Am Rand des Wahnsinns – Beobachtungen aus der F-Jugend

Am Rand des Wahnsinns – Beobachtungen aus der F-Jugend

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Harter Zweikampf im Mittelfeld, zwei Jungs – beide unwesentlich älter als acht Jahre – kommen nahezu zeitgleich an den Ball und bugsieren ihn über die Seitenlinie ins Aus. Es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, wer den Einwurf erhalten soll. Einen Schiedsrichter gibt es in dieser Altersklasse nicht. Das ist sie also, die ideale Spielsituation für das „Fairplay-System“, das im deutschen Jugendfußball greifen soll und das dem ehemaligen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zugeschrieben wird. Dahinter verbirgt sich ein eigentlich guter Gedanke, der nämlich, dass die jungen Kicker kontroverse Situationen selbst entscheiden sollen. Die ehrenwerte Idee: Der Spieler, der als letzter am Ball war, sagt das und gibt damit den Einwurf ab an die gegnerische Mannschaft, die ihn somit ja auch verdient hat.

So weit, so gut! Die Crux: Es funktioniert nicht – weder an diesem Vormittag noch an irgendeinem anderen.
Zum Wohle des ruhigen Schlafes aller Kinderpsychologen: Es sind nicht die Kinder, die es verbocken, denn die wären in der Tat sehr oft dazu in der Lage. Das Problem steht am Spielfeldrand oder etwas dahinter.
„Kevin! Das ist UNSER Ball! Lass Dir nicht immer alles gefallen! Du musst Dich auch mal durchsetzen!“ Der Ruf aus der Reihe der mitgereisten Väter und Opas, die viel zu viel Vergangenheit mit sich herum tragen und das gerne hier am Rande eines Aschenplatz im dörflichen Nirgendwo über ihre Söhne kompensieren möchten, ist laut und lässt keine Fragen offen. Scheiße ist das für die jungen Kicker. Denn wer wäre Kevin, wenn er jetzt seinem Vater widersprechen und den Ball in einer fast schon ghandiesken Geste an seinen Gegenspieler abgeben würde? Natürlich hält er diesem Druck nicht stand. Er ist gerade acht Jahre alt und zerrt seinem Gegenspieler den Ball aus der Hand und ruft – ganz im Sinne seines alten Herrn: „Wir haben Einwurf!“ Dass die Sache damit nicht geklärt ist, ist auch klar. Denn natürlich fühlt sich jetzt auch der Trainer von Kevins Gegnern dazu berufen, einzuschreiten und zwar im Stile der Trainer, die er im Fernsehen sieht und ganz offenbar bewundert. Verzerrtes Gesicht und theatralische Geste? Kein Thema! Schließlich wird schon gejubelt wie Kloppo – da kann man auch seine Meinung so kund tun, wie der zweifache Dortmunder Meistertrainer. „Ihr müsst endlich mal lernen, Euch zu wehren!“ schallt es über die gesamte Breite des F-Jugend Platzes. Schon reißt Kevins Gegenspieler sich den Ball unter den Nagel und die Einhaltung der Fairplay-Regel ist in diesem Moment so weit entfernt, wie der gesunde Menschenverstand von allen Beteiligten.

Es ist erschreckend, wenn nicht sogar verstörend, was in im deutschen Fußball und seiner F-Szene bisweilen passiert. Der Autor dieser Zeilen ist nun seit ca. zwei Jahren in diesem Metier unterwegs, zunächst als Spielervater und nun als Trainer – Stoff für ganze Romane! In dieser Szene F gibt es Trainer, die ihren Spielern in Orkanstärke Anweisungen entgegen pusten, die weder verständlich noch pädagogisch wertvoll sind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder auf dem Weg in die Bundesliga wähnen und deshalb am Spielfeldrand des Wahnsinns vor nichts und niemanden zurück schrecken. Da werden Torbeteiligungen notiert, vermeintliche Konkurrenten des Sohnemannes schlecht geredet oder Kindergeburtstage abgesagt, um Turniere zu spielen. Wenn sich F-Jugend Spielerväter über das Geländer am Spielfeldrand lehnen, erinnern sie stark an Jutta Müller, die ehemalige DDR-Eiskunstlauf-Trainerin. Auch deshalb florieren derzeit private Fußballschulen, die das wöchentliche Training optimieren sollen, denn so ganz vertraut man den fünf Minuten Bundesliga des Orkan-Trainers eben doch nicht.

Der Weg zur Bundesliga führt, so scheint es, über diesen Dorfplatz und wer sich nicht durchsetzt, der kann später maximal sein Studium mit dem Fußball zahlen, denn das – so viel ist klar – muss es mindestens sein.

Und an diesem Einwurf, den Kevin und sein Gegenspieler nun endlich eher rabiat und unter einer abwinkenden Geste beider Trainer ausgerangelt haben, entscheidet sich eben, wer das Zeug für die Jugend-Mannschaften der Profimannschaften hat, deren Scouts nicht selten zu Gast bei den Spielen sind und damit für nur noch mehr Konfusion bei Eltern und Trainern sorgen. „Schatz! Der Scout von Bayer Leverkusen ist da,“ raunt ein Vater einer Mutter zu und beginnt leicht von einem Fuß auf den andern zu wippen. „Das soll der Scout von Bayer Leverkusen sein?“ „Ja – das ist er!“ Aber anstatt irgendjemanden anzusprechen, notiert sich der unscheinbare Rentner geheimnisvoll etwas und verschwindet still und leise. Ob je einer der hier Wartenden von ihm hört, weiß niemand – darüber spricht man nicht in der Szene, zu viel Konkurrenz, zu viel Angriffsfläche.

Im nächsten Augenblick schießt Kevins Gegner ein Tor. Sein Trainer winkt ab. Er hat es geahnt: Beim Einwurf, da fing es schon an!

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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