Die Toiletten sind ein Traum

Die Toiletten sind ein Traum

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Meine Zeit in Hamburg begann, wie sie beginnen musste. Mit einem Auswärtsspiel. Der FC trat beim FC St. Pauli an. Ich sah das Ganze in einer willkürlich ausgesuchten Kneipe im Schanzenviertel.

Der FC gewann 2:0 und meine zurückhaltende Freude war nichts anderes als eine Beleidigung für das Wort „Jubel“. Die Einheimischen bemerkten meinen Gefühlsausbruch trotzdem und schauten mich an wie eine Kiez-Größe, die ein Tutu trägt.

Es war mal von einer Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und dem FC die Rede. Ein paar Schals wurden dadurch verkauft, verankert wurde nichts. Aber keine Freundschaft heißt natürlich nicht gleich Feindschaft. Auch Hamburger können Toleranz. Als FC-Fan wird man zwar nicht groß geachtet aber auch nicht geächtet. Meistens folgt auf mein Bekenntnis zum FC ein mildes Lächeln, so als hätte ich meinem Gegenüber einen Witz erzählt, den er zwar ganz ok findet aber schon dreimal gehört hat. Mit diesem höflichen Desinteresse kann man leben, schließlich hätte man auch Werder Bremen mögen können. Dafür gäbe es dann eine ordentliche Portion Verachtung – so wie wir sie gerne an die wenigen Anhänger von Leverkusen gerecht verteilen.

Mittlerweile kann ich sogar die wenigen FC-Tore bejubeln ohne dabei leise zu sein. Denn im Hamburger Stadtteil Eppendorf steht eine Oase für die kleine Karawane durstiger Kölner im Exil. Eine Kneipe mit dem maximal optimalen Namen „Rheinländer“ überträgt alle FC-Spiele live. Wer hier sein Kölsch trinkt, fühlt sich direkt wie ein Asylant dessen Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung aber mal so richtig glatt durch gegangen ist. Vor dem Spieler werden die Höhner gehört, es gibt Bier, das richtige Essen und die Toiletten sind ein Traum in rot-weiß.

Doch ich habe es im Urin, der „Rheinländer“ war nur der Anfang. Immer mehr Ausläufer des rheinischen Brauchtums werden sich in die Hansestadt einschleichen. Schon jetzt singen die Hamburger ja manchmal nur um sich selbst und die eigene Stadt zu feiern. „Hamburg, meine Perle“ und „Auf der Reeperbahn“ sind Cover von „ En unserem Veedel“. Dem Kölner Karneval eifert man auf so genannten Hafengeburtstagen nach. Nur die Stimmung schwappt noch nicht so recht über – oft feiern die Hamburger noch so, als wären sie in einer fremden Stadt und würden sich da über ein Tor ihres Lieblingsvereins freuen.

Foto: Christoph Huebner

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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