Jeder Treffer quält

Jeder Treffer quält

1134
0

Früher ging das so: Ich kauerte vor einem alten Transistorradio und lauschte der Bundesliga-Konferenz. „Tore, Punkte, Meisterschaft“ hieß die Sendung, durch die ein Mann namens Kurt Brumme mit sonorer Stimme führte. Vieles daran war besonders. Weil man mir aber ohnehin schon das Label „Alter Sack“ verpassen kann, fange ich natürlich jetzt nicht an, der Vergangenheit hinterher zu trauern. Was mich allerdings wurmt ist, was aus den Dingern geworden ist, die damals wie heute im Mittelpunkt stehen: Den Toren! Die gab es nämlich nur live im Radio und wenn es hoch kam danach noch in der Sportschau. Und heute? Gibt es Tore satt und zwar so satt, dass man sich auch als Ungläubiger nach einem Fußball-Ramadan sehnt.

Die Tore aus der Bundesliga sind dabei noch ein vergleichsweise rares, weil ja auch teures, Gut. Aber es gibt Ligen, die von der Bundesliga meilenweit entfernt sind – geographisch oder qualitativ. Genau dort treiben findige Redakteure oder fleißige Praktikanten fast jedes Tor auf und werfen dann damit um sich. Und wir dürfen uns dann über die spektakulären Seitfallzieher aus der zweiten japanischen Liga oder den Weitschusskracher eines Torwarts beim Hallenturnier des TuS Soundso freuen.

Wenn das alles in Maßen passieren würde, hätte das vielleicht auch noch einen Unterhaltungswert. Das Maß ist aber verloren gegangen und der Unterhaltungswert gleich mit. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir die Tore von Familienvätern sehen, die beim 1-zu-1 gegen ihren Sohnemann im heimischen Wohnzimmer per Hackentrick zum Anschlusstreffer kommen. Von findigen Redakteuren entdeckt, falls sie nicht sogar selber der entsprechende Familienvater sind.

Und so stehen Tore jetzt in einer Reihe mit Hunde- und Katzenvideos. Sie werden angeklickt, weiter geleitet, geliked – sie funktionieren aus der Sicht derer, die sie veröffentlichen. Deshalb tauchen Sie jetzt auch mit Überschriften wie „Als ich dieses Tor sah, kamen mir fast die Tränen“ auf.

Natürlich muss ich mir diesen Quark nicht angucken. Aber wer will schon, dass seine Kindheitserinnerungen vor die Hunde gehen?

SHARE
Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

NO COMMENTS

LEAVE A REPLY