Flexibilität ist immer dann gefragt, wenn die Märkte enger werden. Klingt nach neo-liberalem Gelaber, trifft aber zu. Deshalb habe ich meinen Tagesablauf angepasst. Jeden Tag um Punkt 13.10 Uhr unterbreche ich meine Arbeit und gehe zum Kiosk 319, Luxemburger-Ecke-Gürtel.

Dort treffe ich Tim, Gill, Kevin, Kevin und Schwacho. Warum Schwacho Schwacho heißt erschließt sich nicht auf den ersten Blick, denn er wiegt bei geschätzten 1,55m, sichtbar mehr als ich. Kinder können grausam sein. Aber auch nützlich. Wir tauschen Panini.

Um die Frage zu beantworten: Nein, es kommt mir nicht komisch vor, mit Schwacho zu dealen. Erstens sind Panini keine Kalorienbomben, und zweitens haben Typen wie Schwacho Typen wie mich früher gern mal eine ganze Busfahrt lang erleben lassen, was das Wort Schwitzkasten bedeutet. Im Gegenteil. Im Sammelbild-Business werden Win-Win – Situationen geschaffen, alle Markteilnehmer profitieren gleichermaßen von regem Austausch. Mit Schwacho und einem der Kevins habe ich sogar die Handynummern ausgetauscht. Sie klingeln kurz durch – ich drücke weg, um ihre Prepaid-Budgets nicht zu belasten, und komme runter zum Kiosk. Das ist effizient und diskret und, was mir wichtig ist – ich muss nicht am Schulhof abhängen.

Schwacho ist ein bisschen cleverer als die Anderen. Deshalb ist sein Album etwas voller. Zum Beispiel dealt er Deutsche gegen Ausländer generell nur 1:2. Ich habe kurz überlegt, ihn öffentlich als analfixierten Sammel-Nazi anzuprangern, aber das hätte womöglich zu bösen Missverständnissen geführt. Außerdem ist er ein zu wichtiger Tauschpartner. Er hat drei Costa Ricaner, die mir fehlen. Costa Ricaner sind künstlich verknappt.

Seit zwei Tagen macht Schwacho auf „dicke Hose“, weil er glaubt, dass sein Album bald voll ist. Ihm fehlen noch ungefähr 30 einzelne Bilder, und ein komplette ukrainische Viererkette.

Gestern ziehe ich Fedorov, Radchenko und Rusol aus einer Tüte. Sofort wähle ich Schwachos Nummer, um ihm einen Deal vorzuschlagen. Eine erwachsene Frauenstimme meldet sich. „Ist Schwacho da?“ will ich fragen, lege aber doch lieber auf. Vielleicht nennt seine Mutter ihn anders.

Heute Mittag ist er schon da, als ich reinkomme. Ich halte ihm triumphierend die Bilder unter die Nase. Er grinst nur und winkt ab. „Hab ich schon, sorry. No deal! Nur noch zwölf, dann bin ich durch, alter Mann.“

Mit gesenktem Kopf verlasse ich den Kiosk. Im Supermarkt zahle ich mit EC-Karte. Eine komplette Box. 500 Bilder für € 50,-, und vollende mein Werk in aller Stille. Ich denke kurz an meine Kindheit. Mit einer Prise Wehmut, aber auch mit der Gewissheit, das manches im Alter leichter wird.

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1970 am linken Niederrein geboren, ist Axel Post Vater von zwei Töchtern. Er betreibt eine Kommunikationsagentur namens Yukawa in Köln und ist Fan von Wes Anderson, Noriaki Kasai und Borussia Mönchengladbach. Axel Post hat einige Jahre in der Schweiz verbracht, wo man ihn unter seinem Pseudonym Clemens Herbstmeister gleichermaßen liebt wie hasst. Axel Post ist seit 2006 mit einer der schlauesten Frauen der Welt verheiratet.

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