Arschkarte für den Kommerz

Arschkarte für den Kommerz

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Der Bochumer Fotograf und Aktionskünstler Gerrit Starczewski plant ein ganz außergewöhnliches Fußballspiel – eines bei dem der obligatorische Trikottausch ausfällt. Der Grund dafür: Die Spieler und Spielerinnen beim Kick am 29. Mai in Oberhausen sind bis auf die schuhe und Schienbeinschoner nackt. nakedFUSSBALL heißt das Spektakel, das sich vor allem als Statement gegen die Kommerzialisierung im Fußball versteht. Gerrit Starczewski im Gespräch mit footage über seine Aktion.

footage: Gerrit, am 29. Mai steigt im Niederrhein Stadion in Oberhausen ein ganz besonderes Fußball spiel unter dem Titel nakedFUSSBALL. Der geneigte Fußball Fan mag schon beim Titel denken „Sonnenstich?“. Warum hast Du keinen und worum geht es genau?
Gerrit Starczewski: Ich mache seit 2010 mein nakedHEART Projekt auf Musikfestivals. Dort haben schon 1.000 Leute mitgemacht. nakedFUSSBALL überträgt die Idee auf den grünen Rasen.
In wenigen Tagen beginnt in Frankreich die EM. Solche Turniere sind der Inbegriff der Kommerzialisierung im Fußball und ich finde: Man sollte sie konsequenterweise boykottieren. Der Kommerz ist der Tod der wahren Tradition. nakedFUSSBALL versteht sich als ein künstlerisches Protestspiel gegen die Kommerzialisierung. Dabei gilt die einfache Formel: Nacktheit = Natürlichkeit. Anders ausgedrückt: Wir wollen mit unserem Spiel dem Kommerz die Arschkarte zeigen.
Fußball muss natürlich bleiben. Ganz einfach! Letztes Jahr haben wir das Spiel erstmalig in Herne im Schloss Stünkede ausgetragen und damit die Korruptionsaffäre um Sepp Blatter und Konsorten kritisiert. Dieses Jahr pfeifen wir es in Oberhausen an. Das passt ganz hervorragend zusammen. Schließlich spielt auch in Oberhausen ein latent klammer Verein, der selbst immer ums nackte Überleben kämpft.

Zudem hat das Ganze eine sehr wichtige ästhetische Komponente. Denn es ist höchst interessant zu sehen, wie sich der nackte Körper beim Kopfball oder Dribbling verhält. Es gibt Millionen Fußballbilder, aber keine Bilder die eben zeigen wie sich der nackte Körper beim Spiel verändert. Dieses Bild fehlt komplett und das obwohl man ganz natürlich nackt in die Sauna oder nackt schwimmen geht. Warum nicht auch mal nackt kicken?

footage: Du kommst aus dem Ruhrgebiet, wo Fußball fast so wichtig ist wie die Currywurst oder die Vokuhila. Warum passt Dein Projekt besonders gut in den Pott?
Gerrit Starczewski: Keine Region in Europa ist so besessen vom Fußball wie der Pott. So eine unfassbar hohe Vereinsdichte findet man nirgends sonst. Der wahre Pottler ist für mich ein Typ, der einfach ehrlich und geradeaus ist. Diese Haltung passt im Grunde perfekt zu nakedFUSSBALL. Denn auch da geht es darum, einfach so zu sein wie man ist – ohne irgendwelchen Schnick Schnack drum herum. Heute definieren sich viele Profis nur noch über Ihr Äußeres. Früher habe ich den Eindruck gehabt, hatten die Spieler noch wahre Werte wie Verbundenheit zu der Gegend aus der sie kamen oder den Verein für den sie spielten.
Viele Menschen vergessen, dass es neben dem BVB, Schalke oder Bochum auch noch Vereine wie Oberhausen, Essen und Westfalia Herne gibt. Es ist ein Unding, dass aus der Regionalliga der Meister nicht direkt aufsteigt. Man erlebt hautnah wie Traditionen sterben – gerade und vor allem im Ruhegebiet. Für die kleinen ist es nahezu unmöglich, wieder hochzukommen. Das bedeutet: Die Kluft zwischen den Vereinen wird immer größer. Die Vereine sind heute einfach nur noch Unternehmen und es wird noch schlimmer. Daher ist unser Motto: Tradition und Herz – statt Seelenverkauf und Kommerz! Auch vor diesem Hintergrund ist es für mich klar, so ein Spiel bei einem kleinen Verein auszutragen, der von derartigen Entwicklungen eben betroffen ist. Würde wir das zum Beispiel in der Arena auf Schalke machen, würde sicher weitaus mehr Leute kommen. Die würden aber letztlich nur wegen Schalke und dem Stadion dort kommen. Aber davon distanzieren wir uns – auch wenn wir so auf noch mehr Beachtung unserer Aktion verzichten.

