„Extremismus beginnt immer mit Humorlosigkeit“ – Till Reiners im Gespräch

„Extremismus beginnt immer mit Humorlosigkeit“ – Till Reiners im Gespräch

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„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ – so heißt das Buch, das der Kabarettist Till Reiners geschrieben hat. Ein Versuch zu verstehen, warum so viele Menschen in Deutschland Angst vor Flüchtlingen und Überfremdung haben.  Wer eins und eins zusammen zählen kann, weiß, dass diese Angst unbegründet ist. Reiners hat sich trotzdem mit Pegida-Anhängern, AfDlern und besorgten Bürgern unterhalten.  Und dabei ist ein sehr lesenswertes Buch heruasgekommen. Wir haben mit dem Autor gesprochen.

foo: Du hast dich für dein Buch mit Pegida-Spaziergängern und besorgten Bürgern unterhalten. Mache meinen ja auch, dass man mit diesen Leuten gar nicht reden sollte. Warum hast du es doch gemacht?

Till Reiners: Es kommt doch immer drauf an, wer mit den besorgten Bürgern redet und wie. Wenn man unkommentiert drei Minuten lang die bescheuertsten und hasserfülltesten Kommentare bei Pegida filmt hat niemand etwas gewonnen. Es entsteht die Gefahr zu sagen: Fremdenhass ist eben auch nur ne Meinung von vielen, das verharmlost und gibt wenigen überproportional viel Raum.

Ich habe mir Zeit genommen, mich mit den Ängsten, berechtigten Sorgen und Vorurteilen und auch dem kaschierten Hass auseinanderzusetzen und zu gucken woher das kommt und was da dran ist. Zu dokumentieren und aufzuklären ist nie verkehrt.

foo: Manchmal wird von „besorgten Bürgern“ dann wieder von „Wutbürgern“ geredet. Sind die eigentlich ängstlich und wütend zugleich?

Till Reiners: Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren immer auch wütend. Manche waren nur wütend. Wut ist ja eine Form, mit Angst umzugehen, die Flucht nach vorne. Manchmal hilft das aber auch, um sich als Opfer darzustellen, obwohl man längst Täter geworden ist.

foo: Viele besorgte Bürger sind einer sozial schwierigen Situation. Hattest du bei denen mehr Verständnis für ihre Ängste  als bei denen, denen es eigentlich gut geht?

Till Reiners: Kurz gesagt: Ja. Ich halte es da mit Spiderman: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.“ Viele, denen es eigentlich gut ging haben ihre Angst vor Flüchtlingen immer wieder damit gerechtfertigt, dass es Ihnen um die Zukunft ihrer Kinder ginge. Das perfekte Totschlagargument: „Ja, jetzt geht es mir gut, aber wie soll es in Zukunft werden?“

foo: Warum sind die besorgten Bürger deiner Meinung nach vor allem im Osten anzutreffen?

Till Reiners: In meinem Buch mache ich dafür eine Reihe von Gründen verantwortlich. Hier in aller Kürze: Ich glaube, das hat etwas mit gebrochenen Biographien zu tun, mit dem Gefühl, nicht wirklich Anschluss zu finden und einer Enttäuschung, wie die Wende abgelaufen ist. Im Kern geht es bei einer Abgrenzung von „wir“ und „ihr“ immer um Identität, um die Suche nach einer inneren Heimat. Und das einfachste ist es dann, sich in Nationalismus zu flüchten.

foo: Manche behaupten ja, dass die Flüchtlinge nur ein Ersatz sind für eine diffuse Angst vor etwas Fremden – das theoretisch auch etwas ganz anderes sein könnte. Würdest du dem zustimmen?

Till Reiners: Ich weiß nicht, was dieses „ganz andere“ sein könnte (Ufos, Chemtrails, NSA?), aber vor allem: Ja. Es geht nicht um eine konkrete Bedrohung durch Flüchtlinge. Die Leute beschäftigen sich ja nicht mit Menschen, die hierher fliehen. Man pflegt seine Ängste. Nur so bleiben Geflüchtete Projektionsfläche für das Leid der Welt.

foo: Du bist ja eigentlich Comedian – sind die besorgten Bürger eigentlich empfänglich für Humor?

Till Reiners: Selten. Das ist mir aufgefallen: Extremismus beginnt immer mit Humorlosigkeit. Insgesamt habe ich ziemlich freundlose Veranstaltungen besucht. Und wenn gelacht wurde, dann oft aus Häme.

foo: Ganz ehrlich, gab es unter den besorgten Bürgern nicht manchmal welche, denen du, zumindest für einen kurzen Moment, mal eine scheuern wolltest?

Till Reiners: Nein, ich bin einfach sehr schlecht im Prügeln. Aber ein, zweimal hätte ich die Leute gerne angeschrien.

foo: Was wäre deine Idee, wie man aus besorgten Bürgern wieder normale Bürger machen kann?

Till Reiners: 3 Wochen lang als schwarz anmalen und durch Dresden schicken. Zack: Humanisten! Im Ernst: Ich habe keine Geheimformel. Aber ein paar Ideen: Man trennt zwischen Wackelkandidaten und denen, die gerne fremdenfeindlich sind. Letzteren muss man sagen: Freunde, wir können gerne wieder miteinander reden wenn Euch der Spaß am Menschenhassen vergangen ist.

Die, die sich Sorgen machen, müssen den Leuten begegnen, vor denen sie sich fürchten. Ich habe einen AfD-Politiker aus Stuttgart getroffen. Ich befragte ihn, wie seine Meinung zum Islam ist. Er zuckte nur mit den Schultern und meinte, dass das Zusammenleben in Stuttgart ja ziemlich gut funktionieren würde. Stuttgart ist eine Stadt mit einem der höchsten Migrationsanteil Deutschlands. Angst hat man vor allem vor dem Unbekannten.

Außerdem muss mehr in politische Bildung investiert werden. Viele haben keine Ahnung, dass Demokratie Streit bedeutet. Wenn man davon ausgeht, dass Demokratie Konsens ist, bekommt man schnell den Eindruck, dass das politische System völlig am Ende ist: Soviel unterschiedliche Meinungen! Und letztlich brauchen Parteien und Bürger den Mut zu sagen: Nee, wir nähern uns Eurer Meinung nicht an, aus Angst, Wähler oder Sympathien zu verlieren sondern wir setzen uns ernsthaft damit auseinander, was ihr da wollt und fordert und sagen, warum wir dagegen sind. Ernst nehmen ist ja nicht Recht geben. Am meisten aber frage ich mich: Im Moment ist das rechte Lager mobilisiert. Wann mobilisiert sich eigentlich das linke? Also zusammengefasst: Man braucht Bildung, Begegnung und Mut.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ von Till Reiners ist im Rowohlt Verlag erschienen.

 

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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