Und dann stehst Du in Mailand – ein Gespräch mit Günter Eichberg

Und dann stehst Du in Mailand – ein Gespräch mit Günter Eichberg

2358
0

Günter Eichberg war eine der schillerndsten Figuren bei Schalke 04 – in einem Verein, dessen Vereinswappen erscheint, wenn man im Brockhaus unter „Schillernde Figuren“ nachblättert. Heute – zwei Jahrzehnte nach Günter Eichbergs Demission im Revier – ist Schalke 04 indes geschlagen mit glatt gebügelten Lenkern wie Horst Heldt, einem höchst rechtschaffenden Weltmeister-Kapitän der Marke Benedikt Höwedes und einem erklärten Defensiv-Fetischisten als Trainer – der Preis für die Champions League und für mehr Siege als Niederlagen. Nun ist im Verlag „Neue Buchschmiede“ ein Buch über Günter Eichberg erschienen: „Günter Eichberg – Schalkes vergessener Retter?“ von Katharina Strohmeyer ist ein bemerkenswertes Buch, das mit der Nähe zur Hauptfigur, einer mitreißenden Erzählweise und vor allem einer guten Portion Humor punktet. Es erzählt die Geschichte eines Mannes, den es so auch nur auf Schalke geben durfte, konnte und irgendwie auch musste. Wir haben mit Günter Eichberg über das Buch und über vergangene Zeiten gesprochen.

footage: Als Sie Schalke 04 1989 übernahmen, war der Verein kurz vor dem sportlichen und wirtschaftlichen Ende. Wir alle kennen zwar in solchen Momenten das Gerede vom „schlafenden Riesen“ den man ja nur aufwecken muss. Aber Hand auf´s Herz: War das heutige Schalke damals die Vision, die Sie im Kopf hatten, als Sie das Präsidentenamt annahmen?
Eichberg: Nun, zumindest hatte ich ein viel besseres Schalke im Kopf, als das, was ich vorfand. Der Verein war ja kurz davor, in die Amateuroberliga abzusteigen. Da hatte ich erst mal keine großen Visionen im Kopf, da war nur der Gedanke an den Klassenerhalt. Später war es dann mein Ziel, den Verein wieder zurück in die erste Liga zu bringen – und das hat ja auch geklappt.

footage: Was vom heutigen Schalke ist letztlich auch auf Ihrem Mist gewachsen? Es heißt, die Stadionpläne lagen schon damals in Ihrer Schublade.
Eichberg: Das stimmt, die Pläne waren fix und fertig. Die Firma Holzmann sollte anfangen zu bauen, aber die haben uns immer wieder hingehalten. Dass die damals schon kurz vor den Insolvenz standen, daran haben wir nicht im Traum gedacht, das war ja ein Weltkonzern. Die Idee mit dem verschließbaren Dach stammt übrigens von mir.
Auch sonst haben wir einiges erreicht damals. Ich habe die Eintrittspreise deutlich gesenkt, dadurch hatten wir schon als Zweitligist einen wahren Zuschauerboom. Am Ende meiner Amtszeit hatte ich die Zuschauerzahl verdreifacht, genau wie die Mitgliederzahl – und diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt.

footage: Auf welche Aspekte, die Schalke heute ausmachen, könnten Sie dagegen liebend gerne verzichten? Viele Fans beklagen, dass der Verein in der neuen Arena und in der Champions League seine Seele verkaufen musste.
Eichberg: Die ganze Bundesliga hat ihre Unbefangenheit verloren! Das kommt vor allem durch die irren Spielergehälter. Selbst mittelmäßige Profis verdienen ja heute monatlich Summen, da guckst Du Dich aber um! Ich war ja bei den Spielergehältern auch nicht gerade knauserig. Das gab damals einen Aufschrei. Dabei war das ein Witz gegen das, was heute so gezahlt wird. Ich hoffe nicht, dass diese materielle Saalschlacht so weitergeht.
Außerdem bedauere ich, dass der typische Stadionbesucher auf Schalke heute ein anderer ist, als zu meiner Zeit. Auf diese massenhafte Anwesenheit der sogenannten V.I.P.s könnte ich auch verzichten.

