Hoffen auf den Hechtsprung

Hoffen auf den Hechtsprung

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Hoffen auf den Hechtsprung

Als mich Olympia gewissermaßen entjungferte, schrieb man das Jahr 1976. Die Sommerspiele fanden in Montreal statt. Das war sozusagen „mein erstes Mal“ mit anderen Sportarten außer Fußball. Und das obwohl ich aufgrund der weit zurück liegenden Zeit in Kanada und meines wenig fortgeschrittenen Alters kaum Entscheidungen live miterleben konnte. Mir reichten Zusammenfassungen und ein Buch von Heide Rosendahl, das erst Wochen nach den Olympischen Spielen erschien und meine Erinnerungen noch einmal mit Leben füllte.

Es gab viele Leistungen, die mich beeindruckten. Der rumänische Turnfloh Nadia Comăneci natürlich. Sie bekam mehrmals die Traumnote 10,0 für ihre Darbietungen, damals wäre das für mich jedes Mal eine Sondersendung wert gewesen. Vielleicht gab es die ja auch. Ich hatte ja keine Ahnung. Zum Glück auch nicht davon, wie die 14jährige wahrscheinlich gedrillt wurde, bevor sie zu solchen Leistungen fähig war. Ich wusste auch nichts von dem Boykott afrikanischer Länder oder der extremen Verschuldung, unter der Montreal aufgrund der Spiele noch lange zu leiden haben sollte. Als Kind bekam ich von solchen Dingen nichts mit.

In meinem kleinen Kopf standen die sportlichen Helden im Mittelpunkt. Einer davon war die deutsche 100-Meter-Läuferin Annegret Richter, die so grazil sprintete wie keine andere. Und die vor allem einer normalen Frau ähnelte und nicht aussah wie eine aufgepumpte Barbie-Puppe ohne die typischen blonden Haare. Ein Schicksal, das besonders sämtliche Kontrahentinnen Richters aus der DDR ereilt zu haben schien.

Bei Annegret Richter freute ich mich für das deutsche Olympia-Team, aber manchmal war ich auch für die anderen Länder. Beim finnischen Ruderer Pertti Karpinnen zum Beispiel, der mir beibrachte, was es heißt, wenn man aus dem Nichts auftaucht. In einem unglaublichen Finish entriss er „unserem“ Peter-Michael-Kolbe noch das sicher geglaubte Gold.

Doch es gab einen Endspurt, der sich noch tiefer in mein Gedächtnis einbrannte und alle anderen Leistungen in den Schatten stellte. Der Leichtathlet Klaus-Peter Hildenbrand wurde in der letzten Runde des 5000-Meter-Laufs wie ein schweres Jojo hin und her gezogen. Aus der Verfolgergruppe auf den zweiten Platz, dann fiel er wieder aus den Medaillenrängen zurück, bevor er sich im Ziel mit einem legendären Hechtsprung noch Bronze sicherte. Es war eigentlich kein Sprung, sondern ein Fallen. So wie ja auch viele der berühmten „Becker-Hechte“ später gar nicht dynamisch sondern verzweifelt wirkten. Aber diese letzte Kraft, mit der sich Hildebrand ins Ziel rettete. Sie tat mir fast weh. Schließlich war ich auch schon mal auf einer Tartanbahn gestürzt, schlimmere Schmerzen konnte ich mir kaum vorstellen. Und das alles nur für eine Bronzemedaille, die in meinen Augen ungefähr so viel Wert besaß wie das Unentschieden eines Spitzenclubs der Bundesliga bei einem Abstiegskandidaten. Wie verzweifelt musste dieser Hildenbrand gewesen sein? Wie sehr musste er diese Medaille gewollt haben? Ich wusste es nicht, aber es beeindruckte mich schwer.

Und heute weiß ich, dass es diese Momente wären, über die ich mich noch bei Olympia begeistern könnte. Die kleinen Geschichten der gar nicht so großen Gewinner. Vielleicht klappt es ja, die Hoffnung darf man nicht aufgeben. Klaus-Peter Hildenbrand ist das beste Beispiel dafür.

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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