höchstwahrscheinlich auch für das nächste Jahr einstellen müssen: eine weitere Saison in der Regionalliga West, mindestens eine. Ich dachte an nichts von alledem, sondern eben an Claudia Kohde-Kilsch, weil sie für mich so etwas wie das Fleisch gewordene 0:6 war, damals in den Achtzigern und Neunzigern, als sie hoffnungslos weit weg war von Steffi Graf.

Als Alemannia in Köln spielte, konnte ich nicht dabei sein. Meine grün-weißen Jungs hatten ebenfalls ein Spiel, das sie im Vergleich zur schwarz-gelben Alemannia auch nur ganz knapp mit 1:4 verloren. Ich schaute kurz vor dem Anpfiff des E-Jugend Kicks auf mein Handy, um das Ergebnis aus Köln zu checken und sah ein ziemlich desillusionierendes 0:3 auf meinem Display. Carl, meinem Spielmacher, sagte ich lieber nichts davon. Er sollte sich auf wirklich guten Fußball konzentrieren. Und so dachte ich ganz kurz für mich alleine: „Na, hoch gewinnen die heute auch nicht mehr.“ Dann aber vergaß ich Alemannia wieder und gab mich voll und ganz der Niederlage der Zehnjährigen hin. Als wir nach dieser vom Platz gingen und Carl hinter mir rief „Papi, wie hat Alemannia gespielt?“ erinnerte ich mich erst wieder daran, dass irgendwo ja noch ein anderes Spiel stattgefunden hatte. Ich schaute nicht nach, wie es ausgegangen war und beschied den Sohnemann zu warten bis wir im Auto sitzen würden. Ein bisschen Hoffnung, auf einen 4:3 Auswärtssieg etwa, sollte schon noch sein und wenn es nur für die kurze Zeitspanne eines Weges vom Platz bis zum Parkplatz war. Im Auto angekommen, war es aber leider nicht die Becker-Faust, die wir ballten, sondern es war die väterliche Erinnerung an Claudia Kohde-Kilsch, die uns traf.

Diese nette kleine Episode mit Erinnerungsversatzstücken an eine Tennis-Spielerin, die eigentlich auf niemanden sonst wirklich nachhaltigen Eindruck gemacht haben dürfte, zeigt eigentlich erschreckendes. Sie legt Gleichgültigkeit offen. Denn mal ehrlich: Hätte ich nicht viel mehr an Frederic Mombongo-Dues denken müssen – jenen Einwechselspieler von Viktoria Köln, der eine Viertelstunde vor Schluss aufs Feld kam und nichts besseres zu tun hatte als zwei Buden zu machen. Ja an diesen Mann , der genau wie Kohde-Kilsch einen Doppelnamen trägt, hätte ich denken müssen – zumal dieser junge Mann, wie ich mittlerweile durch eine penible Internet-Recherche weiß, in der Jugend sogar selbst bei Alemannia spielte und wie zum Hohn und Spott auch noch am gleichen Tag Geburtstag feiert wie ich, was ja auch irgendwie ein nicht zu übersehenes Zeichen ist. Und nehmen wir mal für einen Moment an, ich sei Claudia Kohde-Kilsch, dann müsste eigentlich Frederic Mombongo-Dues meine Steffi Graf sein – zu deutliche Parallelen, einfach zu deutlich.

Es ist erschreckend, wie scheinbar emotionslos dieses Desaster von Höhenberg an mir vorbei ging. Ich war nicht da! Ich schaute nur ein paar Mal auf mein Handy, um das Ergebnis zu checken und beim Anblick der Null und der Sechs lächelte ich auch noch leicht debil, weil ich an Tennis dachte.

Alemannia, was ist nur aus uns geworden? Früher warf ich Stühle gegen Kellerwände, hörte depressive Musik auf dem Heimweg vom Tivoli oder sprach zwei Tage kein Wort, wenn wir in den letzten zehn Minuten drei Tore kassierten. Und ganz manchmal da weinte ich sogar, wenn Du so viel Alemannia warst, wie nur Du es sein konntest und kannst. Vorbei! Ist das wirklich vorbei? Ich weiß es nicht – in jedem Fall ist es Ausdruck einer Misere, die in Namen wie Frederic Mombongo Dues, Sportfreunde Lotte oder Claudia Kohde-Kilsch begraben liegt. Ich muss mich ändern. Denn Du kannst es nicht – Du bist wie Du immer warst: eher schlecht, wenn es darauf ankommt, viel zu euphorisch, wenn dir mal was gelingt und eben trist, wenn Deine Umgebung es ist. Es liegt an mir! Ich habe vergessen, Dich so zu lieben, wie Du nun mal bist. Aber weißt Du, Alemannia. Es liegt ein bisschen Trost in den Worten meines Sohnes, die er sagte als wir von seinem Spiel nach Hause fuhren. „Scheiße,“ sagte er trocken und meinte damit nicht dieses dämliche 1:4 der eigenen Mannschaft. Es gibt Hoffnung, Alemannia – wenn auch nur ein Fünkchen.

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„Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“. Ich dachte immer, Günter Netzer hätte das in den 70ern im Zuge seiner damaligen Revoluzzer-Attitüde gesagt. Die ersten Ergebnisseiten von Google belehren mich eines Besseren. Illustre Namen wie Wolfgang Niersbach, Sepp Blatter oder Michel Platini tauchen da auf. Sie haben sich den Satz zwar bestimmt nicht ausgedacht, aber offensichtlich in den Mund genommen. Ausgerechnet, möchte man sagen. Denn wenn der Satz stimmt und die Herren (noch) für Fußball stehen, sollte die Gesellschaft vielleicht mal für eine Weile jedem Spiegel aus dem Weg gehen. Der Satz stimmt aber erst seit neuestem. Und eigentlich auch nur, wenn es um die Kräfteverhältnisse in Fußball und Gesellschaft geht.

