Maria, Lindsey and Ich

Maria, Lindsey and Ich

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Foto: CC 2.0 by Eileen

 

In diesen Tagen konkurriert der Afrikacup mit der Ski-WM in Vail. Beides zweifellos große Events, die in Fragen von Flair und Appeal den Vergleich mit regionalen Snookerevents kaum scheuen müssen.
Den Skizirkus verfolge ich seit circa 1976. Die ersten Rennen, die ich gesehen habe, gewannen entweder Ingemar Stenmark oder Annemarie Moser-Pröll. Etwas später kam Hanni Wenzel dazu. Sie ist die bisher einzige Olympiasiegerin für Liechtenstein. Wenn man heute Bilder von ihr googelt, findet man hauptsächlich Briefmarken des Fürstentums.
 
Eines Tages zu Beginn der Nullerjahre tauchte Lindsey Kildow in den Startlisten des Damen-Skisports auf. Damals blendete man noch keine Gesichter neben den Namen ein, so dass noch vieles der Phantasie überlassen blieb. Ich mochte sie sofort. Ich mochte Skandinavier und Nordamerikaner im Skisport. Später befreundete sich Lindsey mit Maria Riesch, die ich auch ein bisschen mochte. Und manchmal, Sonntagmorgens – in der einen oder anderen meditativen Gleitpassage vor dem Fernseher, sah ich vor dem geistigen Auge Bilder einer guten, sauberen Mädchenfreundschaft. Damit konnte ich mich identifizieren. Während die ganzen Ehrgeiz-zerfressenen Österreicherinnen hart trainierten, intrigierten und sabotierten, hingen Lindsey und Maria in Cortina ab, gingen shoppen, tranken Latte Macchiate und dominierten am Folgetag fein abwechselnd die Weltcup-Rennen. Während die Fußballjunkies sonntags Wontorra ertrugen, zappte ich in eine alpine Traumwelt mit meinen Buddies Maria und Lindsey. Sie mochten mich für solides Käsefondue und exzellenten Grappageschmack.
 
Doch die Welt bekam Risse. Maria heiratete Marcus Höfl, einen Mann der in seiner Kindheit Pate für die Frisur der Playmobilfiguren stand. Lindsey ging es nicht so gut. Vielleicht war es eine ungute Mischung aus Verletzungspech, Leistungsruck und der seltsamen Einsamkeit im glamourösen Skizirkus. Lindsey und ihr Ehemann Thomas Vonn gingen seit längerem getrennte Wege. In dieser Zeit muss Lindseys Mobiltelefon geklingelt haben. Wahrscheinlich war es Ihre Managerin Sue Dorf. Sie sagte einen folgenschweren Satz: „Lindsey“, sprach sie mit amerikanischem Akzent. „Ich habe ein bißchen telefoniert, und finally – Du gehst jetzt mit Taiga Wutz.“
 
„Aber…der Tiger ist doch ein rechtskräftig verurteilter Ehebrecher.“  – mag Lindsey traurig gedacht haben. Aber dann wird langsam Vernunft eingekehrt sein. Man macht das besser mit und lächelt es weg.
 
Zumindest bis zum Karriereende.
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1970 am linken Niederrein geboren, ist Axel Post Vater von zwei Töchtern. Er betreibt eine Kommunikationsagentur namens Yukawa in Köln und ist Fan von Wes Anderson, Noriaki Kasai und Borussia Mönchengladbach. Axel Post hat einige Jahre in der Schweiz verbracht, wo man ihn unter seinem Pseudonym Clemens Herbstmeister gleichermaßen liebt wie hasst. Axel Post ist seit 2006 mit einer der schlauesten Frauen der Welt verheiratet.

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