Eine Redaktion, die sitzt

Eine Redaktion, die sitzt

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Früher waren Jobs in der Kommunikationsbranche heiß begehrt. Heute – keine Ahnung.

Die Sorgen der TV-Sender, Verlage, Zeitungen, Agenturen haben aber bestimmt damit zu tun, dass sich nie viel verändert hat. Auch heute noch beginnt dort jeder Tag mit – einem Meeting.

In diesen Meetings wird mit Keksen, Kaffee und Obst für das leibliche Wohl gesorgt, und es wird erzählt, berichtet und diskutiert. Nachher wird allgemein als gut befunden, dass – worüber auch immer – gesprochen worden ist. Das Dumme ist nur – ein Meeting kommt selten allein. Schätzungsweise zwei bis drei pro Tag muss man über sich ergehen lassen. So wird es mit der Zeit für die eigentliche Arbeit schon mal knapp.

Alles Unheil nimmt seinen Lauf mit einer Besprechungsanfrage. Verschickt von einer Assistentin, die den Auftrag dazu von ihrem Chef zwischen Tür und Angel erhalten hat. Deshalb erfährt man über Hintergründe zunächst nicht viel. Vielleicht wann das Meeting stattfinden soll und wer sich als „erforderlicher Teilnehmer“ fühlen darf. Wo man sich einfinden muss oder worum es geht, erfährt man meist nicht.

Oft dauert es aber keine fünf Minuten bis fast die gleiche Mail erneut eintrudelt. Bei genauerem Hinsehen wird man jetzt feststellen, dass ein Raum für das Meeting gefunden worden ist und sich die Anfangszeit verändert hat. Im Normalfall werden nun noch zwei aktualisierte Besprechungsanfragen folgen – selten sind es weniger, mehr kann durchaus vorkommen. Dabei werden dann wahlweise Zeitspannen verändert, Mitarbeiter aus- oder eingeladen und Raumnummern durcheinander gewirbelt. Logischerweise kommt es nun zu ersten Unmutsäußerungen und Überschneidungen im eigenen Kalender.

Der Name ist Programm

Meetings in der Medienbranche schmücken sich dabei gern mit einem eigenen, unverwechselbaren Namen. Berühmt und berüchtigt ist insbesondere:

Die Redaktionssitzung

Erstaunlich ist, dass sich die Redaktionssitzung bisher so erfolgreich gegen die sonst sehr angesagten englischen Meeting-Titel wehren konnte. Vielleicht liegt es daran, dass der Name perfekt beschreibt, worum es geht: Eine Redaktion, die sitzt.

Zu Beginn des Meetings gibt der Redaktionsleiter die Themen bekannt, über die er reden möchte – das ist dann die sogenannte Agenda. Der letzte Punkt der Agenda heißt in aller Regel „Sonstige Themen“.

Bei Bekanntgabe der Agenda setzt bei den Redakteuren Stirnrunzeln, Kopfschütteln oder kurzes Gelächter ein. Bei dem einen Thema ist für sie schon alles gesagt worden, bei dem anderen wussten sie gar nicht, dass es existiert. Meistens werden deshalb „Sonstige Themen“ an den Anfang des Meetings bugsiert. Der Einwand des Redaktionsleiters, dass man zum Schluss auf diese Angelegenheiten zurückkommen könne, stößt auf wenig Gegenliebe: „Am Ende ist ja immer keine Zeit mehr“ heißt es dann.

Der Redaktionsleiter ist überstimmt, es kann losgehen. Jetzt wird nach Lust und Laune über verschmutzte Kaffeemaschinen, die unfähige IT-Abteilung und redaktionelle Zuständigkeiten diskutiert. Kurz vor Ende des Meetings wird festgestellt, dass man es nicht geschafft hat, die anderen Punkte der Agenda durchzusprechen. Der Redaktionsleiter trifft nun entweder die Entscheidungen zu den übrig gebliebenen Themen allein oder es muss ein weiteres Meeting anberaumt werden – und zwar „zeitnah“. Ein dehnbarer Begriff, der schon mal einige Wochen Wartezeit in Anspruch nehmen kann.