Rund um die Hamburger Alster stehen viele weiße Villen. Sie ruhen dort wie stolze Schwäne, denen jede Bewegung zu viel geworden ist. Wenn man einen Blick in die Gärten oder Fenster dieser Prachtbauten erhascht, bekommt man meistens nicht viel zu sehen. Es ist eine eigene Welt, mit der man als Normalsterblicher in der Regel nicht in Berührung kommt. Es ist eine andere Liga. So wie der FC Bayern München. Mit dem man als normalsterbliche Mannschaft mittlerweile nicht mehr mithalten kann. Natürlich ist beides schön anzuschauen – die gepflegten Häuser an der Alster, das gepflegte Passspiel in der Allianz Arena. Aber es hat für viele immer weniger mit der Realität zu tun. Also versucht man nicht mehr hinter die Fassaden der Häuser zu sehen und manchmal schaltet man das Bayern-Spiel am Abend in der Champions League gar nicht mehr ein.

Der Hamburger Vorort Schnelsen. Hier regiert das Prinzip Reihenhaus. Wer hier lebt, ist Durchschnitt. Und das ist in keiner Weise abwertend gemeint. Es sieht alles ein wenig gleich aus. So wie das Spiel eines Hamburger SV immer öfter einem Spiel von Hannover 96 ähnelt. Es gibt keine großen Ausreißer nach oben, wohl aber manchmal den Absturz nach unten. Vor einem Abstieg ist in der Mittelschicht niemand gefeit. Manchmal führt der Weg dann wieder zurück. Manchmal nicht, die Fans des MSV Duisburg oder von 1860 München wissen Bescheid.

Am Busbahnhof in Altona herrscht den ganzen Tag ein endloses Kommen und Gehen. Den meisten Menschen sieht man an, dass sie jeden Tag einen kleinen Kampf führen. Ein Tag ohne Rückschlag ist hier schon ein Punktgewinn. Mit Niederlagen findet man sich schnell ab, man ist sie gewohnt. Rasch richtet man den Blick wieder nach vorne. So wie ein guter, ordentlicher Zweitligist.

Früher hatte der Fußball viel von dieser Welt am Busbahnhof in Altona. Er war ehrliche Arbeit und ein rauhes Pflaster. Im Stadion gab es nirgendwo Sekt aber davor öfter mal ein Scharmützel. Und es gab Spielzeiten, in denen ein FC Bayern nicht unter den ersten fünf Mannschaften der Bundesliga zu finden war. Damals war der Fußball alles Mögliche – aber zum Glück kein Spiegelbild der Gesellschaft.

Foto: Wegmann

 

 

 

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Wenn Du nur noch verlierst, ist es manchmal gut, sich auf die gute alte Floskel zu verlassen. Sätze wie „Flach spielen, hoch gewinnen!“ oder „Auch mal hinten rum spielen!“ verlieren bei Niederlagenserien gut und gerne an Trivialität. Stattdessen geben sie Halt in einem Milieu, das nur noch von Gegentoren, schlechten Tabellenplätzen und zerplatzten Aufstiegshoffnungen dominiert wird. In solchen vor Jauche triefenden Umfeldern ist es dann wenigstens ein bisschen gut, einen Satz zu hören wie

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Vor über 30 Jahren haben die Fehlfarben mit „Monarchie und Alltag“ die Messlatte für gute deutsche Musik ganz weit nach oben gelegt. „Über … Menschen“ heißt ihr neues Album. Es gibt dazu eine Tour und bestimmt ein paar Interviews. Eins davon bei footage. Wir fragten sie nach der richtigen Musik für Kinder, sie belehrten uns in Sachen Altersmilde.

foo: Euer neues Album. Seid ihr eigentlich vollkommen zufrieden damit? Oder muss so ein Ding einfach irgendwann raus, weil ihr keine Lust mehr habt, dran rum zu werkeln?

Fehlfarben: Bei den letzten beiden Alben hatten wir keine Wahl, da mussten wir alles live einspielen, das war das Konzept. Aber diesmal wollten wir uns Zeit nehmen und jedes Stück zu Ende produzieren, solange bis alles stimmt. Das ist natürlich auch nur eine konzeptuelle Idee, denn die Realität ist, dass man es irgendwann für fertig erklären und loslassen muss, auch wenn es schwerfällt.

foo: Das Album heißt „Über … Menschen“. Da kann man ja viel hinein interpretieren. Oder sollte man das lieber lassen?

Fehlfarben: Der Titel kann zweideutig gelesen und verstanden werden, und das ist auch gut so – und wenn man dann die Rückseite sieht, ist man ganz verwirrt, haha, gut nicht?

TR_323_FEHLFARBEN_UeberMenschen_rgbfoo: Das Spektrum der Songs reicht ja von kleinen, melodiösen Nummern wie „Der Mann, den keiner kennt“ bis zu sehr sperrigen Titeln wie „Schmerz Mut Genuss Wut“. Gibt es bei euch manchmal Streit, in welche Richtung der Sound gehen soll?

Fehlfarben: Es gibt nur eine Hand von Gruppen auf die sich alle in der Band einigen könnten, insofern ist auch der Sound immer wieder eine Auseinandersetzung – der Eine will mehr Gitarren, der Andere mehr Synthies – da haben wir dann entschlossen, dass wir es nicht alleine produzieren können, sondern haben Timo Blunck als Außenstehenden gebeten, das Album für uns zu mischen.

foo: Kann es sein, dass eure Songs früher etwas wütender waren – gibt es so etwas wie eine Altersmilde bei euch?

Fehlfarben: Ähhh? Nö. Das Alter ist nur dann zu spüren, wenn man nach den Konzerten nicht mehr endlos feiern kann, ansonsten bleiben wir wie eh und je. Und Milde? Da solltest Du mal Peter auf der Bühne erleben, der war noch nie so bissig, wie jetzt.

foo: Haben die Fehlfarben-Mitglieder eigentlich Kinder, und wenn ja was dürfen die für Musik hören?

