Die Helene Fischer der Hipster

Die Helene Fischer der Hipster

2261
0

Die Frage wo Jan Böhmermann ist, ist leicht zu beantworten. In aller Munde, ab jetzt auch im ZDF und wahrscheinlich auch bald in der Post von Wagner, wenn er da nicht schon war.

Die Frage wer oder was Böhmermann ist – viel schwieriger zu klären. Für viele ist Böhmermann momentan so etwas wie die neue Hoffnung des deutschen Fernsehens. Zumindest für eine bestimmte Klientel. Coole, gebildete Leute aus urbanen Milieus vermutlich. In den „ländlichen Gebieten“ wie wir sie aus Wahlsendungen kennen, weht ein anderer Wind. Hier dürfte Böhmermann eine echte Splitterpartei sein, hier dürfte Helene Fischer-Land sein. Vielleicht ist Jan Böhmermann ja die andere Helene Fischer – die Helene Fischer der Hipster.

Jan Böhmermann ist aber mehr, er ist auch ein Phänomen. Es gab ihn wahrscheinlich schon einmal, da hieß er aber noch Niels Ruf.  Oder Niels Ruf hat sich als Jan Böhmermann ein zweites Standbein aufgebaut. Die Gemengelage ist hier mindestens undurchsichtig. Jedenfalls sind sich beide ähnlich in der Intonation, dem Nuschelfaktor und ihrer auf Provokation ausgerichteten Komik.

Bei Böhmermann wirkt es so , als ob er das Provozieren schon früh verinnerlicht hat. Gut möglich, dass er als Kind mal in illustren Tischgesellschaften einen Rülpser los ließ oder auf einer Beerdigung laut furzte. Heute ist er kreativer, auch wenn der bei ihm recht häufige Gebrauch von Wörtern wie „Sperma“ oder „Fick“, um einen Gag zu landen, anderes vermuten lässt.

In einem Interview hat er mal gesagt, dass er nicht berechenbar sein möchte. Dann fragt man sich natürlich, warum er sich Opfer aussucht, die so naheliegend wie meine Tastatur sind. Revolverheld oder Pur hat Böhmermann durch den Kakao gezogen, was sollte man mit solchen Bands auch sonst tun? In einer früheren Zeit hätte er wohl Ostfriesenwitze erzählt

Aber wer sich solche Widersacher sucht, kann sich natürlich der Unterstützung vieler sicher sein. Böhmermann weiß, wie sein Geschäft funktioniert. So wie Helene Fischer weiß, welchen Rhythmus und Refrain ihre Lieder haben müssen, damit sie gekauft werden. Beide kalkulieren. Aber kalkulierte Unterhaltung hat immer einen faden Beigeschmack. Und sie ist nichts Besonderes. Vielleicht ist das auch Jan Böhmermann.

Foto: Jonas Rogowski

SHARE
Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

NO COMMENTS

LEAVE A REPLY