Ende der Ochsentour – Uli Hesse über Klopps Abschied

Ende der Ochsentour – Uli Hesse über Klopps Abschied

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Jürgen Klopp ist in Dortmund zurück getreten. Der KICKER dreht den unvermeidlichen Scheinwerfer, die 11Freunde bemühen ihre Edelfeder Gieselmann und ein Brennpunkt in der ARD fiel nur deswegen aus, weil der FC Bayern in Porto spielte. Glasklar, dass auch wir nicht an der Bewertung des Klopp-Abgangs vorbei kommen. Da wir selbst uns aber auch nicht rasieren und Jürgen Klopp schon nach zwei Minuten in seinen Gesprächen mit Oliver Welke und Oli Kahn körperlich und geistig nicht mehr folgen konnten, sprachen wir mit jemandem, der sich wirklich auskennt. Uli Hesse ist nicht nur aus unserer Sicht einer der besten Fußball-Journalisten Deutschlands, sondern auch bekennender und sachkundiger BVB-Anhänger sowie Autor zahlreicher empfehlenswerter Fußballbücher, wie etwa die BVB-Fan-Bibel „Unser ganzes Leben – Die Fans des BVB“.

footage: Ich habe heute morgen auf dem Weg zur Arbeit einen Radiobeitrag gehört, in dem Menschen aus Dortmund zu Klopps Rücktritt befragt wurden. Tränenreicher Tenor: „Kloppo gehört zu Dortmund wie der Borsigplatz!“. Aus Deiner Sicht eine Verhöhnung des Borsigplatz oder kann man wirklich innerhalb von nur sieben Jahren zum Wahrzeichen Dortmunds werden?
Uli Hesse: Ja, natürlich. Schon allein deshalb, weil Dortmund nicht besonders viele Wahrzeichen hat. Eigentlich nur drei: den Fernsehturm, die Westfalenhalle und das Stadion. Der Borsigplatz ist gar kein Wahrzeichen, er steht ausschließlich und allein für den Fußball. Und was den Fußball angeht, da sind Klopps Verdienste völlig außer Frage. Er wird nicht als der größte Trainer in die Geschichte eingehen, den der BVB je hatte. Sondern als der zweitgrößte. Der größte war Sankt Ottmar, und der war sogar kürzer in Dortmund als Klopp … und hatte einen weit unappetitlicheren Abgang.

footage: In den letzten sieben Jahren war der größte Star des BVB zweifellos der Trainer. Was anfangs als erfrischend authentisch rüber kam, wurde bei vielen Fans außerhalb Dortmunds zunehmend als nervend und selbstherrlich wahrgenommen. Ging Klopp also gerade noch rechtzeitig, bevor er sich auch in Dortmund verbraucht hätte?
Uli Hesse: Ja und nein. Mehr oder weniger der einzige in Dortmund, der die Auffassung vertritt, dass Klopp gehen muss, damit frischer Wind in den Verein kommt, ist Klopp. Auf der Pressekonferenz hat er mehrfach zwischen den Zeilen darauf hingewiesen, dass es nicht gesund sein kann, wenn der Trainer der „größte Star des BVB“ ist. Das erscheint mir geradezu das Gegenteil von Selbstherrlichkeit zu sein. Die Lesart hat natürlich etwas für sich und bei vielen Leuten, die dem Verein etwas neutraler gegenüberstehen, herrscht derzeit die Meinung vor, dass sich Klopps Abgang als die richtige Entscheidung herausstellen wird. Nur: Im Fußball gibt es dafür keine Garantien. Egal wie clever und erfahren du bist – die Trainerentscheidung ist die wichtigste und zugleich schwierigste. Watzke hat mehrfach dabei schiefgelegen, bevor er jemanden gefunden hat, der zu ihm, zur Stadt, zum Klub und zu den Fans passt. Rein statistisch gesehen stehen nun die Chancen schlecht, dass ihm das in den kommenden Jahren noch einmal gelingt.