Fehlfarben: Es gibt aktuell 3 Kinder der Bandmitglieder. Die dürfen vor allem „Alte Pizza“ von Der Plan hören, das ist subversiv und kinderfreundlich zugleich. Pyrolators Tochter sang ausgerechnet wochenlang ein Stück, welches es nicht aufs Album geschafft hat, tragisch so was…

foo: Wenn ihr auf Tour seid. Ist da eine Station wie die andere? Oder gibt es Orte an denen ihr besonders gerne spielt oder welche, in denen ihr nur widerwillig auftretet?

Fehlfarben: Wir spielen am liebsten in Orten, wo wir noch nie waren, ansonsten aber überall gerne. Unsere Tour begonnen haben wir in Münster im Gleis 22, wo wir immer gerne sind. Auch lieber in Clubs als auf großen Bühnen, da steht man näher zusammen, hört sich besser und hat auch einen direkten Kontakt zum Publikum. Wir sind generell sehr gerne auf Tour, das ist immer der Höhepunkt einer Album-Produktion. Da kann man dann zum ersten Mal erleben, wie die neuen Stücke ankommen.

foo: Was war denn euer unbestrittenes Konzert-Highlight in all den Jahren?

Fehlfarben: Da können wir uns auf ein Konzert einigen: Wire im Ratinger Hof, was zumindest vier von uns gesehen haben und für uns alle gleichermaßen inspirierend wie spannend war.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

>>> Mehr Infos und Tourdaten

Und etwas, um die Ohren frei zu pusten:

Fotos: Roland Bertram, Tapete Records

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„Es müsste immer Musik da sein“. An diesen kleinen Satz aus dem großen Film „Absolute Giganten“ musste ich manchmal bei dem ganzen Flüchtlingsdrama denken, wenn mich wieder einmal Wut überkam. Denn es war eben bis jetzt keine Musik da. Dass sich jetzt alle auf einen 22 Jahre alten Song einigen können, zeigt ja nur, was fehlt.  „Schrei nach Liebe“ hat alles was Rock & Roll braucht. Wut und ein paar Zeilen, die für immer im Gedächtnis bleiben. Jetzt ist anscheinend kein Musiker wütend und wortgewandt genug, sonst müssten nicht Die Ärzte erste Hilfe leisten.

Das war früher anders. Protest, Wut und Ohnmacht fanden sich in vielen Songs wieder. Mal über jeden Zweifel erhaben, mal musikalisch grenzwertig. Und, Ironie des Schicksals, vielen politisch engagierten Künstler wurde der Begriff „Gutmensch“ nicht nur von heimlichen und unheimlichen Rassisten vor den Latz geknallt. Sondern auch von einer links angehauchten Coolness-Fraktion, der all das Engagement, die PR-Maschine drum herum und die Musik mittendrin zu aufdringlich oder auch zu larmoyant erschien. Jetzt könnten Musiker wie Bono, Bob Geldorf, Herbert Grönemeyer oder Wolfgang Niedecken zumindest mal laut mit der Stirn runzeln, wenn sich  viele ihrer früheren Kritiker auf einmal selber als „Gutmenschen“ sehen.

Aber auch die alte Garde der Protestsongschreiber bleibt bisher musikalisch stumm, vielleicht ja auch weil eine andere Kommunikationsform vielen mehr aus der Seele spricht. In einer Welt voller medialer Möglichkeiten hat es das gute alte geschriebene und gesprochene Wort geschafft, Wut am besten zu transportieren und für den einen oder anderen Gänsehaut-Moment zu sorgen. Man kann von Til Schweiger oder Joko oder Klaas halten, was man will, aber sie haben mit ihren Beschimpfungen wie „empathieloses Pack“ oder „erbärmliche Trottel“ die „Ich bin kein Nazi, aber …“-Bürger schon sehr treffend auf das Nötigste reduziert.

Der größte „Hit“ zur Flüchtlingskrise stammt aber aus einem Studio in Hamburg, Eine kleine Hitschmiede steht da, denn hier haben mittlerweile viele Beiträge die virale Runde gemacht. Die „Künstler“ dahinter sind Kommentatoren der Tagesthemen. Die NDR-Journalistin Anja Reschke hat schon zum Gedenken an den Holocaust den Nagel auf den getroffen. Und in diesem Sommer stammt die beste Hookline zum Flüchtlingsdrama von ihr:  „Dagegen halten, Mund aufmachen, Haltung zeigen“  Das bleibt die Devise. Und besser hätte es ein Rock & Roll-Song auch nicht sagen können.

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In Zeiten, in denen kleine Jungs ihren Verein für rund 80 Millionen wechseln, ist alles möglich – zum Beispiel, dass einer wie Marcel Heller zum Star der Liga aufsteigt. Derzeit kann man nicht mal mehr ausschließen, dass der Darmstädter Held im nächsten Sommer zum nationalen aufsteigt und die deutsche Elf in Paris zum EM-Titel schießt. Dann wird er für schlappe 200 Millionen in die Premier League wechseln und der Autor dieser Zeilen das notorische Kopfschütteln perfektionieren. Man sollte in diesen Tagen nichts für unmöglich halten – selbst die, die gestern mit dem Ball am Fuß vom Strand aus das Meer nicht trafen, können schon morgen ganz groß raus kommen.

Als wir in der letzten Woche zum Spiel gegen den FC Kray unsere Saisonpremiere feierten, standen wir leicht versonnen am Kassenhäuschen als uns plötzlich eine leicht verschüchterte Dreier-Gruppe auf die Schulter tippte. Leicht gebeugt, fast entschuldigend und in jedem Fall freundlich fragten die seltsamen Drei nach dem Auswärtsblock. Ein kurzes Innehalten unsererseits bestätigte unseren ersten Gedanken: DAS mussten Fans des FC Kray sein – nicht einer, nicht zwei, gleich drei.