footage: Katharina Strohmeyer hat ein großartiges Buch über Sie geschrieben, das die Unterzeile „Schalkes vergessener Retter?“ trägt. Tut es gut, offenbar doch nicht ganz unvergessen zu sein? Die Verkaufszahlen scheinen das jedenfalls zu bestätigen.
Eichberg: Auf jeden Fall! Das Buch kommt überall super an – was mich natürlich freut, denn es werden ja auch ein paar Dinge gerade gerückt. Für mich persönlich ist es aber das Wichtigste, dass ich durch das Buch jetzt wieder ein gutes Verhältnis zum Verein habe. Mein Status beim FC Schalke entspricht jetzt dem eines ehemaligen Präsidenten, der mit dem Verein einiges erreicht hat.
Was viele gar nicht mehr auf dem Schirm haben: Ich habe damals Rudi Assauer als Manager zurückgeholt. Und zwar gegen massive Widerstände. Im Stadion hingen damals sogar Banner: „Wenn Assauer kommt, gehen wir!“. Und nicht zuletzt standen beim UEFA-Pokal-Endspiel in Mailand 1997 sieben Spieler auf dem Platz, die ich nach Schalke geholt, oder mit langfristigen Verträgen gehalten hatte…

footage: Stichwort Mailand: Im Buch gibt es eine Passage, die davon erzählt, wie Sie am Tag des großen Finales (über drei Jahre nach ihrem Rücktritt) neben dem San Siro von zahlreichen Schalkern angepöbelt wurden, weil Ihnen der Ruf anhaftete, viel verbrannte Erde im Revier hinterlassen zu haben. Sie haben dann das Spiel alleine auf dem Hotelzimmer geguckt – und ihre Eintrittskarte verfallen lassen. War das damals rückblickend der dunkelste Moment für Sie?
Eichberg: Ja (muss schlucken). Das war richtig bitter. Mir wurde in dem Moment die harte Wirklichkeit vor Augen geführt. Als die Banken mich wegen meiner Kliniken gezwungen haben, auf Schalke als Präsident zurückzutreten, war dort die Welt ja noch in Ordnung. Die Fans hatten mir ein paar Tage vorher nochmal extra das Vertrauen ausgesprochen, die standen hinter mir. Nach meinem Rücktritt ist die Stimmung aber irgendwann völlig gekippt. Das hatte ich in Florida, wo ich inzwischen wohnte, überhaupt nicht mitbekommen.
Und dann stehst Du in Mailand. Die Mannschaft, alles Deine Jungs, ist gerade dabei, den größten Sieg der Vereinsgeschichte einzufahren – und Du musst das Spiel alleine auf dem Hotelzimmer gucken, weil die Fans Dir an die Wäsche wollen. Das war ganz klar der dunkelste Moment!

footage: Viele Schalke-Fans sagen, dass Sie durch das Buch einen anderen Blick auf die ereignisreichen Tage Ihrer Regentschaft bekommen haben – einen durchaus positiveren. Warum war dieser Blick vorher aus Ihrer Sicht so negativ? Würden Sie heute etwas anders machen?
Eichberg: Ich hätte Katharina Strohmeyer schon vor zehn Jahren fragen sollen, ob sie das Buch schreibt! Es gab so viel üble Nachrede – auch und gerade im Spiegel – das sehen jetzt viele differenzierter.

footage: Gab es nach der Präsidentschaft eine Zeit, in der Ihr Herz etwas weniger blau-weiß geschlagen hat? In diesem Moment in Mailand zum Beispiel?
Eichberg: Quatsch. Das tat weh, natürlich. Aber die Fans da in Mailand waren zum einen betrunken, zum anderen sind die ja auch permanent mit Fehlinformationen gefüttert worden. Die wussten es einfach nicht besser. Außerdem: Einmal Schalker, immer Schalker!

