Du warst nicht dabei, Bourani!

Du warst nicht dabei, Bourani!

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Andreas Bourani – boah – ich kann Deinen Scheiß nicht mehr hören. Den Sender wechsel ich, wenn ich Dich höre. Ich friere rein gar nichts mit Dir ein! Ich stehe auch nicht mit Dir im Regen, höchstens allein! Ich schwör dir keine ewige Treue und gehe auch nicht für Dich durchs Feuer. Boah Typ, keine Endorphine, kein Moment und erst recht kein Hoch auf´s Leben! Bourani, glaub mir – da, wo ich Weltmeister wurde, wärst Du gerne gewesen! Aber weißt Du, Bourani: Du warst nicht cool genug – nicht cool genug für dieses Leben. Wenn Du in diesem Sommer Bruder Samwer warst, war ich das Internet – wenigstens für diese vier Wochen im Juni und Juli.

Klar, Du warst direkt in

der ersten Reihe, im Frühstücksfernsehen, im Maracana, am Brandenburger Tor! Vor Millionen Fleisch gewordenen Girlanden hast Du Dein Lied gesungen, hast Dich feiern lassen, hast mit Schweinsteiger, Lahm und Götze getanzt, hast sogar den Pokal berührt. Und ja: Sie schworen Dir ewige Treue, standen mit Dir im Regen und froren Deinen Song in jedem Moment ein – Deinen Song, der sogar das Maracana unter eine Käseglocke von Endorphinen legte, die nur noch Helene Fischer in einem am Bauchnabel abgeschnittenen Deutschland-Trikot oder Udo Jürgens in einem Bademantel „Der Mann mit der Mütze“ singend noch mehr hätten ausfüllen können. Und ja Bourani, Du hast wahrscheinlich Millionen gemacht mit Deinem Song, mehr als Walter White, Vladimir Putin und Gerhard Schröder zusammen. Kompliment! Du hast den Moment getroffen, ABER: Wer glaubt, Du hättest das nicht geplant, der hätte wahrscheinlich auch einen wie Messi zum Spieler des Turniers gewählt.

Aber hey – kein Neid! Du hast getan, was wir alle getan hätten an Deiner Stelle, fast alle jedenfalls. Aber weißt Du eigentlich, was Du verpasst hast? Ahnst Du es überhaupt? Du warst nicht da. Du warst nicht an dem Ort, an dem der Titel wahrhaftig und ohne Rücksicht auf Verluste gewonnen wurde! Du warst nicht da, wo man den Puls des Titels in diesem Sommer so laut schlagen hören konnte, dass es frei nach Jesus Quintana KLICK machte. Ich sag´s Dir mit Middendorp, Bourani – mit Ernst Middendorp und ich sag´s Dir ins Gesicht: „Bourani, knie nieder, Du Bratwurst!“

So leid es mir tut, denn eigentlich mag ich Dich: Du bist kein Weltmeister! Denn Du warst nie Im Auge des Sturms, dort wo die Erde nie aufhört zu brennen, dort wo die Luft schwer und langsam atmet, dort wo der Wahnsinn wild und schlagartig keucht! Bourani, ich frage es Dich nur ein einziges Mal und ich weiß, Du hast keine Antwort. Und trotzdem sollst Du die Chance bekommen: „Bourani – hast Du Deine Hände dabei?“
Nein! Du hattest nie Deine Hände dabei! Bourani, Du warst nie in der Hammond Bar!

Weißt Du, Bourani – ich sag Dir jetzt, wie es wirklich läuft:
Das Glück – Bourani – hat einen Namen, in Spanien heißt es „La Felicidad“. Und es ist leicht zu finden, für jeden der die Augen offen hat. Weißt Du, Bourani – es liegt im Lachen der Senoritas, in ihren Lippen wie roter Mohn und im Versprechen der schwarzen Augen, und wer es findet, wird reich belohnt!

