Der Spielverderber

Der Spielverderber

Warum der Videobeweis nicht nur ein Fehler ist, sondern auch viel über uns aussagt

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Der Videobeweis ist so ein bisschen das RB Leipzig dieser Bundesliga-Saison. Ein Neuling, sorgt für viel Gesprächsstoff und polarisiert. Es gibt aber natürlich auch Unterschiede, denn auch ehrenwerte Fußballliebhaber setzen sich für den Videobeweis ein. Allerdings sind sie möglicherweise nicht ganz ehrlich gegenüber sich selbst.

Gerechter soll das Spiel durch den Videobeweis werden. So als würden die meisten Fans mit fehlender Gerechtigkeit in erster Linie „glasklare“ Fehlentscheidungen verbinden. Wer lange genug mit dem Fußball verheiratet ist, hat aber Bauchschmerzen mit ganz anderen Ungerechtigkeiten. Mit den immer weiter wachsenden Leistungsunterschieden zwischen den superreichen und den weniger reichen Clubs. Mit dem aufopferungsvollen aber aussichtslosen Kampf des Außenseiters gegen das gnadenlos effiziente Spitzenteam. Oder manchmal auch einfach nur mit dem Bayern-Dusel in der achten Minute der Nachspielzeit.

Gerechter wird der Fußball durch den Videobeweis nicht. Zumindest nicht gefühlt. Soll er aber auch gar nicht. Er soll perfekter werden. Denn wir leben in einer Zeit, in der Perfektion ein viel höherer Wert als Gerechtigkeit geworden ist.
Deswegen lassen wir unsere Kinder mittlerweile mit fünf Jahren chinesisch lernen. Und wir gucken Menschen immer schiefer an, wenn sie etwas in den Sand gesetzt haben und es dann nochmal probieren wollen. Fehler ausmerzen ist zu einer Lebenseinstellung geworden. Vielleicht weil wir einfach sonst nichts zu tun haben.

Alles muss einwandfrei funktionieren. Der Fußball also bitte auch. Fußball als deutsche Wertarbeit. Fußball made in Germany.
Die Anhänger des Videobeweises möchten das Scheitern ausschließen, so als würde es nicht zum Leben dazugehören. So als wäre es nicht notwendig, um neu zu denken. Und so als wäre Fußball kein Spiel, sondern eine Formel, auf die man sich immer verlassen kann. Es ist aber ein Spiel, das von seinen vielen Unwägbarkeiten lebt. Auch von denen, auf die die Spieler keinen Einfluss haben.

Wenn der Videobeweis zu den „glasklaren Fehlentscheidungen“ eines Tages optimiert und akzeptiert ist, werden die anderen Fehlentscheidungen folgen, bis alle ausgelöscht sind. Kein Einwurf wird dann noch jemals an der falschen Stelle ausgeführt. Und an den Werbeeinblendungen in den Spielunterbrechungen, die natürlich auch irgendwann kommen werden, stören sich die meisten dann auch schon lange nicht mehr. Bei vielen anderen  wird der Videobweis dann aber endgültig genauso unbeliebt wie RB Leipzig sein.

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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