Als wir los gefahren waren und meine Jungs, die am nächsten Tag Schule hatten und deshalb von ihrer Mutter angekettet im Flur „Adieu“ sagten, stand die Frage im Raum gegen wen es denn heute Abend überhaupt ginge. Kurz hatte ich überlegt „Darmstadt 98“ zu sagen, denn ich fürchtete, ein Gegner, der „Kray“ heißt, könnte irgendwie demotivierend auf Kinder wirken, deren Schulkameraden auf dem Pausenhof von Siegen gegen Schalke, Leverkusen oder Mönchengladbach erzählen. Allerdings hatte ich auch ein bisschen Sorge, dass einer von beiden bei der Antwort „Darmstadt 98“ prompt Marcel Heller ins Spiel bringen würde, was ich nicht ertragen hätte. Ich sagte also „gegen den FC Kray“ und erntete wie erwartet fragende Gesichter, die aber durch einen schnellen Abgang erfolgreich gekontert wurden.

Wenn man schon als Gastgeber des FC Kray leichte Panikattacken bekommt, , wie muss man sich erst fühlen, wenn man dessen Mannschaftsposter über dem Bett hängen hat? Diese drei Fans, die so höflich nach dem Auswärtsblock gefragt hatten, haben dieses schicksalhafte Los ganz offensichtlich gezogen. Denn alle drei trugen einen „FC-Kray-Schal“ um den Hals. Wie heißt es doch so schön? „Seinen Verein sucht man sich nicht aus!“ Manchmal, meist an der Theke, kokettiert man als Alemannia-Fan ja mit diesem Spruch und erntet nicht selten Blicke der Anerkennung. Viel mehr Anerkennung hatten aber die Kray-Supporter an diesem Dienstag Abend verdient. Natürlich erklärten wir ihnen den Weg zum richtigen Kassenhäuschen, ohne dabei die wenig originelle Bemerkung zu vergessen, dass wir vermuteten, sie seien die einzigen Fans des FC Kray. Wir wären nicht ganz sicher, ob für sie tatsächlich der gesamte Auswärtsblock geöffnet würde. Sie lachten, wir lachten – kurzer Handschlag, gute Saisonwünsche in beide Richtungen und die Jungs verabschiedeten sich in die Kray-Kurve, die wie wir nachher von unseren Plätzen einigermaßen gut einsahen, gefüllt mit ihren insgesamt circa 15 tapferen Fans – immerhin.

Ich hoffe sehr, dass sie sich wohl gefühlt haben am Tivoli, dass sie weder angepöbelt noch irgendwelche anderen Schwierigkeiten hatten. Diese Jungs waren an einem stinknormalen Dienstag Abend aus ihrem Essener Vorort nach Aachen gekommen, hatten ein Bier vor dem Stadion getrunken und dann freiwillig dabei zugesehen, wie ihre Mannschaft an einem Turm, der Jannik Löhden heißt, abprallte. Wie war das? Seinen Verein sucht man sich nicht aus? Schon richtig – aber manchmal trifft es einen verdammt hart und wenn Du dann das schwarz-gelbe Trikot trägst, weißt Du: Eigentlich hast Du es ganz gut getroffen.

In Zeiten, in denen belgische Knaben ihren Verein für 80 Millionen wechseln und in der Woche mehr Scheine verdienen, als man in eine handelsübliche Badewanne packen könnte, sind mir die drei Jungs aus Kray ein echter Trost. Und wenn im Spätsommer 2016 die Summen für Marcell Heller explodieren, dann werde ich an sie denken – an den Moment als sie mir schüchtern auf die Schulter klopften und nach den Tickets für den Auswärtsblock fragten. 80 Millionen seid ihr wert, Jungs. Ach was sage ich – unbezahlbar seid Ihr! Come on, FC Kray!

Dieser Artikel ist im „Tivoli Echo“, der Stadionzeitung von Alemannia Aachen zu den Heimspielen gegen den SC Wiedenbrück sowie Schalke 04 Amateure erschienen

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Wie trainiert ein junger Fußballer seinen schwachen Fuß? Er trägt im nächsten Spiel nur den linken Fußballschuh und nutzt den starken Fuß nur zum Stehen. Wenn dann am Ende sieben Tore dabei herauskommen, scheint der liebe Gott seinerseits alles in die Waagschale geworfen zu haben, um den betreffenden Kicker mit Talent zu versorgen.
Dietrich Schulze-Marmeling, einer der besten Fußballbuch-Autoren des Landes, hat ein Buch über diesen Fußballer geschrieben – eine beeindruckende Biografie über den vielleicht schillerndsten und zugleich besten Fußballer aller Zeiten: George Best. footage-Autor Sascha Theisen sprach mit Schulze-Marmeling über Best, dessen Leben als Fußballer und über die Zukunft des Spiels. Ein Gespräch über – Achtung Pathos – die Dimensionen des großen Spiels.

