EM 1 : Vorfreude 0

EM 1 : Vorfreude 0

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Früher war die Zeit zwischen Saisonende und dem Beginn eines fußballerischen Großereignisses ein Ladebalken. Einer dieser Prozesse der digitalen Welt, in denen ein Prozessor einfach nicht voran kommt. Immer von verzweifelten oder bösen Blicken begleitet. Bis heute versteht ja niemand, warum man auf manche Webseiten oder Dateien immer noch so lange warten muss, wie auf einen durchschnittlichen Orthopäden in einem deprimierenden Wartezimmer.

Auf eine EM musste man eben früher auch viel zu lange warten. Aber die Wartezeit konnte durch Vorfreude gelindert werden. Durch das Sammeln von Panini-Bildern, das Bekritzeln von Taschen-Spielplänen der Autohäuser oder Sparkassen um die Ecke. Durch ein bisschen Tipprunde hier, ein bisschen Managerspiel da. Und natürlich durch die intensive Analyse von vorläufigen und endgültigen EM-Kadern. Heute weiß ich nicht einmal mehr, wie der isländische Ersatztorwart heißt.

Meine Vorfreude auf diese EM tendiert bis jetzt gegen Null. Das hat mit vielen Dingen zu tun. Es sind Dinge, die der Ligafußball so nicht zu spüren bekommt. Er kann Abnutzungserscheinungen besser abfedern. Vor allem natürlich, weil das Herz anders schlägt, wenn der olle Lieblingsverein seine Kreise zieht. Dieser Rhythmus lässt keine Zweifel an Sinn oder Unsinn der eigenen Begeisterung zu.

Die EM aber hat mit vielen Dingen zu kämpfen, die es so im Vereinsfußball nicht gibt. So ist die deutsche Mannschaft mittlerweile so sehr mit Marketing aufgeblasen, dass man sie auch für eine riesige Hüpfburg halten könnte, auf der sich ein paar frisch gebackene Kommunikationsexperten austoben. Oliver Bierhoff und seine Mitstreiter haben es geschafft. Die „Mannschaft“ dürfte nicht nur bei Europameisterschaften sondern auch bei internationalen Bullshit-Bingo-Turnieren zu den Favoriten zählen.

Diese Tendenz, die sich dann in Hashtags wie #JederfuerJeden widerspiegelt, hat aber noch eine starke, komische Komponente. Wenn man einmal von dem dafür verschwendeten Geld absieht. Die UEFA als Veranstalter der Euro 2016 bringt mich aber nicht nur zum Lachen, sondern manchmal immer noch zum Kopfschütteln. UEFA könnte auch ein anderes Wort für FIFA sein, Platini ein Nickname für Blatter. Es heißt, dass Fußballverbände mafiöse Strukturen haben. Manchmal weiß man nicht, ob es nicht viel schlimmer wäre, wenn fußballverbändische Strukturen in der Mafia aufgedeckt werden.

Über solche Fragen kann ich ja aber wahrscheinlich in aller Ruhe während der EM-Partie zwischen Albanien und der Schweiz an einem Samstagnachmittag sinnieren. Der aufgeplusterte Spielplan wirkt wie ein riesiges Tiefdruckgebiet, in dem man die sonnigen Abschnitte suchen muss. Es wird  viele Partien geben, bei denen ich mich wie ein Junge fühle, der von so einer Art pflichtgemäßen Fußballbegeisterung zu Stubenarrest und EM-Gucken verdonnert worden ist. Vielleicht ist diese Europameisterschaft auch die erste, nach der ich mich nach stinknormalen Freundschaftsspielen sehne.

Und so wünsche ich mir fast, dass das Warten noch ein wenig dauert und der Ladebalken vielleicht doch noch einmal stehen bleibt, bevor alles seinen gewohnten Gang geht. Denn spätestens ab dem Achtelfinale weiß ich ja gar nicht mehr, warum ich diesen Text geschrieben habe. Dann zähle ich die Stunden, bis der erste Viertelfinalist zwischen der Slowakei und Rumänien ermittelt wird.

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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