Der König von Stolberg

Der König von Stolberg

1893
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Meine Karriere als Trainer begann in Kerpen-Horrem mit einem dritten Platz – ungeschlagen zwar, aber trotzdem nur auf dem dritten Platz. Glamour sieht anders aus. Und deswegen hatte die Ansprache des Horremer Jugendvorstandes etwas Tröstendes. Der hatte nämlich bei der Siegerehrung große Worte für die acht F-Jugendmannschaften Mannschaften parat. Dass F-Jugendfußball mehr ist als F-Jugendfußball dämmerte mir schon länger, hier wurde es offen und schonungslos thematisiert.

„Liebe Jungs, bevor wir zur Siegerehrung kommen, will ich Euch für Euren weiteren Lebensweg noch eines mit auf den Weg geben: Egal, was Eure Eltern Euch erzählen, es gibt nichts Wichtigeres als den Fußball! Wenn auch Eure Eltern mal mit Euch schimpfen oder wenn im Leben mal eine Flaute auf Euch zu kommt – in der Schule oder irgendwann in der Liebe. Das ist nicht weiter schlimm! Denn der Fußball wird immer für Euch da sein! Vergesst alles andere – nur der Fußball ist Euer Freund!“

Zuletzt spielte Alemannia in Wattenscheid gegen 09, das ohne Uwe Tschiskale, Sammy Sane oder Hannes Bongartz antrat und vielleicht auch deshalb an Alemannia-Spielmacher Rafael Garcia, dem einzigen Spanier mit zwei linken Füßen, verzweifelte. Ich war nicht im Lohrheide-Stadion. Das hatte einen guten Grund, denn zeitgleich spielte ich mit unseren Jungs das erste Hallenturnier der Saison. Und das war nicht irgendwo, sondern ausgerechnet in Stolberg, beim Heimatverein von Egidius Braun – Qualifikation für den Mexiko Cup, der eine Woche später am gleichen Ort stattfinden sollte. Heimspiel also für mich! Keine Frage, dass ich die Jungs vor allem damit heiß machte, dass dies hier ein besonderer Ort für ihren Trainer sei und es deswegen keine billigen Ausreden gäbe: Die Quali musste her – egal welche Flaute die Jungs in ihrem für mich uninteressanten Privatleben auch gerade durchmachten.

Wenn mich nicht alles täuschte, kam die Motivationsspritze auch gut an, wenngleich das ständige Versammeln um mein Handy, um den Liveticker aus Wattenscheid kollektiv als Team-Event zu zelebrieren, auf viele der Jungs etwas befremdlich wirkte – sind die meisten doch Fans des FC Bayern, von Borussia Dortmund oder des aufgrund des Wohnortes unvermeidlichen 1. FC Köln. Trotzdem zahlte sich die positive Ansprache der letzten Monate aus und die kleinen Kicker heuchelten wenigstens so ein bisschen was wie Interesse. Die verständnislosen Kopfschüttler nach dem Ergebnis-Check übersah ich jedenfalls geflissentlich, zumal der eigene Sohnemann ehrlich und voller Stolz die Faust ballte, als Alemannia in Führung ging.

Nur einen interessierte das Ganze nicht mal im Ansatz: Paul.
Paul ist so etwas wie unser – sagen wir – Ergänzungsspieler. Irgendwie ist Fußball nicht so seine Sache, was ihn aber auch nicht sonderlich mitnimmt. Am Ende ist er froh dabei zu sein. Ansonsten belächelt er seine Trainer eher, die tapfer und ausdauernd versuchen, wenigstens einen seiner Füße richtig einzurenken. Ein Tor hat er in seiner Karriere noch nie geschossen und jeder Versuch ihn dahin zu bringen, scheiterte bisher kläglich. An seinen Mannschaftskameraden liegt das nicht. Die versuchen alles, ihn in Szene zu setzen – egal wie aussichtsreich sie selbst gerade stehen.

Als Trainer liegst Du manchmal nachts wach und denkst darüber nach, ob es an Dir liegt, wenn Du einen Spieler nicht richtig weiter entwickeln kannst. Dann nimmst Du Dir mitten in der Nacht einen Block und zeichnest Dir Trainingsübungen auf mit denen es vielleicht klappen könnte, nur damit Du Dir nicht irgendwann vorzuwerfen hast, ein hoffnungsvolles Talent verschwendet zu haben. Bei Paul ist es noch etwas schlimmer – denn Du fragst Dich nicht, wie Du ihn entwickeln kannst, sondern eher, wie Du ihn überhaupt anknipst.