footage: Du wählst in Deinem Buch einen außergewöhnlichen Blickwinkel auf George Bests Leben und stellst seine Karriere in Bezug zu den „Troubles“ in Nordirland. Zunächst scheint das verwunderlich, wenn man über einen Fußballer schreibt, der zwar in Nordirland aufgewachsen ist, aber die meiste Zeit seines Lebens im englischen Fußball-Establishment rund um Manchester United verbracht hat. Warum trotzdem dieser Zusammenhang?Schulze-Marmeling: Bests nordirischem Background wurde bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Mich hat das immer ein wenig verwundert. Über Best ist häufig aus einer „englischen Perspektive“ – bzw.: Manchester United-Perspektive – geschrieben worden. Seine Herkunft und die Zustände in seiner Heimatstadt Belfast werden nur am Rande und mit einem gewissen Unverständnis behandelt. Ich habe 1 ½ Jahre in Nordirland gelebt und bin auch seither häufig dort gewesen. Aber ich kenne auch Manchester und United. Das hat es mir ermöglicht, mich mit Best sowohl aus der Perspektive Belfasts, des katholischen wie des protestantischen, wie auch der Mannchesters zu nähern. Best verlässt seine Heimat noch vor Ausbruch der nordirischen „Troubles“, die das Land – und hier vor allem Belfast – einschneidend verändern. Best kam aus dem protestantischen East Belfast, dort regierte nicht gerade eine Spaß-Gesellschaft, sondern eine ziemlich strenge protestantische Working Class-Kultur, garniert mit religiöser Bigotterie. Manchester United ist zu dieser Zeit ein Klub, der als „katholisch“ betrachtet wird, was natürlich viel zu kurz greift. Vor allem aber ist Manchester verglichen mit Belfast ein anderer Planet: In religiösen Dingen ziemlich liberal, weshalb die Stadt sowohl bei Juden wie irisch-stämmigen Katholiken, von denen es in der Stadt sehr viele gab, sehr beliebt war. Und: In Manchester toben die „Swinging Sixties“. In Belfast kann man nur im eigenen Viertel und in schwer gesicherten „social clubs“ feiern. In Manchester muss man keine Angst haben, dass man sich im falschen Viertel befindet oder der Pub gebombt wird. Natürlich war auch Best dieser Kontrast bewusst – und er hat ihn gelebt. Ich denke schon, dass die Erfahrungen in Manchester, wo er auch mit Katholiken saufen darf, was in Belfast nicht möglich ist, seinen Blick auf seine Heimatstadt und das dortige Sektierertum beeinflusst hat. Gleichzeitig bleibt er in Manchester immer „der Ire“, obwohl er aus einer Community kommt, die daheim eine britische Identität zelebriert. Aber für viele Engländer ist Best einfach nur der „typische Ire“ – rebellisch, unkontrolliert und versoffen. Man müsste eigentlich ergänzen: der typische „katholische Ire“. Denn daheim gilt das Saufen eher als ein „katholisches Hobby“. Das Best Protestant ist, seine Familie unionistisch, vielleicht sogar loyalistisch ist, also der Krone gegenüber loyal, schützt ihn nicht vor anti-irischen Ressentiments.
Was mich regelrecht bewegt hat – vielleicht auch, weil ich die nordirischen Verhältnissen aus eigener Anschauung, aus eigenem Erleben ganz gut kenne: Wie die Profifußballer (und auch die Musiker) die sektiererische Spaltung in ihrer Heimat ignorieren und überwinden. Was sie sich vielleicht aber auch nur leisten konnten, weil sie diese verlassen hatten.
Dann gibt es einen weiteren „politischen“ Aspekt in Bests Leben: Sein wiederholtes Eintreten für eine gesamtirische Nationalelf, die viele nordirische Protestanten rigoros ablehnen, weil für sie die Nationalelf ein Symbol nordirisch-protestantischer Eigenständigkeit gegenüber der „katholischen Republik“ im Süden ist. Hier kollidierte Bests Pragmatismus und sportlicher Ehrgeiz mit der Engstirnigkeit in seiner Community. Best wollte einfach in einer erfolgreichen Nationalmannschaft spielen. Auf sich alleine gestellt verfügten der Norden und der Süden aber nicht über die hierfür notwendigen Ressourcen. Ich habe mich im Buch ja auch ausführlicher diesem legendären Spiel von 1973 gewidmet, als in Dublin eine gesamtirische Auswahl, die nicht zuletzt auf Initiative von nordirischen und südirischen Spielern zusammenkam, Protestanten wie Katholiken, gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien antrat. Das Spiel war ein Statement gegen das Sektierertum und en inneririschen Hass. Und es deutete an, was möglich sein könnte, wenn der Norden und der Süden auf dem Fußballfeld zusammenfinden würden – so wie das im Rugby der Fall war und ist.

footage: In vielen Nachbetrachtungen verkommt George Best leider zu einem Säufer-Symbol der Marke Harald Juhnke. Sein Satz über die schnellen Autos, Drogen und Frauen in seinem Leben ist mittlerweile Standardfloskel in jeder Fußballzitate-Sammlung. Bei seinem ausschweifenden Lebenswandel ist das natürlich kein Wunder. Trotzdem ist es doch mindestens schade, dass sein außergewöhnliches Spiel so ein bisschen in den Hintergrund tritt, oder?
Schulze-Marmeling: Ja, leider ist das so. Es gibt diesen Hang zum Voyeurismus, den Best natürlich gehörig bedient hat. Aber es gibt doch noch viele Menschen, die sich zumindest auch an seine wilden Dribblings erinnern und dabei etwas nostalgisch werden. Seit dem Erscheinen des Buches treffe ich auf zwei Reaktionen: Die älteren Leser sind dankbar dafür, dass man sich „Bestie“, dem „fünften Beatle“, gewidmet hat. Und finden es interessant und erhellend, dass man ihn in den politischen und kulturellen Kontext der 1960er und 1970er Jahre gestellt hat – weil sie sich nicht nur an Best und sein Spiel erinnern können, sondern auch an den Ausbruch der „Troubles“, „bloody sunday“ etc. Das Fernsehen hat damals ja recht ausführlich über den nordirischen Bürgerkrieg berichtet – ein Bürgerkrieg nicht irgendwo in der dritten Welt, sondern in Europa, quasi nebenan. Bei den jüngeren Lesern ist die Reaktion eher: Was für ein geiler Typ! Einer der besten Spieler in der Fußballgeschichte, von dem wir aber nichts wussten. Wir kannten bislang nur diesen Spruch mit dem Alkohol, schnellen Autos und den Frauen. Wir müssen mal schauen, was wir bei YouTube an Spielszenen von ihm finden.
By the way: Als der Verlag Die Werkstatt sich Anfang der 1990er in Richtung Fußball orientierte, stand ziemlich weit oben auf der Liste von Projekten, die man machen könnte und die zum (noch zu entwickelnden) Profil des Verlags passen würden, ein Buch über Best. Es hat dann aber gut 20 Jahre gedauert. Für mich war dieses Buch eine ganz besondere Herausforderung, weil ich hier meinen kompletten Interessen freien Lauf lassen konnte: Fußball, Politik und Musik. Manchmal war mir so, als würde ich nicht schreiben, sondern einfach nur erzählen – so leicht ging mir die ganze Sache von der Hand.