footage: Viele der selbst ernannten Experten sprechen gerade in Denker-Pose und mit erhobenem Zeigefinger davon, dass sich der BVB doch nun möglichst neu erfinden solle. Muss sich ein Verein das wirklich, nur weil der Trainer geht?
Uli Hesse: Ich glaube, da ist eher die Mannschaft gemeint, nicht der BVB an sich. Dort steht wirklich ein Umbruch an, vielleicht verbunden mit einer neuen Spielidee, denn viele zentrale Figuren im Kader sind ein wenig in die Jahre gekommen. Nachdem ich gestern Champions League geschaut habe, drängt sich mir übrigens der Verdacht auf, dass die Borussia nicht der einzige deutsche Klub ist, bei dem die Altersstruktur der Schlüsselspieler einen personellen Umbruch erfordert.

footage: Heiß gehandelt wird nun Thomas Tuchel als Nachfolger von Jürgen Klopp. Passt er aus Deiner Sicht nach Dortmund oder ist sein Trainer-Lebenslauf am Ende dem von Klopp zu ähnlich? Schließlich gäbe es mit Zorniger, Effenberg oder Neururer erstklassige Alternativen.
Uli Hesse: Ich hielte das für eine gute Wahl, denn nur jemand, der so überzeugt von sich ist wie Tuchel, kann mit der Situation klarkommen, der Nachfolger von Klopp zu sein. Alle anderen, selbst Neuruer, wären nur Übergangstrainer, wie das Beispiel von David Moyes in Manchester eindrucksvoll gezeigt hat.

footage: Letzte Frage: Gibt es einen Kloppo-Moment aus den letzten sieben Jahren, der die BVB-Ewigkeit aus Deiner Sicht überdauern wird?
Uli Hesse: Einen? Eher acht bis zwölf. Sein erstes Derby trotz 0:3-Rückstand nicht zu verlieren, war schon mal ein sehr cooler Einstand. Das Arnd-Zeigler-Interview kann man auch mehr als nur einmal schauen. Aber die wahren Momente, die erklären, warum in Dortmund gerade so eine Endzeitstimmung herrscht, passierten natürlich hinter den Kulissen. In den persönlichen Begegnungen der Leute mit Klopp. Man hat das inzwischen vergessen, aber es gab in der Fanszene große Vorbehalte gegen ihn, als er 2008 verpflichtet wurde. Klopp hat dann in einer wahren Ochsentour Auge in Auge mit vielen Fangruppen gesprochen, nicht zuletzt, um die Anhänger darauf vorzubereiten, dass er einige Leistungsträger aussortieren würde. Schon in diesen frühen Begegnungen, als noch gar nicht abzusehen war, dass der BVB unter ihm auch Titel holen würde, hat er die Leute für sich eingenommen.

footage: Und allerletzte Frage: Wir behaupten einfach mal, dass Jürgen Klopp in den nächsten drei Jahren auf der Bank des FC Bayern landen wird. Würde man ihm auch das in Dortmund verzeihen?
Uli Hesse: Ich behaupte einfach mal, dass er das nicht tut. Aber man würde es ihm verzeihen, ebenso wie man es Sankt Ottmar verziehen hat. Ich weiß sowieso nicht, was die Leute immer mit den Bayern haben. Die sind jedem, der etwas länger als nur ein paar Jahre BVB-Fan ist, ziemlich schnuppe. Anders sähe es natürlich aus, wenn Klopp Trainer in Schalke würde.

Bisher sind von Uli Hesse unter anderen folgende Bücher erschienen – alle können wir Euch wärmstens empfehlen:

Wer erfand den Übersteiger? …und andere lebenswichtige Fußballfragen: hier anschauenUnser ganzes Leben. Die Fans des BVB: hier anschauenTor! The story of German Football: hier anschauenFlutlicht und Schatten. Die Geschichte des Europapokals hier anschauenWie Österreich Weltmeister wurde. 111 unglaubliche Geschichten über Fußball: hier anschauen

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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