Die Gnade der Perfektion

Die Gnade der Perfektion

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Nennen wir sie der Einfachheit halber Maria. Maria lächelte mich an und es dauerte keine drei Sekunden bis ich so geschmeichelt war, dass ich vergaß, dass Maria locker hätte meine Tochter sein können, wenn ich vor gut zwanzig Jahren nicht ein bisschen Glück gehabt hätte. Sie war bildschön und trug ein Trikot auf dessen Rücken die Nummer 8 und der Name Iniestas beflockt war. Ihr schwarzes Haar trug sie offen, was sie und das Trikot Iniestas zu einem echten Gesamtkunstwerk machte. Sie schenkte mir ihr schönstes Lachen – jedenfalls glaube ich das. Denn es sah kein bisschen gestellt aus. Barcelona, die Stadt Iniestas, war im Hier und Jetzt auch die Stadt Marias. Während sie meine rot-blauen Devotionalien traumwandlerisch sicher in eine Plastiktüte räumte, erinnerte sie an Iniesta während eines Passes über 15 Meter: präzise, formvollendet, königlich. Ebenso selbstverständlich wie Iniesta den Ball streichelt, streichelte sie meine Seele und fragte, ob ich am gleichen Abend zum Spiel kommen würde. Da der einzige spanische Satz, den ich noch aus der Oberstufe mit ins Leben retten konnte aber „Maria va a la farmacia“ ist, verzichtete ich auf eine Antwort in der Landessprache. Stattdessen stammelte ich einen mittelguten Witz in mittelgutem Englisch. Sie lächelte verzeihend zurück und wünschte mir noch eine schöne Zeit in ihrem Barcelona. Und während ich noch darüber nachdachte, was aus Maria und mir hätte werden können, wenn sie 25 Jahre früher geboren und statt in Barcelona vielleicht in Düren aufgewachsen wäre, stand ich auch schon vor einer überdimensionalen Foto-Tapete des Camp Nou und knipste ein überschwängliches Selfie. Herzlich Willkommen beim FC Barcelona.

In meinem FC Barcelona-Einkaufskorb lagen FC Barcelona-Untersetzer, eine Miniatur-Ausgabe des Camp Nou, ein FC Barcelona-Kapuzenpulli, ein Trainingspulli für den Sohnemann und um den Bock fett zu machen: FC Barcelona-Pfefferminz-Pastillen in Andres-Iniesta-Blechdosen. Ich befand mich fest in den unbarmherzigen Klauen der fußballerischen Kommerzialisierung. Zwar widerstand ich den FC Barcelona-Kartoffelchips und ließ auch den FC Barcelona-Flaschenöffner nach längerem Überlegen im Regal, aber eine Entschuldigung für diesen Kaufrausch gibt es nicht. Selbst Maria nicht, denn sie traf ich ja erst an der Kasse als sämtliche Kaufentscheidungen bereits lange getroffen waren.

Vielleicht waren es Messi, Iniesta und der unfassbar unbeholfene Luis Suaréz, die mich umgeben von ihrem überraschend und angenehm minimalistisch ausgestatteten Camp Nou am Abend danach derart verzauberten, dass ich mich quasi schon im Vorgriff auf die Begegnung mit ihnen gezwungen sah, meinem Leben ein bisschen mehr Barca-Style zu verleihen und wenn es nur mit Pfefferminz-Pastillen und Kork-Untersetzern war.

Im ersten Moment des Kaufrausches fühlte es sich auch gut an, endlich mal ein bisschen zu denen zu gehören, die gewinnen. Denn mal ehrlich: Wer würde nicht gerne einfach jede Woche nach einem Besuch beim lokalen Schinken-Geschäft mit Verzehr eines kühlen katalanischen Bier bei gut 20 Grad zu einem Flutlicht-Spiel gehen, dabei ein bisschen Unabhängigkeit für seine Heimat fordern, um dann mit einem ungefährdeten Sieg nach acht bis zehn epischen Iniesta-Pässen wieder nach Hause zu gehen?
Perfektion ist außerhalb Barcelonas schwer zu finden. Anderswo ist sie meist nur eine Illusion und am Ende eben auch ein bisschen langweilig – auch dann, wenn man jede Sekunde von ihr genießt an Tagen an denen man sie besucht – diese Perfektion des Augenblicks, die man in Barcelona in Pfefferminz abgepackt mit nach Hause nehmen kann.

Perfektion ist vergänglich. Iniestas Pässe jedenfalls waren vergänglich. Denn schon in der Sekunde nach der er sie spielte, verstolperte Luis Suarez sie auch schon wieder. Will man Iniesta sein, wenn man dafür Suarez ertragen muss? Und wie ist es dann Suarez zu sein? Suarez, dem Sekunde um Sekunde die Gnade des perfekten Spiels vorgeführt wird und der selbst so viel weniger ist als all das, was ihn füttert.

Oder will man Maria sein, wenn man dafür alte deutsche Männer anlächeln muss, die schon ein paar Sekunden später Selfies vor einer Foto-Tapete machen? Kurz nachdem ich auf den Auslöser auf meinem Handy gedrückt hatte und ihr einen letzten verklärten zuwarf, stand bereits ein Ire vor ihr. Er war in meinem Alter und als Maria ihn freundlich lächelnd fragte, ob er an diesem Abend ins Camp Nou kommen würde, machte er einen schlechten Witz mit immerhin perfektem irischem Akzent. Was er sich wohl einbildete? Er wart alt und sie so perfekt. Sie trug die Acht auf dem Rücken. Sie war Iniesta.

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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