footage: Nordirland war während der „Troubles“ voll mit schillernden Persönlichkeiten, die Du in Deinem Buch ja auch beschreibst. Neben Best zum Beispiel Van Morrison, der durch seine Konzerte in Belfast deutlich mehr Einfluss auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Nordirland nahm als Best, der in erster Linie englische Verteidiger vorführte und Champagner aus Schuhen von Traumfrauen trank. War Best deswegen oder trotzdem eine Gallionsfigur in seiner Heimat?
Schulze-Marmeling: Als ich in Nordirland lebte, das war 1988, 1989, stellte ich wiederholt fest, dass es einen Mann gab, der in beiden Communities ein Lächeln auf die Gesichter zauberte: Best.
Wobei man den Eindruck bekommen konnte, dass das Verständnis für seine Eskapaden auf katholischer Seite größer war. Im protestantischen Milieu hat man sich seiner manchmal auch geschämt. Den freudlosen Evangelikalen war er zu wild. Es ist bezeichnend, dass zu seinen Fans auch Leute wie Martin McGuinness gehörten, der ein gläubiger Katholik ist und damals ein aktives und führendes IRA-Mitglied war. (Heute ist McGuinness stellvertretender Ministerpräsident Nordirlands.)
Best gehört zu den ganz wenigen Persönlichkeiten, die von beiden Seiten verehrt werden. Best war ein East Belfast Boy, seine Wiege war die protestantische Working Class im Osten der Stadt, wo der bedeutendste Arbeitgeber die Werft Harland & Wolff war, das industrielle Rückgrat des Working Class-Loyalismus. Best hat seine Wurzeln nie verleugnet. Und kein Katholik hat sie ihm verübelt oder ihn als „einen von den anderen“ betrachtet. Die Rezeption seiner Person ist „gesamt-nordirisch“, ja vielleicht sogar „gesamt-irisch“. Hierzu hat sicherlich beigetragen, dass er für United spielte, das viele (katholische) Anhänger im Norden und Süden der irischen Insel hat und eine lange Geschichte irischer Spieler. Und für die „Red Devils“ gespielt hat, als der Klub mit dem Gewinn des Europapokals 1968 den größten Triumph in seiner Geschichte feierte, zu dem Best erheblich beigetragen hatte. Und sein Leben in Manchester war so fern vom Sektierertum und der Bigotterie in seiner Heimatstadt, dass ihn auch die Katholiken lieben konnten. In Bests Person verschwimmen zuweilen die unterschiedlichen und miteinander konkurrierenden Identitäten Nordirlands. Ich habe schon angemerkt, dass Best in England einfach nur „der Ire“ war. Mir ging es damals ähnlich. Als Best Europas Fußballer des Jahres wurde, war ich 11. Im „Kicker“ gab es ein kleines Poster von ihm, A4 oder A3, genau weiß ich es nicht mehr. Best mit langer Mähne, im roten Trikot von United, das Trikot hing über der Hose – und das Poster über meinem Bett. Daneben fand bald ein weiterer Ire einen Platz auf meiner „wall of fame“: Der geniale Blues- und Rockmusiker Rory Gallagher, der in Belfast mit legendär gewordenen Konzerten Spuren hinterließ. Zeitgleich berichtete das Fernsehen über die Bürgerrechtsbewegung in Nordirland, den Ausbruch der „Troubles“ etc. War Best nun Katholik oder Protestant? Zu welcher Seite gehörte er? In meiner kompletten Ahnungslosigkeit musste dieser Rebell am Ball Katholik sein. Und Gallagher? Nordire und Belfast Boy. War er aber nicht. Gallagher war Südire und in Cork aufgewachsen.

footage: Die Karriere Bests ist voll mit großartigen fußballerischen Anekdoten. Meine liebste ist die, wie er schon im Herbst seiner Karriere vor einem Spiel gegen die Niederlande in den nordirischen Medien einen Beinschuss für Johan Cruyff ankündigte und ihm diesen schon nach ein paar Spielminuten unter großem Jubel verpasste. Was ist Deine Lieblingsanekdote, was den Fußballer George Best betrifft?
Schulze-Marmeling: Ich habe vor einigen Monaten einen niederländischen Journalisten getroffen, der als junger Mensch das Spiel im „De Kuip“ gesehen hatte. Der schüttelte jetzt noch den Kopf. Bests Auftritt sei unglaublich gewesen. Dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt – Oktober 1976 – bereits den Zenit seiner Karriere überschritten. Ich habe keine wirkliche Lieblingsanekdote.

footage: Vor kurzem habe ich in einem Interview mit Johnny Rotten gelesen, dass er es selbst als Arsenal-Fan immer genossen hat, wenn Best in Highbury gespielt hat. Viele seiner Gegner sagen bis heute, dass er der Größte war. Er selbst drückte es so aus: „If I had been born ugly, you would never have heard of Pele.“ War er auch aus Deiner Sicht größer als alle anderen?Schulze-Marmeling: Das ist schwierig zu sagen. Er wird in einem Atemzug mit Pelé, Cruyff und Maradona genannt. Aber diese Jungs sind die Riege meiner Generation. Meine Kinder werden vielleicht später ihren Kindern von Messi, Ronaldo und Xavi erzählen. Trotzdem ist es schon verblüffend, wie hartnäckig sich das Quartett hält. Bei dem von dir zitierten Satz geht es ja darum, dass Bests Status als erster Popstar des Fußballs, nicht nur bedingt durch seine Spielweise, sondern auch sein gutes Aussehen, ihn vom Kerngeschäft abgelenkt hat. Wäre er hässlich gewesen, wäre er kaum zum Epizentrum von Manchesters Party-Leben avanciert. Und hätte vielleicht noch länger erfolgreich Fußball gespielt. Lass uns mal Best in die heutige Zeit verpflanzen. Damals gestalteten sich Vereinswechsel noch schwierig. Dass einer der weltbesten Fußballer, Gewinner des Ballon d’Or, auch dann noch für United spielt, wenn die Mannschaft im Mittelmaß versinkt und in der Champions League auf Jahre nicht mehr dabei ist, ist völlig unvorstellbar. So wie es unvorstellbar ist, dass ein Klub wie United nach dem Gewinn der Champions League die nächsten fünf, sechs Jahre nicht mehr europäisch spielt. Im alten Landesmeistercup konnte dies aber passieren. Ein Best hätte heute eine völlig andere TV-Präsenz. Cruyff und Pelé hatten ganz andere Möglichkeiten, sich im Bewusstsein einer Weltöffentlichkeit zu etablieren. Cruyff gewann mit Ajax gleich dreimal den Europapokal der Landesmeister, wurde mit Barcelona Meister und war der großer Star der WM 1974. Und Pelé war bei vier WM-Turnieren dabei und wurde dreimal Weltmeister. Umso erstaunlicher, dass Best trotzdem mit diesen Spielern in einem Atemzug genannt wurde und wird.

