Leviten in aller Liebe

Leviten in aller Liebe

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Mindestens zweimal im Jahr muss man seinem Lieblingsverein die Leviten lesen. In aller Liebe natürlich. Bei dir, lieber FC, war das früher ganz einfach, aber jetzt willst du es mir auf einmal schwer machen.

Du bist seriös geworden. Du bist seriös geworden. Du bist seriös geworden. Man kann diesen Satz noch so oft schreiben, er klingt immer ein wenig absurd. Nur weil wir in einer Welt leben, in der McDonalds bald Kellner an meinen Tisch schicken will, kann da ein Fünkchen Wahrheit dran sein.

Natürlich – ich mag deine neue ruhige Art, das Grinsen von Toni Schumacher und die tiefe Stimme von Jörg Schmadtke natürlich auch. Aber wenn du ehrlich bist, lieber FC, hast du dich doch ganz dick verkleidet und dir alle Kostüme eines Rosenmontagszugs gleichzeitig übergestreift. Kein Wunder, schließlich bist du ja inzwischen auch offiziell ein Karnevalsverein.

Weißt du noch? Du hast es geschafft, die Häßler-Millionen zu verjubeln. Du hast Negativschlagzeilen produziert, die sich nicht mal die größten Miesepeter unter den Boulevard-Journalisten hätten ausdenken können. Du hast Ordenewitz erzählt. Du hast Pressekonferenzen von Trainern in Krankenhäusern möglich aber leider nicht salonfähig gemacht. Du hast Maniche verpflichtet und gefühlt 100 andere Spieler, die einfach nur ein Fehler aber immerhin einen Tick sympathischer waren.

Du warst so chaotisch wie das Kinderzimmer meiner Tochter wenn sie einen Nachmittag lang mit ihren drei wildesten Freunden alleine war.

Und du willst seriös geworden sein?

Du kannst jetzt mit dem Unsinn aufhören und zeigen, was du früher so gut konntest. Das Wesen deiner Stadt widerspiegeln. Schließlich konntest du so dilettantisch wie dein öffentlicher Nahverkehr sein, so provinziell wie deine Presselandschaft und manchmal so „schön“ wie deine Schildergasse. Du, lieber FC, darfst jetzt ruhig auch mal wieder ein wenig peinlich sein. Denn ein bisschen fehlt sie mir – deine Fehlbarkeit.

Also lass uns den Transfer von Carlos Eduardo fast perfekt machen und dann doch noch in den Sand setzen. Und dann holen wir Simon Zoller zurück und lösen für eine vorzeitige Vertragsverlängerung mit ihm unser ganzes, nicht existierendes Festgeldkonto auf.

Die anderen können ja weiter den klassischen Schönheitsidealen von Bayern bis Barcelona hinterherlaufen. Das hast du nicht nötig, du wunderbarer Verein. Und seriös kannst du dann immer noch im nächsten Leben wieder sein.

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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