Der Jour Fix

Noch erstaunlicher, ja fast eine kleine Sensation, dass sich ein französischer Name im allgemeinen Anglizismus-Wahn der Medien immer noch behaupten kann. Die Bezeichnung „Jour Fix“ soll andeuten, dass man sich immer an einem bestimmten Tag zu einem festen Termin trifft. Natürlich ein völlig aussichtsloses Unterfangen.

Zum „Jour Fix“ laden meist Redaktions- oder Abteilungsleiter ein. Das Meeting soll dazu dienen, sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Falls für das Unternehmen wichtige Entscheidungen getroffen worden sind und der Abteilungsleiter dies mitteilen möchte, würde er es in diesem Meeting tun. Er möchte aber nicht und startet deswegen meistens mit der Frage: „Habt Ihr etwas auf dem Herzen?“

Wenn der Jour Fix morgens stattfindet, wird man nun nur eines hören – nämlich nichts. Es herrscht Müdigkeit. In diesen Fällen ist der „Jour Fix“ nach zwei Minuten beendet. Unter anderen Voraussetzungen verläuft der Jour Fix genauso wie eine Redaktionssitzung. Nur über einen neuen Termin muss man nicht nachdenken – denn der steht ja angeblich fest.

All Hands-Meeting

An diesem Meeting dürfen alle Mitarbeiter einer Firma teilnehmen. Grund: Der Geschäftsführer, der CEO, der Managing Director, möchte eine Ansprache halten.

Warum das Meeting „All Hands“ und nicht „All Heads“ oder „All Heels“ heißt? Darüber lässt sich nur spekulieren. Eventuell gibt es Fälle, in denen sich die Mitarbeiter während der Veranstaltung an den Händen halten müssen. Ausschließen kann man das mit Sicherheit nicht.

Das All Hands-Meeting unterscheidet sich in zwei Dingen von allen anderen Meetings. Es findet höchstens einmal im Monat statt und nur der Geschäftsführer spricht. Für die Mitarbeiter besteht zuweilen die Chance, in der letzten Minute des Meetings Fragen zu stellen. Meistens traut sich aber niemand oder die Fragen gehen in der allgemeinen Aufbruchstimmung unter.

Was der Geschäftsführer mitzuteilen hat, ist oft nicht viel und selten die Wahrheit. Meistens erzählt er, wie das Unternehmen ganz klein angefangen hat und an welchem Meilenstein der Entwicklung man gerade angekommen ist. Dann folgt noch ein Ausblick in die Zukunft, der fast immer mehr als rosig ausfällt. Gegen diese Darstellung wird dann meistens in der nächsten Redaktionssitzung oder beim nächsten Jour Fix protestiert.

Die Rolle der Kultur

Neben verschiedenen Meetingformen haben viele Unternehmen auch noch eine eigene Meetingkultur entwickelt, auf deren Einhaltung sie großen Wert legen und bestehen. Diese Kultur beschwört dann – meistens auf mehreren Powerpoint-Folien – Werte wie Pünktlichkeit oder gegenseitiges Ausreden-Lassen. Natürlich kommt und redet aber jeder trotzdem, wann er will. Viel wichtiger scheint auch zu sein, dass eine solche Kultur immer wieder neu entwickelt und diskutiert wird, und zwar mit viel Eifer und Mühe in einem – man ahnt es schon – Meeting.

Und so dreht man sich im Kreis, ohne dass es irgendwen stört. Meetings sind die große Allzweckwaffe. Niemand weiß wofür oder wogegen, aber wir tippen mal auf die Zeit, die sonst mit ganz normaler Arbeit gefüllt werden müsste und mir nichts, dir nichts verstreichen würde.

 Bild: Luis Argerich

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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