Jahrhundert-Kick in Preston

Jahrhundert-Kick in Preston

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Thorsten Stuckmann war Torhüter bei Eintracht Braunschweig und bei Alemannia Aachen – ein richtig guter dazu. Vor drei Jahren wechselte er in den englischen Fußball – in die dortige League One, zu Preston North End, einem Verein, der tapfer um den Aufstieg in die zweite englische Liga fightet. footage sprach mit Stuckmann auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel über englische Legenden, türkische Torwarttrainer, über die Illusion englischer Fußballbegeisterung und vor allem über ein ganz besonderes Spiel, an einem ganz besonderen Tag in der nächsten Runde des FA-Cups gegen Wayne Rooney und Luis van Gaal.

Footage: Thorsten, Du spielst jetzt seit 2011 in Preston, einem in England gar nicht mal so unbekannten Club. Erzählst Du uns ein bisschen was über Preston North End?
Stuckmann: Klar! Wir spielen in der englischen dritten Liga, mit klaren Ambitionen nach oben. Wir haben eine ziemlich große Fan-Base, bei Heimspielen kommen zwischen 10.000 und 12.000 Zuschauer. Die haben deutlich mehr verdient, als die Liga, in der wir derzeit spielen. Außerdem sind die Leute hier ziemlich stolz auf die Tradition des Vereins. Hier haben schon Leute wie Nobby Stiles, Bobby Charlton, David Beckham oder Erik Meijer gespielt. Wenn Du solche Jungs hier schon gesehen hast, dann willst Du mehr als Liga 3.

Footage: Stiles und Charlton waren Weltmeister mit England 1966 – die größten Club-Legenden?
Stuckmann: Nein! Große Spieler in der Geschichte hier, ganz klar. Aber die Legende schlechthin hier war Tom Finney, der mehr als 560 Spiele für den Club gemacht hat und sogar 76 Mal für England aufgelaufen ist. Vor einem Jahr ist er gestorben. Da hat der ganze Verein – Spieler, Funktionäre, Fans – getrauert, wie ich das selten erlebt habe. Keine Frage: Tom Finney gehört hier in Preston zum Verein und der Stadt, wie Uwe Seeler beim HSV oder Fritz Walter in Kaiserslautern. Auf ihn ist hier die komplette Fankultur ausgerichtet. Vor dem Stadion steht eine Statue von ihm , die ihn dabei zeigt, wie er gerade einen Ball auf nassem Rasen weg grätscht. Gigantisch! Und dann gibt es noch diese ganz besondere Geschichte.

Footage: Erzähl!
Stuckmann: Wir haben gestern im FA Cup-Wiederholungsspiel gegen Sheffield United nach 0:1 Pausenrückstand, 3:1 gewonnen und sind so in die nächste Runde eingezogen. Und jetzt der Hammer: In der nächsten Runde geht es gegen Manchester United. Und dann der Ober-Hammer: Der Kick findet an Toms Todestag hier zu Hause gegen Wayne Rooney und Angel di Maria statt, was für ein Gänsehaut-Spiel, das den Menschen hier unfassbar viel bedeutet. Das Ganze steigt übrigens am Rosenmontag und ich bin so heiß wie Frittenfett auf den Kick

Footage: Wahnsinn! Du musst uns unbedingt auf dem Laufenden halten!
Stuckmann: Das mache ich auf jeden Fall – ein echtes Jahrhundertspiel für Preston!