Ausgerechnet in Stolberg kam die Erleuchtung – und zwar genau in dem Moment als ich wieder einmal alle Jungs um mich versammelte, um Alemannias Bemühungen in Wattenscheid zu kontrollieren. Und als dann dort ein sattes 3:0 für Schwarz-gelb blinkte, Carl und ich uns konsterniert anschauten, weil wir es nicht glauben konnten und alle anderen uns anerkennend auf die Schulter klopften, da war klar: Wenn Rafael Garcia, der einzige Spanier mit zwei linken Füßen, einen Doppelpack schnüren kann, dann ist heute auch der Tag, an dem Paul trifft. Und so schritt ich mit meinem Partner voller Elan zur Mannschaftsbesprechung vor dem zweiten Spiel, stellte die Mannschaft ein und haute zum Schluss noch einen Motivations-Hammer raus, gegen den Christoph Daums „Geldscheine-an-die Kabinentüre-nageln“-Trick ähnlich anmutete wie eine Linke von Axel Schulz. Kurz nach der Mannschaftsaufstellung, bat ich kurz um Ruhe, nutze den seltenen Moment der Stille, um mit der Faust in die flache Hand zu schlagen und dabei laut und deutlich das Wort „Paul!“ zu rufen. Aufgeschreckt wurde Paul wach und schien mir zum ersten Mal zuzuhören. „Paul“ wiederholte ich. „Das ist Dein Spiel – wir wechseln Dich genau zur Hälfte ein und dann machst Du das Tor!“ Paul nickte, die ganze Mannschaft nickte – die einzigen, die allerdings wirklich daran glaubten, war das offenbar verrückt gewordene Trainer-Gespann.

Das Spiel begann und war schnell entschieden. Unsere Jungs überrannten den Gegner und führten schnell mit 3:0 – also kam Paul. Er hielt tapfer seine Position und versuchte ebenso tapfer am Spiel teilzunehmen – allein, er tat es nicht. Und so gaben wir draußen am Spielfeldrand schon die Hoffnung auf. Sicherheitshalber schaute ich noch einmal auf meinem Handy nach, ob Alemannia nicht doch noch 3:3 gespielt hatte – denn dass das Spiel in Wattenscheid mit dem Turnier hier in einer Art telepathischem Einklang stand, schien mir völlig klar. Da in der Lohrheide aber wirklich Schluss war, rief ich doch noch mal ein lautes „Auf geht´s Paul!“ in die Halle, glaubte aber nicht mehr richtig an das Wunder – erst recht nicht, als die anwesenden Zuschauer begannen, die letzten zehn Spielsekunden runter zu zählen. Doch dann rollte tatsächlich ein letzter Angriff auf das gegnerische Tor zu und als das Publikum bei „Vier“ angekommen war, rollte der Ball zu Paul– um Himmels Willen, direkt zu Paul. Es war einer dieser Momente, die in Jahrhunderten atmen. Offene Münder, verzerrte Schreie, lähmende Erwartungshaltung – alles wie in Super-Zeitlupe. Stundenlang schien Paul auszuholen, um den auf ihn zu rollenden Ball zu treffen. Tatsächlich: Er traf ihn und schicke das Leder in Richtung Tor, in dem der Torwart sich streckte und lang machte. Vergeblich! Für Sekunden schien die Welt still zu stehen, als der Ball wirklich und für alle sichtbar das Netz ausbeulte. Ungläubig drehte Paul sich um, vergaß zu jubeln und schaute in meine Richtung. Aber auch ich verharrte! Ein Augenblick, der erst vom tosenden Jubel seiner Mannschaftskameraden unterbrochen wurde, die jetzt alle gemeinsam auf ihn ausgelassen zu liefen, um mit ihm zu jubeln. Was für ein Augenblick!

Und so gewannen wir die Vorab-Quali in der Egidius-Braun-Gedächtnis-Halle ohne Gegentor. Und während sich in Wattenscheid gerade Rafael Garcia, der einzige Spanier mit zwei linken Füßen, von den mitgereisten Fans feiern ließ, war in Stolberg ein König geboren worden. Und deshalb sage ich Euch: Wenn im Leben mal eine Flaute auf Euch zu kommt – in der Schule oder in der Liebe. Das ist nicht schlimm! Scheißt drauf! Denn es ist der Fußball – und nur der Fußball – der Euer Freund ist, sonst niemand. Egal, was Eure Eltern Euch erzählen!“

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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