Nur einen Schritt entfernt

Nur einen Schritt entfernt

1967
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Als die deutsche Elf am 29. Juni 1986 in Mexico City auf Argentinien trifft, ist es 12 Uhr Ortszeit. In der Hauptstadt Mexikos ist der Schatten zu dieser Uhrzeit in etwa so spärlich, wie der Stoff der herunter gezogenen grünen DFB-Stutzen auf den massiven Waden des Hans-Peter Briegel. Die „Walz von der Pfalz“ war unterwegs in Lateinamerika und wer die typische Witterung in Rheinland-Pfalz kennt, der kann sich vorstellen, wie schwer es für ihn gewesen sein muss, auf 2.500 Metern Höhe ein WM-Finale zu spielen. Keine Frage: Briegel muss sehr müde gewesen sein, als es fünf Minuten vor Schluss auf Biegen und Brechen um den Titel ging. Deutschland hatte trotz dieser Bedingungen einen 0:2 Rückstand aufgeholt und Diego Maradona und die Seinen am Rande der Verzweiflung.

Die Folge war purer Übermut einer Mannschaft, die mit Leuten wie Norbert Eder, Ditmar Jakobs oder Karl-Heinz Förster eher rustikal besetzt war. Denn plötzlich glaubten diese Mensch gewordenen deutschen Tugenden, Maradonas Argentinien in Grund und Boden spielen zu können. Ein fataler Irrglaube, den Maradona mit einer einzigen Drehung, einem einzigen Pass bestrafte und Jorge Burruchaga auf die Reise in Richtung Toni Schumacher schickte – ganz alleine. Zu Hause an den Bildschirmen erreichte ein gequältes Stöhnen von TV-Kommentator Rolf Kramer die Wohnzimmer der Republik. Niemand im deutschen Team schien mehr die Kraft zu haben, sich auf die Jagd nach Burruchaga zu machen. Keiner? Doch! Einer! Hans-Peter Briegel, der sein letztes Länderspiel bestritt, setzte zu einem der epischsten Sprints an, die je ein WM-Finale gesehen hat. Ein Sprint, bei dem die gigantischen Oberschenkel Briegels bei jedem Meter zu platzen schienen. Mexiko City schien sich um Hans-Peter Briegel zu drehen und das unruhige Treiben im Aztekenstadion für einen Moment still zu stehen. Briegel schien die Zeit selbst zu überholen. Als der Argentinier schon den Kopf hob, um Schumacher auszugucken und Kramer ein beschwörend flehentliches „Burruchaga“ über den Äther in die Heimat schickte, kam ihm die „Walz aus der Pfalz“ tatsächlich so nah, dass er die rechte Hand an den Oberkörper des Schützen brachte. Was für ein Lauf, was für ein Kraftakt!

Und was für eine Tragödie! Denn Briegel kam zu spät – vielleicht eine Zehntel Sekunde, vielleicht weniger. Und doch – er kam zu spät. Burruchaga schob den Ball mit letzter Kraft in Richtung Schumacher. Kramer schrie laut auf – eine für die Kommentatoren der Achtziger fast unerhörte Gefühlswallung: „Toni – halt den Ball!“, um gleich danach ein resignierendes „Nein!“ hinterher zu hauchen. Toni hielt den Ball nicht. Briegel stand am Pfosten – mit hängendem Kopf auf den die Sonne Mexiko Citys unbarmherzig einbrannte. Der Titel war verloren. Das Spielfeld war ein Stück zu kurz gewesen – nicht viel, nur ein paar Zentimeter. Im Interview nach dem Spiel weinte er am Mikrofon des ZDF. Unsterblich!

Dieser Text ist in dem empfehlenswerten und formidablen Buch „Helden – Deutsche WM-Legenden von Bern bis Rio“ erschienen. Wer es gerne kaufen möchte, kann das hier tun:
WM Helden von Bern bis Rio

Foto: aus „Helden – 50 deutsche WM-Legenden von Bern bis Rio“

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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