Unbezahlbare Jungs!

Unbezahlbare Jungs!

2003
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In Zeiten, in denen kleine Jungs ihren Verein für rund 80 Millionen wechseln, ist alles möglich – zum Beispiel, dass einer wie Marcel Heller zum Star der Liga aufsteigt. Derzeit kann man nicht mal mehr ausschließen, dass der Darmstädter Held im nächsten Sommer zum nationalen aufsteigt und die deutsche Elf in Paris zum EM-Titel schießt. Dann wird er für schlappe 200 Millionen in die Premier League wechseln und der Autor dieser Zeilen das notorische Kopfschütteln perfektionieren. Man sollte in diesen Tagen nichts für unmöglich halten – selbst die, die gestern mit dem Ball am Fuß vom Strand aus das Meer nicht trafen, können schon morgen ganz groß raus kommen.

Als wir in der letzten Woche zum Spiel gegen den FC Kray unsere Saisonpremiere feierten, standen wir leicht versonnen am Kassenhäuschen als uns plötzlich eine leicht verschüchterte Dreier-Gruppe auf die Schulter tippte. Leicht gebeugt, fast entschuldigend und in jedem Fall freundlich fragten die seltsamen Drei nach dem Auswärtsblock. Ein kurzes Innehalten unsererseits bestätigte unseren ersten Gedanken: DAS mussten Fans des FC Kray sein – nicht einer, nicht zwei, gleich drei.

Als wir los gefahren waren und meine Jungs, die am nächsten Tag Schule hatten und deshalb von ihrer Mutter angekettet im Flur „Adieu“ sagten, stand die Frage im Raum gegen wen es denn heute Abend überhaupt ginge. Kurz hatte ich überlegt „Darmstadt 98“ zu sagen, denn ich fürchtete, ein Gegner, der „Kray“ heißt, könnte irgendwie demotivierend auf Kinder wirken, deren Schulkameraden auf dem Pausenhof von Siegen gegen Schalke, Leverkusen oder Mönchengladbach erzählen. Allerdings hatte ich auch ein bisschen Sorge, dass einer von beiden bei der Antwort „Darmstadt 98“ prompt Marcel Heller ins Spiel bringen würde, was ich nicht ertragen hätte. Ich sagte also „gegen den FC Kray“ und erntete wie erwartet fragende Gesichter, die aber durch einen schnellen Abgang erfolgreich gekontert wurden.

Wenn man schon als Gastgeber des FC Kray leichte Panikattacken bekommt, , wie muss man sich erst fühlen, wenn man dessen Mannschaftsposter über dem Bett hängen hat? Diese drei Fans, die so höflich nach dem Auswärtsblock gefragt hatten, haben dieses schicksalhafte Los ganz offensichtlich gezogen. Denn alle drei trugen einen „FC-Kray-Schal“ um den Hals. Wie heißt es doch so schön? „Seinen Verein sucht man sich nicht aus!“ Manchmal, meist an der Theke, kokettiert man als Alemannia-Fan ja mit diesem Spruch und erntet nicht selten Blicke der Anerkennung. Viel mehr Anerkennung hatten aber die Kray-Supporter an diesem Dienstag Abend verdient. Natürlich erklärten wir ihnen den Weg zum richtigen Kassenhäuschen, ohne dabei die wenig originelle Bemerkung zu vergessen, dass wir vermuteten, sie seien die einzigen Fans des FC Kray. Wir wären nicht ganz sicher, ob für sie tatsächlich der gesamte Auswärtsblock geöffnet würde. Sie lachten, wir lachten – kurzer Handschlag, gute Saisonwünsche in beide Richtungen und die Jungs verabschiedeten sich in die Kray-Kurve, die wie wir nachher von unseren Plätzen einigermaßen gut einsahen, gefüllt mit ihren insgesamt circa 15 tapferen Fans – immerhin.

Ich hoffe sehr, dass sie sich wohl gefühlt haben am Tivoli, dass sie weder angepöbelt noch irgendwelche anderen Schwierigkeiten hatten. Diese Jungs waren an einem stinknormalen Dienstag Abend aus ihrem Essener Vorort nach Aachen gekommen, hatten ein Bier vor dem Stadion getrunken und dann freiwillig dabei zugesehen, wie ihre Mannschaft an einem Turm, der Jannik Löhden heißt, abprallte. Wie war das? Seinen Verein sucht man sich nicht aus? Schon richtig – aber manchmal trifft es einen verdammt hart und wenn Du dann das schwarz-gelbe Trikot trägst, weißt Du: Eigentlich hast Du es ganz gut getroffen.

In Zeiten, in denen belgische Knaben ihren Verein für 80 Millionen wechseln und in der Woche mehr Scheine verdienen, als man in eine handelsübliche Badewanne packen könnte, sind mir die drei Jungs aus Kray ein echter Trost. Und wenn im Spätsommer 2016 die Summen für Marcell Heller explodieren, dann werde ich an sie denken – an den Moment als sie mir schüchtern auf die Schulter klopften und nach den Tickets für den Auswärtsblock fragten. 80 Millionen seid ihr wert, Jungs. Ach was sage ich – unbezahlbar seid Ihr! Come on, FC Kray!

Dieser Artikel ist im „Tivoli Echo“, der Stadionzeitung von Alemannia Aachen zu den Heimspielen gegen den SC Wiedenbrück sowie Schalke 04 Amateure erschienen

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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