Die handfeste Luftnummer

Die handfeste Luftnummer

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Nur einmal im Jahr ist Weihnachten – und Handball. Dann finden nämlich gefühlt Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele mit der deutschen Nationalmannschaft statt. Immer dann tritt der Handball aus seinem Schattendasein heraus. Denn ob ein Team aus Flensburg oder Kiel wieder Meister wird interessiert nur Eingeweihte oder Einwohner aus Städten im hohen Norden Deutschlands. Die besten Handballer des Landes locken dann aber doch ein paar Hunde hinter dem Ofen hervor. Lockten, denn in diesem Jahr ist der Spuk ja schon wieder vorbei.

Das ist schade, denn Handball-Spiele haben durchaus ihre Momente. Manchmal geht alles rasend schnell, manchmal weiß man vor lauter Toren gar nicht mehr, wie es steht. Das hat einen Hauch von Drogenrausch.

Aber Handball kann auch monoton. Wenn der Ball wie an der Schnur gezogen von einem Arm zum anderen wandert. Von links nach rechts und dann von rechts wieder nach links. Gerne wird dieser Ablauf durch einen Griff in den Wurfarm des Gegners unterbrochen – auch nicht gerade ein Moment, in dem man gebannt inne hält. Tore fallen oft durch gewaltige Würfe aus dem Rückraum und manchmal nach raffinierten Anspielen an den Kreis – aber sie fallen auch ein bisschen wie Äpfel von den Bäumen. Immer ein bisschen gleich.

Wenn ich Handball schaue, gibt es aber immer einen Augenblick, der mich aus dem normalen „Wenn-kein-Fußball-läuft-guck-ich-eben-was-anderes“-Modus befreit. Dieser Moment nennt sich Kempa-Trick. Wenn ein Spieler voller Leichtigkeit den Ball wie eine besonders wertvolle Brieftaube in die Luft entlässt und ein anderer Spieler diesen Ball dann im Flug aufnimmt und ihn beim Gegner in aller Deutlichkeit im Tor unterbringt – das hat Größe. Und etwas von einem spektakulären Wanderzirkus, der für ein paar Sekunden Arbeitsbienen in einem Büro mit einem sehr geregelten Tagesablauf glücklich macht.

In diesem Jahr habe ich keinen einzigen Kempa-Trick gesehen. Das ist ein bisschen wie ein Weihnachten, an dem es keine Geschenke gibt.

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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