footage: Eine der schönsten Anekdoten aus Ihrer Präsidentschaft, ist die der doppelten Beerdigung von Ernst Kuzzorra, für den zwei Mal ein Kranz am Grab niedergelegt wurde, weil Sie zu spät aus ihrem Domizil in den USA anreisten. War das wirklich so skurril oder ist die Geschichte erst im Nachhinein so aufgebauscht worden?
Eichberg: Das war die Idee von Charlie Neumann. Ich kam in Gelsenkirchen an und Charlie war gleich der Meinung: „Der Alte ist nicht mit auf dem Foto, wir müssen sofort nochmal zum Friedhof!“ Alfred Draxler von der Bild-Zeitung war gleich ganz heiß, weil er schon die passende Schlagzeile im Kopf hatte. Wir sind dann gleich hingefahren und haben uns mit alle Mann ans Grab gestellt, die Vereinsfahne in der Hand, und haben die Kränze erneut niedergelegt. Der Sarg blieb allerdings in der Gruft. Jedenfalls stand am nächsten Morgen groß in der Bild: „Das gibt es nur bei Königsblau – Ernst Kuzzora zweimal beerdigt“.

footage: Zum Schluss würden wir Sie gerne auf ein kleines Spielchen einladen. Wir nennen Ihnen immer zwei gegensätzliche Begriffe oder Personen aus dem Schalke-Universum und Sie entscheiden sich für eines von beiden und sagen uns kurz in ein bis zwei Sätzen warum. Okay?
Eichberg: Ja komm, schieß los!

footage: Na dann: Parkstadion oder Arena?
Eichberg: Im Parkstadion hatten wir unsere großen Erfolge. Daran denke ich gerne zurück. Trotzdem entscheide ich mich für die Arena. Die ist weit überlegen, weil überdacht. Im Parkstadion standen ja weite Teile der Zuschauer ständig im Regen.

footage: Horst Heldt oder Charly Neumann?
Eichberg: Charlie Neumann! Er hat mir sehr viel Lebensfreude verpasst – und auch dem Verein. Charlie Neumann war in der ganzen Bundesliga-Geschichte einmalig!

footage: Neururer oder di Matteo?
Eichberg: Neururer! Di Matteo kenne ich nicht persönlich. Seine defensive Spielweise gefällt mir nicht so gut. Und Neururer war damals mein Erfolgstrainer, auch wenn ich ihn entlassen habe, als wir auf dem 2. Tabellenplatz standen (grinst). Wir verstehen uns heute trotzdem noch gut. Ich nenne ihn „Trainer“, er mich „Präses“.

footage: Nordkurve oder Loge?
Eichberg: Weder noch! Die Nordkurve habe ich immer bewundert, für mich wäre das aber nicht das Richtige. Aber mit den Logen musst Du mir auch nicht kommen. Ich sitze lieber in den guten Sitzreihen.

footage: BVB oder DER SPIEGEL?
Eichberg: (Lacht laut). Das ist eine gemeine Frage! Beim BVB haben sie mehr Ahnung von Fußball. Ich kann ja nicht so tun, als wäre Dortmund eine drittklassige Thekentruppe. Außerdem ist meine Wertschätzung für den Spiegel nicht mehr sehr hoch. Ich spreche denen jegliche Ahnung von komplizierten Sportvorgängen ab!

Günter Eichberg mit Buch-Autorin Katharina Strohmeyer

Günter Eichberg und Katharina Strohmeyer 5-10-2014 Buchvorstellung Gelsenkirchen Flora - Foto Barta

Günter Eichberg zum Umblättern (zum Bestellen auf Cover klicken):

Cover Eichberg Plakat

SHARE
Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

NO COMMENTS

LEAVE A REPLY