Rasenball Ralf

Rasenball Ralf

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Ralf stand vor seinem Spiegel. Er überlegte. Sollte er den zweiten Knopf seines ETERNA-Kurzarm-Hemdes öffnen oder sollte er ihn dort lassen, wo er war. Er war nicht sicher. Das war nicht seine Stärke, das wusste er. Das nicht. Seine Stärke waren Österreicher, Brasilianer, Schweden. Kein Abfall versteht sich – teure Österreicher, teure Brasilianer, teure Schweden. Da kannte er sich aus, da war er zu Hause. Geld spielte keine Rolle – nicht mehr. Ein beherzter Griff in die Kasse und schon hatte er einen Schweden mehr an seiner Seite.

Aber natürlich kaufte er auch nicht jeden: Er achtete auf den Händedruck, bevor er sie kaufte. Drückte etwa ein Brasilianer seine Hand zu lasch, dann würde er dessen Favela nicht retten können. Denn nicht weniger tat er, wenn er sie kaufte. Soziale Absicherung und der Erhalt von südamerikanischem Lebensraum durch den Zukauf von brasilianischen Knaben, die so später die finanzielle Potenz erhielten, ihre Favela mit Strom, Wasser und einer Bronzestatue von sich selbst auszustatten. Engagement – nannte er das, wenn er zu Hause saß und seinen Kindern von seiner Arbeit mit den Österreichern erzählte. Ein fester Händedruck allerdings war Voraussetzung dafür. Dann kaufte er den Mann, investierte in dessen Lebensraum. Ein fester Händedruck – dann hielt Ralf ihn für geeignet, seinen unwiderstehlichen Weg zu gehen.

Ralf merkte, das er sich verlor in seinen Gedanken. Das passierte ihm manchmal. Es war etwas, das er hasste an sich, an seinem Über-Ich, dass er doch eigentlich so sehr liebte. Er musste gedanklich zurück zu diesem zweiten Hemdknopf, sich wieder sammeln, sofort. Es gelang ihm. Ralf fokussierte sich und entschied, den Knopf nicht zu öffnen. Verantwortung übernehmen! Raus aus der Komfortzone! „Hier fängt es an“, dachte Ralf. Der Knopf blieb zu, seine Entscheidung!

Kurz checkte er den Hemdkragen. Der Aufdruck des Logos war da, wo er all da die Jahre gewesen war – links vom Betrachter aus gesehen, vergleichsweise großflächig, wenn es das gibt auf einem Hemdkragen. Nach Victoria-Versicherungen, nach TV Digital oder nach Gazprom, war es jetzt halt dieses hier. Ralf wusste: Es hat keine Bedeutung, was auf dem Hemd steht. Es ist einzig und allein wichtig, WER in dem Hemd seinen Mann steht. Und niemand stand so kerzengerade wie er – höchstens der kleine Ralf, wenn er an den großen Ralf dachte. So weit war es jetzt aber nicht. Noch nicht.

Ralf mochte das Logo nicht besonders. Die Botschaft, die von ihm ausging, missfiel ihm. Zwei Stiere, die hoffnungslos und völlig übermotiviert gegeneinander rennen – das mochte er nicht. Das war nicht geordnet genug. Seit Jahrzehnten predigte er, dass es darum geht, die Positionen zu halten, den Gegner fern zu halten, sich ballorientiert zu verschieben, immer aufeinander abgestimmt. Das Gegenpressing, ja das Gegenpressing, das hatte er erfunden – damals als alle noch von „nachsetzen“ gesprochen hatten. Als er daran dachte, huschte ihm ein debiles Lächeln über die Lippen – ein Lächeln, das zeigte, dass er wusste, was in den nächsten fünf Jahren mit ihm passieren würde: Meisterschaften, Champions League Siege, ein Drink mit Pep. Ach würde er froh sein, wenn er sie endlich nicht mehr sehen muss – diese Lieberknechts, diese Büskens, diese Lienens. Arbeiter ohne jeden Esprit – nicht wie er.

Ralf schaute wieder auf den Kragen und fast wurde er ein bisschen zornig, als er diese Stiere sah. Geordnet musste es sein – immer. Ordnung! Die Ordnung müssen wir halten – das ist der Schlüssel, das ist „The key!“. Und dann diese beschissenen Stiere, die schnaubend ineinander rein rennen, wie einst die obligatorischen deutschen Vorstopper Marke Förster, Marke Wörns, Marke Kohler. Spielertypen, die er höchstpersönlich abgeschafft hatte. Nein – er mochte das Logo nicht. Aber ertrug es – so wie die Brause, die er auch nicht wirklich mochte.
Wieder huschte dieses Lächeln über sein Gesicht. Wenn die da draußen wüssten, dass sein Verein gar nicht „Rasenball“ heißt. Diese Amateure! Er hielt sich die Hand vor den Mund und lachte. Beinahe entglitten ihm die Gesichtszüge. Rasenball. Was für ein Schachzug war das nur wieder gewesen und niemand hatte es bemerkt. Ralf mochte sich jetzt mehr denn je. Wieder schaute er auf den Knopf, dann dachte er an die Favela von Roberto Firmino, an fröhlich spielende Kinder dort. „Schade“, dachte Ralf, „so schade, dass Kevin Volland Deutscher ist“. Er wäre prädestiniert gewesen für eine Favela, wie die, die Ralf befrieden wollte. Vollando – das wäre schön gewesen. Aber wieder merkte Ralf, dass sich seine Gedanken verloren. Um Volland musste er sich später kümmern. Er musste nun raus, um es zu verkünden.

Schließlich übersah er das Logo an seinem Hemdkragen einfach. Er sah sich selbst an und irgendwie war er begeistert von sich selbst. Er mochte, was er sah. Er sah jemanden, der es richten kann. Ja – vielleicht sah er den einzigen, der es richten kann. Und genau deshalb stand er ja auch hier, letzten Endes. Denn niemand – und das war Ralfs ganz große Tragödie – war wie er. Mehr noch: Niemand würde je so sein wie er. Und deshalb sagte er sich das jetzt auch laut und deutlich ins Gesicht – in das Gesicht, das sich im Spiegel so erhebend vor ihm aufbaute. Ralf sagte sich: „Also, ich würd´ Dich ficken!“

Zackig drehte er sich um, ließ den Spiegel hinter sich. Den zweiten Hemdknopf geschlossen, setzte er sich auf das Podium, das über und über voll war mit diesen undisziplinierten Stieren und verkündete all diesen Unwissenden vor ihm, dass Ralf nun der neue Trainer sei. Er war glücklich und wusste, Rasenball hatte nun den Trainer, den es verdient. Endlich.

Dieser Text wurde am 11. Juni bei TORWORT gelesen und ist pure Satire, nichts weiter!

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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