„Mehr sehen als nur den Platz“ – Ein Gespräch zu 100 Ausgaben...

„Mehr sehen als nur den Platz“ – Ein Gespräch zu 100 Ausgaben ballesterer

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Das österreichische Fußballmagazin ballesterer ist in den letzten 15 Jahren Vorbild für viele andere Fußballmagazine gewesen. Vor kurzem ist die 100. Ausgabe erschienen – wir haben ein paar Fragen an die stellvertretende Chefredakteurin Nicole Selmer gestellt.

foo: Wenn jemand den ballesterer nicht kennt, wie würdest du ihn davon überzeugen, das Magazin zu lesen?

Nicole: Wahrscheinlich dadurch, dass ich schon sehr oft gehört habe „Ich kannte euer Magazin früher nicht, bin aber jetzt total begeistert“. Alternativ durch eines meiner Lieblingszitate aus der Befragung unser Leserinnen und Leser zum Jahreswechsel: „Meistens könnte ich mir vorstellen, dass man mit der Redaktion gut beim Malzbier zusammen sitzen und über Fußball reden kann.“ Okay, das Malzbier lässt sich vielleicht auch durch etwas anderes ersetzen. Ich glaube, wir haben es geschafft, sehr nah bei den Leuten zu bleiben, die uns lesen, und gleichzeitig guten Journalismus mit Hintergründen und besonderen Blickwinkeln zu machen.

foo: Es gibt ja inzwischen unglaublich viele Magazine, Blogs und Webseiten zum Thema Fußball. Wie positioniert ihr euch da?

Nicole: Erst einmal dadurch, dass wir ein Printmagazin sind und zehnmal im Jahr erscheinen. Das heißt, wir haben mehr Zeit für unsere Geschichten und sind nicht der Tagesaktualität ausgeliefert. Inhaltlich würde ich sagen: Gesellschaftspolitik und Fanperspektive. Das sind von Beginn an, also jetzt seit 15 Jahren, zentrale Grundsätze gewesen. Fußball nicht nur als Spiel zu sehen, sondern als etwas, das ganz eng mit Politik, mit Geschichte, Kultur, Wirtschaft und so weiter verwoben ist und das auch zu beschreiben. In unserer Ausgabe 101 haben wir zum Beispiel einen längeren Artikel über die aktuelle Situation in der Türkei drin – was dort passiert, begleiten wir seit Jahren journalistisch, und da würdest du mit einem reinen Blick aufs Spielfeld nicht weit kommen. Und Fans – dabei schlägt natürlich durch, dass der ballesterer als Fanzine, also als nichtprofessionelles Liebhaberprojekt angefangen hat. Aber da geht’s auch um ganz schlichte journalistische Grundsätze, nämlich die, alle Beteiligten anzuhören und erst recht die, deren Lobby nicht ganz so groß ist wie die von Polizei, Fußballverbänden und Innenministerien. Wir lassen Fans oft und ausführlich zu Wort kommen. Beides – also sowohl Fußball und Politik als auch die Beschäftigung mit Fans und Fanthemen – sind Dinge, für die wir geschätzt werden. Und natürlich auch mal kritisiert.

foo: Gibt es andere Magazine und Seiten, die für euch ein Vorbild waren oder sind?

Nicole: Gerade in der Entstehungsphase war das bei uns – und sicher auch bei den 11Freunden zum Beispiel, die ja im selben Jahr entstanden sind wie wir – When Saturday Comes. Andy Lyons, der heute noch Chefredakteur von WSC ist, hat für unsere 100er-Ausgabe einen Text zum Lost Ground Wembley geschrieben, was uns sehr gefreut hat. Anders über Fußball schreiben, als das die Sportberichterstatter auf den Pressetribünen machen, mehr sehen als nur den Platz, sich selbst – und letztlich auch den Sport – nicht immer so wahnsinnig wichtig nehmen und trotzdem mit Leidenschaft und Interesse bei der Sache bleiben, das sind so Dinge, die da sicher Vorbild waren und sind.

foo: Ihr habt viele Leser in Österreich und Deutschland. Merkt man da einen Unterschied?

