Chants for socialists – Darren Hayman im Gespräch

Chants for socialists – Darren Hayman im Gespräch

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Eines Tages werde ich mich mit meiner ältesten Tochter in einen Zug setzen und meine Helden der Popkultur besuchen. Ich werde das als Teil meines Erbes betrachten. Auf der Reise würden wir London nördlich streifen und Darren Hayman besuchen. Darren war der Kopf von Hefner, einer Band die mir so viel bedeutet, wie kaum eine andere.
 
Viele Jahre und Alben nach Hefner – solo und in diversen Konstellationen hat sich Darren nun mit William Morris befasst. Morris war Maler, Architekt, Dichter und Ingenieur – und Vorreiter der sozialistischen Bewegung in England.
 
Über „Chants for socialists“ sprach ich mit Darren Hayman. Diesmal leider nur per eMail.

foo: Im Grunde stammt alles, was ich über England weiss, von Billy Bragg, Hefner und the Wedding Present. Hast Du Billy eigentlich um Erlaubnis gefragt, „Charts for socialists“ machen zu dürfen?
 
Darren: Vielleicht läuft das bei Euch etwas anders. Bei uns ist das nicht genehmigungspflichtig. Nein, ich habe nicht gefragt.
 
foo: War Dir bereits in dem Moment, in dem Du auf William Morris gestoßen bist klar, dass dieses Thema das nächste Ding ist, das Du machen würdest?
 
Darren: Nein. Ich kann mich eigentlich gar nicht richtig erinnern, wann mir William Morris begegnet ist. In dieser Region ist Morris eine gefeierte Person. Er kommt aus dieser Gegend. Ich bin also sehr vertraut mit seiner Arts & Crafts – Bewegung. 
 
Eines Tages fand ich ein kleines Büchlein im William-Morris-House, ein Libretto mit Originaltexten. Ich war sofort begeistert von der Idee. Der Titel sprang mich förmlich an. Der Fußweg nach Hause dauerte nur zehn Minuten. Doch als ich ankam war die Idee in meinem Kopf bereits ausgereift. Ein Album namens „Chants for socialists“. Ich konnte es bereits in den Plattenregalen stehen sehen.
 

Das Making-Of „Chants for socialist“

 

foo: Du hast für Dein Album mit einem Chor von Laien gearbeitet. Wie hast Du die Sänger rekrutiert?
 
Darren: Über Twitter. Es war mir wichtig, willkürlich Personen zu rekrutieren, die Lust hatten zu singen. Es gab keinerlei Casting oder Proben. Ich hatte Fußballfans im Hinterkopf. Ohne dass man sie dirigiert schwingen sie sich dennoch auf eine gemeinsame Note ein. Es ging mir dabei von Beginn an mehr um Community als um Können.
 
foo: Mich interessiert die Rezeption von Pathos und Leidenschaft in der Musik. Hefner hat mich immer berührt, weil es sehr emotional war und ironisch zugleich. Der Pathos, den man vom sozialistischen Liedgut kennt funktioniert anders, oder?
 
Darren: „Chants for socialists“ ist viel weniger ironisch als die Alben, deren Texte ich selbst schreibe. Wenn ich einen politischen Song schreibe, dann braucht er natürlich einen Unterton. Ein politischer Song muss fein nuanciert und zeitgemäss sein. William Morris’ Texte sind offenkundig, lesbar und von gewagter Aufrichtigkeit. Sie haben eine Qualität in Ihrer Klarheit, die ich mit meiner Art Texte zu schreiben nicht erreichen könnte.
 
foo: Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Pathos*?
 
*wir brauchten einige Zeit, um den Begriff zu klären. Wir einigten uns schließlich auf des Wort „sentiment“. Das hilft nur zum Teil, entspricht dem Gemeinten aber wohl am Besten.
 
Darren: Wahrscheinlich ist da eine sehr individuelle Linie für jeden. Aber nein. Ich würde für mich keine Unterscheidung treffen. Vielleicht ist es eher ein Problem der Glaubwürdigkeit. Entweder man nimmt dem Text das Gefühl ab oder nicht. Ich kann aber keine harten Kriterien dafür festmachen.
 
foo: Hast Du von einem Phänomen namens Pegida gehört? Glaubst Du, dass eine stärkere sozialistische Tradition Phänomene wie Pegida vermeiden könnte?
 
Darren: Ja, das glaube ich? Pegida scheint meiner Idee des Sozialismus sehr diametral gegenüberzustehen.
 
foo: Die drei Footage-Gründer sind ziemlich exakt in Deinem Alter. Was unterscheidet den 30jährigen Hefner-Frontman vom heutigen Darren mit 44?
 
Darren: Ich bin schlauer und dümmer. Ich bin gleichzeitig sicherer und verunsicherter. Aber ich mag meine heutigen Platten lieber als die Alten. Ich komme näher an die Musik, die ich schon immer machen wollte.
 
foo: Du hast Kunst und Illustration studiert, Du bist Singer, Songwriter und der Kopf von Hefner. Können wir uns eines Tages auf einen Roman freuen?
 
Darren: Das kommt mir unwahrscheinlich vor. Obwohl ich vor einigen Jahren mal eine Idee für einen längeren Text hatte. Ich liebe aber das verdichten. Ich liebe es, Ideen herunter zu brechen, bis nur noch ein paar kleine Zeilen und Worte übrig sind.
 
foo: Du bist kein großer Tournee-Fan. Was können wir tun, um Dich nochmal nach Deutschland zu bewegen.
 
Darren: Ich fürchte, das wird nichts. Ich bin nicht bekannt genug um einer Tour eine halbwegs komfortable Note geben zu können. Das wird sich immer nach klebrigen Fußböden anfühlen und nach schmierigen Promotern, die versuchen werden, Dich nicht korrekt zu bezahlen. Im meinem Alter kann ich das nicht mehr machen. Ich mag mein Zuhause.
 
foo: Eine Bitte zum Schluß: Dürfen wir Dich um eine kleine Zeichnung bitten? Etwas Kleines, Wahres, dass nur Du für uns zeichnen kannst?
 
axel picture
 
foo: Vielen Dank, Darren. Das ist großartig.
 
 
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1970 am linken Niederrein geboren, ist Axel Post Vater von zwei Töchtern. Er betreibt eine Kommunikationsagentur namens Yukawa in Köln und ist Fan von Wes Anderson, Noriaki Kasai und Borussia Mönchengladbach. Axel Post hat einige Jahre in der Schweiz verbracht, wo man ihn unter seinem Pseudonym Clemens Herbstmeister gleichermaßen liebt wie hasst. Axel Post ist seit 2006 mit einer der schlauesten Frauen der Welt verheiratet.

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