Footage: Das klingt alles nach totaler Begeisterung. Dem englischen Fußball – vor allem dem in unteren Spielklassen – haftet immer noch das Etikett des traditionellen englischen Fußball-Support an. Ist das auch Deine Erfahrung?
Stuckmann: Um ehrlich zu sein: Nicht wirklich! Wenn wir Torhüter ins Stadion zum Warmmachen aufs Feld kommen, sind gerade mal 80-90 Leute im Stadion. Die meisten Zuschauer kommen erst mit dem Anpfiff und sind auch gleich nach dem Spiel wieder weg.
Auch während des Spiels ist es eher ruhig. Zu Beginn der beiden Hälften wird die Vereinshymne gesungen und an zwei, drei besonders heiklen Spielsituationen wird es noch mal lauter. Aber das war es dann auch. Das war ich aus Deutschland natürlich ganz anders gewohnt. In Braunschweig und in Aachen, da brannte eigentlich die ganze Zeit die Hütte, auch schon vor dem Spiel. Manchmal kann ich meinen Sohn von der Tribüne hören, der vom Schoß meiner Frau „Come on, Thorsten!“ skandiert. Der macht immer einen auf bedingungslosen Support!

Footage: Anderes Thema: Hat man in England eigentlich Torwart-Trainer? Oder gibt es den Beruf dort gar nicht?
Stuckmann: Na ja, ich habe jetzt in zwei Jahren schon den dritten Torwart-Trainer hier und zum ersten Mal einen, von dem ich sagen würde, der weiß, was er tut. Der erste war Engländer und hatte seinen Körper auf englischen Spielfeldern gelassen. Der konnte selbst nicht mehr schießen, weil sein Bein das nicht mehr zugelassen hat. Irgendwann hat er den Spieß dann umgedreht und ich musste ihm in jeder Einheit eine spezielle Übung aus Deutschland zeigen. Wahrscheinlich ist er damit jetzt irgendwo in der Premier League gelandet. Der zweite Trainer war Türke und hatte – um ehrlich zu sein – mal gar keine Ahnung vom Fußball. Der hat immer von seiner großen Zeit in der Türkei erzählt, als ich ihn aber gefragt habe, wo er denn in der Türkei gespielt hat, kannte der nicht mal Galatasaray oder Besiktas Istanbul. Auf jeden Fall war der schnell wieder weg.

Footage: Wie ist denn Deine aktuelle Situation im Verein?
Stuckmann: Gerade läuft es ein bisschen unglücklich für mich. Ich habe mir im Laufe dieser Saison den Platz als Nummer 1 zurückerkämpft und auch ein richtig gutes Feedback von allen hier bekommen. Doch auf einmal ergab sich für den Verein die Chance, den englischen U21 Nationaltorhüter von Manchester United auszuleihen. Da haben die Verantwortlichen gleich zugeschlagen, weil das für den Verein eine große Chance war. Das habe ich auch verstanden. Jetzt spiele ich erst einmal nur die Pokalspiele, was aber mit der Aussicht auf das ManUnited-Spiel auch nicht unbedingt das Schlechteste ist. Aber ich bin jetzt 33 und ich habe schon so viel erlebt. Ich gebe hier in jedem Training Gas, biete mich an und versuche den Jungen ein bisschen supporten. Vielleicht ist er ja offen für eine Tipps und Tricks aus der guten alten deutschen Torwartschule.
Die Fans jedenfalls wollen mich hier im Tor sehen, was mich motiviert, mich weiterhin voll rein zu knallen. Mal sehen, wie das für mich weiter läuft. Mein Vertrag läuft im Sommer aus. Dann schauen wir weiter.

Footage: Ist eine Rückkehr nach Deutschland vorstellbar?
Stuckmann: Kann ich mir absolut vorstellen. Ich möchte auf jeden Fall noch drei, vier Jahre spielen und bin definitiv stark genug für einen deutschen Zweit- oder Drittligisten. Wir haben ein Haus in Erftstadt. Da wollen wir nach unserer Zeit in England auch auf jeden Fall wieder hin. Vielleicht schon im Sommer. Aber natürlich kann ich mir auch noch ein Jahr hier in England vorstellen.

Footage: Wir drücken die Daumen! Auch für das Spiel in Sheffield! Danke für das Gespräch!

Impressionen aus Preston:

Thorsten Stuckmann 1

Thorsten stuckmann 2Thorsten Stuckmann 3Thorsten Stuckmann 4Fotos: Preston North End

 

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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