footage: Irgendwie ist Dein Buch auch ein Plädoyer für die Wildheit im Fußball, für unangepasste Fußballer, wie Best einer war. Können wir in einer mittlerweile völlig durchleuchteten Fußballwelt, in der Direktspiel und Tempo mehr zählen als das Dribbling und die Demütigung des Verteidigers, noch einmal auf einen wie Best hoffen?
Schulze-Marmeling: Manchmal hat man zur richtigen Zeit das richtige Gefühl und schreibt das richtige Buch. Ich mag den Barca- und Guardiola-Fußball, die kurzen Ballhaltzeiten, das schnelle und präzise Passen, die Vermeidung des Zweikampfes etc. Ich glaube auch, dass es richtig war, dieses in der Ausbildung zu propagieren. Und einem Spieler, der technisch stark ist, aber körperlich schwach, würde ich heute noch immer empfehlen: Schau dir Xavi an, wie er sich durch exzellentes Antizipieren und schnelles Passen die Soldaten des Spiels vom Leibe hält. Das war zweifellos eine Weiterentwicklung gegenüber dem, was wir vorher so getrieben haben – gutes und schnelles Passen schult ja auch Technik und Spielintelligenz. Nun haben wir das einigermaßen verinnerlicht, was vielleicht auf Kosten des Muts zum Dribbling, zum Eins-gegen-eins ging. Da ist es völlig korrekt, dass wir nun wieder stärker diese Fähigkeiten schulen. Nicht immer nur sagen: Vermeide den Zweikampf durch schnelles Weiterspielen des Balles. Sondern auch mal: Versuch es alleine, fordere deinen Gegenspieler heraus. Sei mutig. Guardiolas Barca war ja nicht nur aufgrund des gekonnten Kurzpassspiels erfolgreich. Sondern auch, weil man mit Messi einen Spieler hatte, der aus diesem Modus ausbrechen konnte.
Ich bin ja mit dem Best-Buch bei weitem nicht der einzige, der nun das Pendel wieder ein bisschen in die andere Richtung bewegt. Der DFB hat sich in Person von Hansi Flick hierzu auch schon geäußert.
Hinzu kommt noch etwas anderes: Die Leistungszentren sind zweifellos eine wichtige Errungenschaft. Aber vielleicht „verschulen“ und zähmen wir die Spieler manchmal zu stark – auf Kosten von Eigenverantwortung und Kreativität. Vielleicht haben wir ein Spiel, das eben ein Spiel ist, etwas zu stark rationalisiert. Weil wir das perfekte Spiel wollen. Perfekt in dem Sinne, das wir das Zufällige, das Unvorhersehbare ausschalten wollten, den Sieg von A bis Z im Voraus durchplanen möchten. Aber das bedeutet immer auch einen Verlust an Kreativität.
Taktik ist enorm wichtig. Vor allem für von ihren individuellen Fähigkeiten her schwächere Teams. Ich liebe Taktikdiskussionen, aber es gibt Dinge, die mich noch mehr begeistern: eine exzellente Technik, Kreativität und Spielwitz, Spielintelligenz. Ich switche jetzt mal zu einem ganz anderen Fußballer: Manuel Neuer, über den ich kürzlich ein Buch veröffentlicht habe. Zunächst haben mich vor allem die Philosophie seines Torwartspiels und die Integration dieses Spiels in eine bestimmte Mannschaftstaktik interessiert. Dann habe ich aber auch registriert, dass dieses Spiel nicht nur auf Philosophie und Taktik basiert. Sondern auch eine Form von Selbstverwirklichung des Menschen und Fußballers Neuer ist, Ausdruck seiner Persönlichkeit. Neuer spielt den Neuer. Und hatte das Glück, dass man ihn den Neuer spielen ließ, ihn nicht seiner individuellen Eigenheiten und Stärken beraubte. Fußballer sollten keine Soldaten sein. Ihn sollte auch gestattet werden, ein Stück ihrer Persönlichkeit auf das Spielfeld zu bringen.

Das Buch von Dietrich Schulze-Marmeling „George Best – der ungezähmte Fußballer“ könnt Ihr hier bestellen.

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Gut gepflegte Timelines sind mittlerweile voll von ihnen – Cartoons sind  exquisite Häppchen, die man beim täglichen Scrollen durch Facebook oder Twitter so leicht und gerne konsumiert wie einen selbstgebackenen Cracker mit einem Tomaten-Frischkäse Dip drauf. Ralph Ruthe und Oli Hilbring sind die bekanntesten Namen, aber daneben gibt es  viele andere großartige Zeichner, die mit ihren kleinen Gags Riesenspaß machen. Einer von ihnen und der wahrscheinlich Beste, wenn es um pointierte Alltagsbetrachtungen geht, ist Uwe Krumbiegel. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt.

foo: Wann merkt man, dass man ein Talent für Komik hat? Und vor allem, wann hast du gemerkt, dass du ein Talent zum Zeichnen von Cartoons hast?

