Trainer an die Macht

Trainer an die Macht

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Der Fußball wird so oft als Spiegelbild der Gesellschaft bemüht, da darf man ruhig mal erwähnen, wenn es sich andersrum verhält. Denn während Populisten in der Politik Hochkonjunktur haben, stecken sie auf oder besser gesagt neben dem grünen Rasen in der Krise. Vielleicht sind sie sogar vom Aussterben bedroht. Das mag nicht für Präsidenten und Sportvorstände gelten, wohl aber da, wo es um konkrete Entscheidungen für Spiel und Auftreten einer Mannschaft geht: auf der Trainerbank.

Der Erfolg der Populisten wird mit der zunehmenden Komplexität der Welt erklärt. Digitalisierung und Globalisierung überfordern viele und entfachen den Wunsch nach einfachen Lösungen. In Sachen Vielschichtigkeit und neuen Herausforderungen hat der Fußball ähnlich viel zu bieten. Auch er ist immer schneller und dynamischer geworden, Prozesse und Abläufe müssen sich an immer neue Gegebenheiten anpassen. Der Fußball ist auf seine Weise genauso komplex geworden wie die politische Welt.

Einfache Antworten waren im Fußball aber nur früher populär. Meist wurden sie gegeben von den so genannten „Lautsprechern“ der Liga. Werner Lorant war so einer. Sein Mantra „Kratzen, beißen, Gras fressen“ galt lange als Evergreen, der aber wahrscheinlich mittlerweile nur noch in der Kreisliga gespielt wird. Auch Peter Neururer konnte simple Wahrheiten als große Lösungen verkaufen. Felix Magath galt zwar vielen als intellektuell. Seine berühmt berüchtigten Medizinbälle oder der Hügel der Leiden sind aber ganz klassische Beispiele für Populismus. Wenn Donald Trump Fußballtrainer wäre, würde er wahrscheinlich genau auf diese Methoden zurückgreifen.

Mittlerweile stehen aber ganz andere Übungsleiter hoch im Kurs. Von Laptoptrainern ist oft die Rede. Was alle vereint ist ein tiefgehendes Verständnis für die Komplexität des Spiels und der Verzicht mit Stereotypen und einfachen Parolen auf Herausforderungen und Probleme zu reagieren. Stattdessen werden Matchpläne gebastelt und viele taktische Überlegungen angestellt, um zum Erfolg zu kommen. Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel oder Jogi Löw würden nie auf einfache Parolen setzen. Und in der Politik fallen momentan genau solche Parolen auf fruchtbaren Boden. Besser wäre es wohl andersherum. Aber wahrscheinlich ist dieser bemerkenswerte Gegensatz nur ein weiteres Beispiel für die zunehmende Komplexität der Welt.

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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