Pipi in den Augen

Pipi in den Augen

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Eigentlich müsste man den Deckel drauf machen. Die Diskussion über Traditionsvereine und Retortenclubs beenden. Die Argumente sind so oft wiederholt worden wie die Frage kleiner Kinder nach der Ankunftszeit, wenn man mit dem Auto in den Urlaub fährt.

Manchmal weiß ich auch schon nicht mehr, welcher Club jetzt am Flipchart einer Marketingabteilung entstanden ist. Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig, vielleicht auch Ingolstadt – die dürfen sich über die leicht totgelaufene Thematik freuen. So kommen die Dinge besser zur Geltung, die sie unbestreitbar haben. Das Geld, sportliche Erfolge, manchmal spektakuläre Spielzüge, unglaubliche Spielernamen (Bas Dost, Gonzalo Castro) und wahrscheinlich gut gebildete Spielerfrauen, die Pekip-Kurse geben.

Dass die findigen Verantwortlichen der „Werksclubs“ trotzdem manchmal versuchen, ihrer „Marke“ so etwas wie einen Charakter oder eine Tradition anzudichten, wirkt da fast schon so befremdlich wie ein bekleideter Flitzer. Warum haben sie das nötig, wo sie doch sonst schon alles haben?

Eine schleichende, steigende Akzeptanz ihrer Vereine können sich die Rangnicks und Allofsse aber trotzdem auf ihre Fahnen schreiben. Und spätestens in 100 Jahren, wenn alle Traditionsclubs in der Versenkung verschwunden und jede Hinterhof-Limonade einen Verein in die Bundesliga gehievt hat, wird es für Fans wie mich schwierig. Gefühlt bin ich ohnehin schon der letzte Mohikaner, der sich weigert Spieler aus Leverkusen, Hoffenheim & Co in sein Comunio- oder kicker-Team aufzunehmen, weil er sich mit diesen Sportsfreunden einfach über kein einziges Tor freuen kann.

Aber – eine Patrone habe ich noch und die kann ich ja wie ein betrunkener Karnevalscowboy verballern, bevor ich mich auf das regelmäßige „Mensch ärgere Dich nicht“-Spielen mit meiner Tochter konzentriere.

Eigentlich wird nämlich die ganze Zeit um den falschen Begriff gestritten. Es geht gar nicht um Tradition, es geht um Romantik. Und zwar genau um die Romantik, vor der wir Jungs uns als Pubertierende und Heranwachsende immer gefürchtet haben. Die Romantik, die Mädchen von uns eingefordert haben. Der wir uns verweigerten, weil sie den einen oder anderen Riss in unserer coolen Fassade hinterlassen hätte. Erst als die Mädchen zu Frauen und der Fußball immer wichtiger wurde, haben manche von uns gelernt, wie wichtig Romantik ist. Und dass sie viel mehr ist als eine angezündete Kerze oder ein selbst geschriebenes Liebeslied.

Romantik ist das Wappen im Kiosk eines alten Rentners, der dazu zig märchenhafte Anekdoten erzählen kann. Sie ist das Schweigen, wenn man nach einer Niederlage nicht mehr weiter weiß, obwohl man mitten im Leben steht. Sie ist Dumpfheit im Ohr, wenn der Jubel im Stadion zum Betäubungsmittel wird. Oder Pipi in den Augen haben, wenn ein paar Spieler pflichtbewusst klatschend vor einer ergriffenen Fankurve stehen.

Das ist Romantik. Und sie ist voller Fehler und Unwägbarkeiten. Sie lässt sich nicht konstruieren und das Scheitern gehört zu ihrem Wesen. In Retortenclubs wird sie deshalb nie eine große Rolle spielen. Sie passt nicht in die Strategie. Dort würde man sich sonst wie eine Bank fühlen, die sich mit falschen Berechnungen brüstet.  Das wird auch in 100 Jahren nicht passieren.

Gut so, belassen wir es einfach dabei.

Foto by Moazzam Brohi

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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