Nicole: Na ja, der ballesterer ist ein österreichisches Magazin, das hört man ja schon am Namen – den man uns Deutschen samt Aussprache auch immer wieder erklären muss. Ich glaube, die Wahrnehmung unterscheidet sich nur für manche Themen, also für deutsche Leser sind die Texte über österreichischen Fußball sicher etwas anderes als für die österreichischen. Zumal wir ja auch nicht in jedem Heft ein Alaba-Porträt drin haben, sondern eher mal was übers österreichische Unterhaus oder weniger bekannte Bundesligaspieler. Aber ich glaube, das macht teilweise für deutsche Leser auch einen Reiz aus, also du liest im Idealfall etwas über Themen, von denen du gar nicht wusstest, dass sie dich interessieren, sie tun’s dann aber.

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Nicole Selmer

foo: Wie stellt sich denn die Situation des Fußballs in Österreich dar. Hier hat man ja manchmal den Eindruck, dass er dort fast eine Art Randsportart ist.

Nicole: Vielleicht im Winter, wenn der Fußball pausiert. Aber Österreich ist ja auch nicht überall voller Berge und gerade Wien ist eine Fußballstadt, wenn auch mit größerer Vergangenheit als Gegenwart. Die Dimensionen sind heute natürlich andere als in Deutschland, und der österreichische Fußball steckt, was Ligaformat, Infrastruktur und Zuschauerzuspruch angeht, in der Krise. Was das Nationalteam angeht, gibt’s derzeit große Hoffnungen auf die Qualifikation für die EM – und viele der österreichischen Nationalspieler kennt man ja eh auch aus der deutschen Bundesliga.

foo: Ihr beschäftigt ja auch viel mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs. Glaubt ihr, dass man die noch in irgendeiner Art stoppen kann?

Nicole: Das hängt vermutlich eher an der weiteren Entwicklung des Kapitalismus. Ich sehe unsere Aufgabe vor allem darin, die Entwicklungen kritisch zu begleiten und Dinge zu hinterfragen. Das war zum Beispiel ganz stark und von Beginn an das Engagement von Red Bull im Fußball, also vor inzwischen zehn Jahren der Einstieg in Salzburg. Und was in den letzten Monaten viel Thema war, zum Beispiel auch in einem Schwerpunkt zu Fans in England, ist auch, dass es offenbar wieder mehr Interesse am unterklassigen Fußball gibt, also das Gefühl, auf kleinen Plätzen, ohne großes Sicherheitsaufgebot, ohne hohen Eintritt und, ohne nervige Musikbeschallung findest du etwas, was vielleicht im Hochglanzfußball von Premier League und auch der sehr hochgelobten deutschen Bundesliga verloren gegangen ist. Also Kommerzialisierung durch Schreiben stoppen? Vermutlich schwierig. Aber Leute auf andere Ideen bringen, zum Nachdenken anregen? Das geht hoffentlich schon.

foo: 100 Ausgaben, das ist natürlich eine Menge Holz. Was waren da aus deiner Sicht die Highlights?

Nicole: Ein ganz wichtiges Thema im ballesterer ist die Serie „Fußball unterm Hakenkreuz“ zu Vereinen, Spielern, Funktionären während des Nationalsozialismus, die gerade in Österreich auch sehr viel bewegt hat. Und sicherlich auch viele Artikel und Schwerpunkte zu Fanthemen, sei es jetzt zu Repression, Ultras in Deutschland und Italien oder wie letztes Jahr zu Fußballfans vor Gericht, wo wir uns sehr intensiv mit der Anwendung des Landfriedensbruchparagrafen in Österreich beschäftigt haben.

foo: Was würdest du dir wünschen für die nächsten 100 Ausgaben?

Nicole: Wir wünschen uns natürlich immer mehr Leserinnen und Leser, das ist klar. Für die redaktionelle Entwicklung wünsche ich mir noch mehr Breite und Tiefe, sowohl personell als auch bei den Themen. Einerseits wäre es schön, noch mehr Einblick in den Fußball und die Tribünen weiterer Länder zu bekommen, wir haben jetzt einen kleinen Text zu Griechenland im Heft, das ist sicher auch für die Zukunft spannend. Und etwa auch Russland, das ist ja bisher noch weitgehend ein weißer Fleck. Was die Tiefe angeht, glaube ich, dass wirtschaftliche Themen immer wichtiger werden und wir da auch noch genauer hinschauen müssen, was jetzt und in Zukunft passiert.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

Und hier geht’s zur hundertsten Ausgabe des ballesterer!

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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