Es ist nicht Deine Schuld, dass Du nicht hier warst. Du hast es einfach nicht gewusst. Es gäbe Dir Kraft, so viel Kraft, Bourani, hättest Du sie gesehen: die Thekenkräfte, mit denen wir Weltmeister wurden. Wie sie bis zur Erschöpfung zapften, einschenkten und auftischten. Wie sie vor jedem Spiel einliefen, obwohl sie alles andere tun wollten, als ausgerechnet hier an diesem Ort des Ausbruchs hinter eine Theke zu laufen – angefeuert von der wilden Meute, bewaffnet mit schwarz-rot-goldenen Papierfahnen und rot-silbernen Tanzwedel-Puschel, angetrieben vom Zampano der Nacht, der Michael Schanze auflegend jeden einzelnen von ihnen ankündigte, als sei er oder sie ein Zitrusschnaps in einem dieser kleinen Plastikbecher, die sonst wie Glasperlen in einem Indianerreservat von einem Gast zum anderen wandern, um Weltmeister-Schlünde herunter zu laufen und damit ihren berauschenden Beitrag zum Titel zu leisten.

Ole Espana, Bourani. Nichts anderes. NUR Ole Espana! Bourani, Du warst nicht hier an diesem Dienstag Abend als wir alle nach Luft schnappten, weil ein Tor nach dem anderen fiel und niemandem mehr klar war, wann eigentlich ein Tor gefallen oder es einfach nur eine Zeitlupeneinstellung war. Müller, Klose, Kroos, Kroos, Kedhira. Jedes Tor so geil wie ein Schlag in die Fresse von Wolfgang Joop – bäm, bäm, bäm, bäm, bäm!

Und Du, Bourani? Du warst nicht hier! Du hast es verpasst! Du Bratwurst, hast es echt verpasst! Wie verzweifelt Du wärst, wenn Du es wüsstest. Wenn Du wüsstest, wie es brannte, zweieinhalb Stunden nach diesen Toren, als das Glück nicht aufhörte, im Lachen der Senoritas zu liegen.

Überhaupt, Bourani: Du solltest so sein wie Michael Schanze es war! Denn, der war hier und hatte seine Hände dabei! Jedes verfluchte Spiel, jede verfluchte Minute, jeden verfluchten Moment an unserer Seite! Schulter an Schulter in dieser großartigen Bar, ohne die nie im Leben auch nur irgendein Titel nach Deutschland gekommen wäre! Denn wer würde ernsthaft behaupten, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun gehabt hätte. Bourani, weißt Du noch wie Götze im Finale traf? Weißt Du noch wir Schürrle flankte und wie er traf, wie Götze traf?

Und jetzt sei ehrlich, Bourani! Wer würde ernsthaft glauben, Götze hätte im Finale wirklich getroffen, wenn die Nichtraucher unter uns nicht schon nach dem ersten Spiel gegen Portugal sämtliche deutschen Tore ins Netz geraucht hätten?
Wer würde ernsthaft glauben, er hätte im Finale wirklich getroffen, wenn wir einer guten Tradition folgend nicht vor jedem Spiel ein Weltmeister-Kölsch aus Gläsern von 1974 getrunken hätten?
Wer würde ernsthaft glauben, er hätte im Finale wirklich getroffen, wenn wir nicht ein paar Tage vor der WM den unglaublichen Jungs von „Kaufhaus Dahl“ gelauscht hätten?
Wer würde ernsthaft glauben, er hätte im Finale wirklich getroffen, wenn wir nicht unten auf jenem jetzt schon in die Geschichte aller sanitären Anlagen eingehenden Klo, Selfies gemacht hätten nur weil wir die gleichen Jacken trugen?
Wer würde ernsthaft glauben, er hätte im Finale wirklich getroffen, wenn es nach dem Achtelfinale nicht bis in die Eingeweiden der Kneipe hinein geknarzt hätte?
Wer würde ernsthaft glauben, er hätte im Finale wirklich getroffen, wenn wir nicht jeden Treffer mit Ravioli-, Zitrus- oder grünen Kabänesschnäpsen gefeiert hätten?
Und wer würde ernsthaft glauben, er hätte im Finale wirklich getroffen, wenn wir Bela Rethy nicht mit jeder Faser unseres Körpers in den Schlund der Hölle gewünscht hätten.

Niemand, Bourani! Niemand! Und Du schon gar nicht! Denn Du warst nicht hier – in der Bar, in der wir Weltmeister wurden.

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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