Uwe: Es soll ja Leute geben, die erst mit 30 Jahren ihr Faible fürs Cartoonzeichnen entdecken. Anders bei mir: Mich hat dieses Thema schon als Kind stark interessiert und ich war etwa 12, als ich die ersten Gags aufs Papier gekritzelt habe. Ich wusste von Anfang an, wie Witze funktionieren, konnte aber leider nie so gut zeichnen, wie ich es gern gekonnt hätte.

foo: Wann hast du deine ersten Cartoons veröffentlichen können und wie kam es dazu?

Uwe: Mein erster Cartoon ist in der Tageszeitung „Junge Welt“ abgedruckt worden, als ich 15 Jahre alt war. Kurz darauf habe ich den Zeichenstift für viele Jahre aus der Hand gelegt, um mich ins chaotische und völlig unproduktive Jugendleben zu stürzen. Ich habe dann erst 10 Jahre später als Student wieder angefangen zu zeichnen.

foo: Du bist ja heute Ingenieur. Würdest du lieber von deinen Cartoons leben? Und wie erlebst du den Gegensatz zwischen deinem doch wahrscheinlich eher nüchternem Job und
deiner künstlerischen Tätigkeit?

Uwe: Früher fand ich den Gedanken durchaus reizvoll, hauptberuflich als Cartoonist zu arbeiten. Inzwischen sehe ich das etwas nüchterner. Der Job als Ingenieur ist sehr rational, aber auch abwechslungsreich und voller wichtiger sozialer Kontakte. Als Cartoonist schmort man im eigenen Saft und ist seinen Gemütsschwankungen ausgesetzt – einschließlich Selbstzweifel und kreativer Krisen. So gesehen bin ich irgendwie froh, meine Brötchen in erster Linie mit „richtiger Arbeit“ zu verdienen. Ich weiß gar nicht, ob ich einen Ganztagsjob zuhause als Zeichner psychisch aushalten würde. Im Übrigen steht man mit einem „normalen“ Job jenseits des Kunstbetriebs zwangsläufig mit beiden Beinen im Leben, was durchaus hilfreich sein kann.

Foto_Krumbiegel1Uwe Krumbiegel

foo: Wie entstehen deine Einfälle für Cartoons? Sehr spontan oder schleppst du manche Themen länger mit dir herum und hast dann erst später die zündende Idee?

Uwe: Das ist sehr unterschiedlich. Einige Ideen entstehen tatsächlich durch spontane Eingebung, allerdings muss man konzentriert und aufnahmefähig sein. Bei anderen Ideen geht mühevolles Grübeln und Nachdenken voraus. Und dann gibt es noch die halbgaren Einfälle, die erst zwei Jahre im Skizzenbuch reifen müssen, bis man eine clevere Lösung für die Umsetzung findet.

foo: Wann hast du Facebook für dich entdeckt? Und in welcher Weise haben digitale und soziale Medien dein Arbeiten verändert?

Uwe: Bei Facebook bin ich seit Anfang 2014. Freunde hatten mich ermutigt und so habe ich den Schritt dann endlich gewagt. Für mich ist diese Sache seitdem sehr spannend, denn ich war es bisher nicht gewohnt, direkte Feedbacks zu den Cartoons zu bekommen. Ich denke, dass die Vorteile überwiegen. Man kann seinen Bekanntheitsgrad steigern und hat ein besseres Gefühl dafür, wie das Publikum tickt. Ob das meine Arbeitsweise beeinflusst, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich zeichne weiterhin das, was ich gern möchte. Da ich deutlich mehr Ideen habe, als ich zeichnerisch schaffe, siebe ich aber die weniger erfolgsträchtigen Cartoons aus. Hier können die Erkenntnisse aus dem Facebook-Feedback tatsächlich nützlich sein.

foo: Viele deiner Kollegen geben mit ihren Zeichnungen auch immer mal wieder ein politisches Statement ab? Bei dir sind es meistens eher sehr pointierte Alltagsbetrachtungen, woran
liegt das?

Uwe: Ich mache ganz einfach das, was ich am besten kann. Da ich nur nebenberuflich zeichne, habe ich auch sehr wenig Zeit und versuche stets Themen aufzugreifen, die kein kurzfristiges Verfallsdatum haben. Im Übrigen sind gute politische Karikaturen ein schwieriges Metier. Die Sachverhalte sind meistens weitaus komplexer, als es in der öffentlichen Wahrnehmung erscheint. Viele Zeichner greifen dabei gern auf abgedroschene Klischees und schablonenhafte Gut-Böse-Darstellungen zurück. Das ist offen gestanden überhaupt nicht mein Ding.

Übrigens habe ich in den vergangenen Jahren tatsächlich in einigen wenigen Fällen mal einen Cartoon zu einem tagesaktuellen Thema gebracht. Nichts davon ist veröffentlicht worden und es war letztendlich schade um den Aufwand. Hatte ich schon erwähnt, dass ich der vermutlich langsamste Zeichner der Welt bin?

foo: footage ist ja auch ein Magazin für Fußball. Kannst du damit was anfangen?

Uwe: Als Teenager habe ich die Spiele der damaligen DDR-Oberliga sehr intensiv verfolgt, nach der Wende hatte dann mein Interesse am Fußball etwas abgenommen. Aber ich sehe mir bei Welt- und Europameisterschaften immer noch gern Fußballspiele an. Übrigens wäre die Bundesliga für mich deutlich spannender, wenn eine Mannschaft aus Sachsen oder wenigstens Mitteldeutschland mitspielen würde.

foo: Und wir sind ein Magazin für Midlife-Crisis, hattest du schon eine oder gibt es so etwas gar nicht?

Uwe: Die Midlife-Crisis gibt es tatsächlich, leider. Alles schon erlebt. Wäre jetzt eigentlich auch mal ein gutes Thema für einen Cartoon.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

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