Es ist schon schlimm genug, dass unsere Weltmeister ihre Seele verkauft haben. Sie haben sportlich den Titel geholt, charakterlich sind sie aber alles andere als Weltmeister. Weil jeder bei Themen wie Katar, Russland, Pyrotechnik, Korruptionsaffäre lieber die Schnauze hält, aus Angst Kohle zu verlieren, weil die durch Sponsorenverträge in Abhängigkeiten stehen. Es geht doch nur noch um Egoismen und Eigeninteressen – nicht mehr um das große gemeinsame Ganze. Allein die Kluft zwischen Fans und Spielern war doch noch nie so groß wie heute. Unser Projekt ist der Versuch an Werte zu erinnern und Denkanstöße zu geben. Es ist uns eine Herzensangelegenheit.

footage: Was macht die künstlerische Wirkung aus, wenn nackte Menschen Fußball spielen?
Gerrit Starczewski: Nun, ich bin für meine minimalistische Ideen bekannt. Das Spiel polarisiert. Die einen feiern eine solche Aktion ab – andere können nichts damit anfangen. Aber das zeigt ja, dass so ein Spiel und die Idee seine Berechtigung hat. Es ist viel mehr als nur „nackt“ kicken. Es steckt auch eine Gesellschaftskritik in dem Projekt. Unsere Gesellschaft gibt sich immer sehr offen und tolerant, aber wenn es um Nacktheit, Sex oder das wahre Einstehen für eine bestimmte Haltung geht, hält man sich lieber bedeckt und duckt sich weg. Übrigens ist das auch ein Grund dafür, dass etwa Ultras für viele Vereine ein Dorn im Augen darstellen. Sie kritisieren und nehmen kein Blatt vor dem Mund. Das ist leider nicht immer gefragt.

Eine weitere wichtige Frage: Warum tun wir uns so schwer damit, uns und unseren Körper anzunehmen? Von vielen Spielern geht heute ein falsches Ideal aus, weil viele sich nur noch über ihre Tattoos und ihren gestählten Körper definieren und dabei gar nicht bemerken, wie aalglatt sie tatsächlich sind. Die Spieler sind groß darin, Mucki-Buden-Selfies zu posten – aber wenn es darum geht Stellung zu beziehen, etwa zu einer WM in Katar oder Russland, in deren Zug Menschenrechte unterdrückt werden oder gar Arbeiter sterben, ducken sie sich lieber und halten den Mund. nakedFUSSBALL zeigt Eier!

footage: Man kennt nackte oder zumindest halbnackte Menschen beim Fußball vor allem durch die Flitzer-Szene. Eine Inspiration für Dich?
Gerrit Starczewski: Flitzer haben mich als Kind schon inspiriert. Wobei ich nie bei einem Spiel war , wo es einen echten komplett nackten Flitzer gegeben hat. In Bochum gab es beim letzten Heimspiel einen halben Flitzer. Das Stadion tobte.
Da ich seit meiner Kindheit Fan des VfL Bochum bin, früher Fanzine-Macher und in der Fankurve sozialisiert wurde, war die Idee naheliegend eben nakedFUSSBALL ins Leben zu rufen. Im letzten Jahr konnte ich es mir nicht nehmen lassen vor den 110 Zuschauern den angezogenen Flitzer zu machen. Dies Jahr steht das Spiel unter der Leitung von Kultschiri Uwe B., ein fast 60jähriger Kreisliga C Schiri, der aussieht als ob er fünf Bälle verschluckt hat. Der Typ lebt den Fußball, den Amateurfußball. Und er wird als einziger angezogen dies Jahr den Flitzer-Schiri machen . Ihr seht: Humor steht bei unserem Spiel im Vordergrund und dennoch meinen wir unsere Kritik ernst! Wir möchten etwas entstehen lassen über das man noch in Jahren spricht!

footage: Du suchst noch Leute, die zum nächsten Termin am 29. Mai die Hüllen fallen lassen. Warum sollte man das aus Deiner Sicht tun und wie kommt man auf den Platz?
Gerrit Starczewski: Alle Teilnehmer sind nackt. Man kann angezogen kommen und sich dann auf der Haupttribüne entkleiden. Wer mit kicken möchte, einfach Schoner und Schuhe mitnehmen. Gespielt wird in weißen und roten Stutzen. Die Teilnahme hat diverse Beweggründe: Zum einen ist es eine Art Befreiung für einen selbst, zum anderen ist es ein ganz anderes Erlebnis zu kicken bzw. ein Spiel zu erleben. Für die Zuschauer gibt es auch Fahnen, Wurfwollen, Bier und Würstchen. Und eines ist natürlich völlig klar: Lattentreffer zählen doppelt.

Mehr über nakedFUSSBALL: www.nakedfussball.de

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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