Viva el descanso! Ein Besuch bei Atletico Madrid.

Viva el descanso! Ein Besuch bei Atletico Madrid.

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Die spanische Brauerei Mahou ist in Deutschland nicht sonderlich bekannt. In Spanien dagegen ist sie ein Bier für Helden, vor allem an Spieltagen der Primera Division am Ufer des Manzanares – dort, wo Atletico Madrid seine Heimspiele im Estadio Vicente Calderon austrägt. Die Fans des aktuellen spanischen Meisters ziehen es dort vor, bis kurz vorSpielbeginn, vor dem Stadion auszuharren, um eben ihr Mahou in großen Mengen aus Halbliter-Flaschen zu trinken und dabei den süßen Geruch von Cannabis, verbunden mit dem Aroma ihres Vereins zu genießen. Die sonst hoch frequentierten Straßen rund um das Calderon sind dann gesperrt, so dass es hier anmutet wie auf Partys in überfüllten WG-Küchen, in denen sich rauchende Männer auf wenigen Quadratmetern um ein Fass scharren und wirr darüber reden, was sie gerade denken – über Atletico und all das andere, neben Atletico.

Ausgehend vom Vicente Calderon hat sich Mahou nun offenbar vorgenommen, nicht nur die Szenerie vor dem Spiel zu bestimmen, sondern auch noch ein ganz anderes Abenteuer des Spiels zu reanimieren: das Halbzeitspiel – eine scheinbar längst verblasste Episode des großen Spektakels, die längst dem modernen Spiel und der beschleunigten Multi-Options-Gesellschaft um es herum zum Opfer fiel. Mahou ist angetreten, sie zurückzuholen. Bewundern darf man das beim Besuch von Atleticos Heimspielen – wie zuletzt, als es gegen Rayo Vallecano ging.

Das Vicente Calderon erwies sich dabei als Fußballtempel, bei dem der hierzulande übliche Spießer der Stiftung Warentest wahrscheinlich erst einmal einen ordentlichen Schluck Mahou gebraucht hätte, um dann dessen Abnahme unter bitteren Tränen der Verweigerung zu versagen. Mildes Abklopfen durch tiefenentspannte Ordner am Eingang einer Tiefgarage, die sich als rustikaler Weg zum Platz im Stadion entpuppte – vorbei an Autos, deren Preise in Euros wahrscheinlich das sind, was Fernando Torres heute in Peseten verdienen würde. Kein Grund zur Aufregung für die mehreren Tausend Menschen, die entspannt vorbei an diesen Karossen ins Stadion schlendern, ohne zu vergessen, vorher noch flugs an der Toilette zu halten, die aus einem schmucklosen Rohrverschlag besteht, der direkt in ein fahrig in die spanischen Kacheln gebohrtes Loch mündet. Tristesse, die gefällt!

Besagtes Mahou indes, das so die Rohre hinab fließt, ist im Stadion selbst verpönt. Ein Zustand, auf den Markenstrategen, die etwas auf sich halten, mit verstärkter optischer Präsenz antworten – in Spanien wie überall sonst. Mahou auf sämtlichen Werbebanden, auf ärmellosen Überziehern der Ordner und auf dem Stirnband des Maskottchens, das auch hier Kinderaugen leuchten lässt, was mal wieder zeigt: Wer die Wirkung von Maskottchen im Fußball nicht schätzt, der weiß nichts über Kinder und das, was sie bewegt.

Fünf der besten Kunden Mahous sind weder Kinder noch Maskottchen, sondern stahlharte Typen, deren Bierkonsum an ihren Körpern ablesbar ist. Betreut von schlanken iberischen Mädchen treten sie an diesem Samstag Abend mit Ball und Kugel unter Arm und Trikot an den Elfmeterpunkt, um vor großer Kulisse ins Tor zu treffen.
Nun würde ein alter Halbzeitspiel-Hase vermuten, dass ein solches Elfmeterschießen vom Publikum, das sich eben erst kurz vor dem Spiel von seinem Mahou los reißen ließ und sich dabei eher träge als enthusiastisch zum Geschehen des Abends bewegte, nicht besonders große Beachtung findet. Doch damit läge man weit daneben, denn die fünf Trinker, die ganz offenbar mit einer Luftdruckpistole in ihre roten Trikots geschossen wurden, feierten eine echte Halbzeit-Fiesta im Calderon. Es ist leider und vor allem den fehlenden spanischen Sprachkenntnissen der deutschen Besucher geschuldet, dass man nun nicht weiß, was den wie wild reportierenden Stadionsprecher zur Raserei brachte, als er das Biertrinker-Elfmeter-Spiel ins offene Calderon hinein kommentierte. Jedenfalls ging begleitet durch seine wilde Buchstaben-Schleuderei ein unbekannter Biertrinker nach dem anderen zum Punkt, um seinen ganz persönlichen Mahou-Schuss abzufeuern. Ob der Torwart dabei zu ihnen gehörte oder nicht, war auch im Nachhinein nicht recherchierbar, aber auch egal, denn gefeiert wurde der Moment – der Moment, in dem sie trafen und das taten sie alle. Und nach jedem Treffer jubelten vor ihrem Publikum, als hätte irre Raserei mit der Gunst des Momentes geschlafen. Und das Publikum feierte mit. Ein einziges Spektakel, das mehr Aufmerksamkeit kreierte, als so manche Aktion auf dem Spielfeld davor und danach.

Der Fußball und seine Geschichte ist reich mit Anekdoten um unnütze und verschenkte Halbzeitspiele. Sie reicht von auf der Gegengeraden kaum sichtbaren Balljongleuren bis zu kläglich scheiternden Schützen, die vom Mittelpunkt ohne Bodenkontakt ins Tor schießen wollen. Fast nirgendwo würdigt man sie, bis heute nicht. Ganz anders in Madrid, wo fünf einfache Biertrinker als unbesiegbare Elfmeterschützen gefeiert wurden, als gäbe es kein Morgen. Was immer es war, was sie so weit brachte – Gewinnspiel, der anspornende Stadionsprecher oder einfach die unzähligen Mahous und das Cannabis vor dem Stadion – es war eine schöne Erfahrung im Vicente Calderon, wo nicht nur dieses irgendwie romantische Halbzeitspiel an eine Zeit erinnerte, in dem das völlig unspektakuläre wie selbstverständlich dazu gehört. Darauf ein Mahou!

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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