Ananasscheiben im Rückspiegel

Ananasscheiben im Rückspiegel

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Diese Kolumne ist nicht immer leicht zu füllen. Mindestens alle zwei Wochen etwas über Alemannia zu schreiben, ist manchmal so hart, wie ihr beim spielen zuzuschauen. Womit wir beim Thema wären. Denn was schreibt man in einer Kolumne, die auch noch just zum letzten Spieltag erscheint? Klar – eine Bilanz wäre fällig. Aber traut man sich das wirklich nach dieser Saison? Hieße man Rex Kramer, wäre man Danger Seeker. Dann ja. Was sonst ist man als Fan eines Vereins, der es geschafft hat, sich in gerade einmal vier Jahren selbst zu richten? Gehen wir es also an.

Zunächst wäre da eine geballte Ladung Schmerz. Der Schmerz des Gefühls, dass da in dieser Saison einiges von dem kaputt gegangen ist, was in der davor mühsam aufgebaut wurde. Da waren schmerzhafte Niederlagen gegen Gegner, deren Namen neun von zehn meiner Kumpels nicht mal korrekt verorten könnten. Da war dieser unsägliche und schon von allen Seiten zur Genüge kommentierte Stress zwischen Trainer, Spielern und Sportdirektor, der nur zu dem unsinnigen Ergebnis führte, dass Trainer, Spieler und Sportdirektor Aachen verlassen mussten. Was bleibt, sind ausschließlich Verlierer, vor allem auf den Rängen. Erst gegen Ende der Saison schien sich Alemannia wieder zu stabilisieren, was sich in der für mich etwas zu euphorisch gefeierten „Goldenen Ananas“ von Verl ausdrückte. Immerhin: Die Spieler von Verl und der letzte aufrechte Rest, der sogar ins Stadion an der Verler Post fuhr, haben ihren Humor nicht verloren. Respekt – nur wer etwas, das er liebt so ernst nimmt, dass er schon wieder darüber lachen kann, ist wirklich richtig unterwegs. Von daher ist das mit dem Schmerz am Ende noch ganz gut ausgegangen – goldene Ananas sei Dank.

Neben dem Schmerz bleibt aber auch die nackte Angst am Ende einer Saison, die man am besten ganz schnell aus den schwarz-gelben Gehirnwindungen streicht. Denn über allem schwebt wie ein Schwert am seidenen Faden eine Diskussion um einen Investor, der für wenig Geld vergleichsweise viel Alemannia kaufen soll. Fremdbestimmung als Perspektive. „Wer Erfolg will, muss das machen,“ sagen die, die das gut finden. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht auch nicht. Das hängt eben vom Erfolg ab. Nächste Frage: Wer ist bereit, sich auf sportlichen Erfolg ab Platz 8 einzustellen und dafür das Gefühl zu haben zu einem selbst bestimmten Verein zu gehen, der das auch in ein paar Jahren noch sein wird? Ich wäre es – glaube ich. Andere vielleicht nicht, was irgendwie auch nachvollziehbar ist. Und gerade deshalb frage ich mich: Was ist Alemannia eigentlich wert? Mir eine ganze Menge: meine Träume, meine Liebe, meine Phantasie. Nichts wofür man sich etwas kaufen könnte, kurzfristig jedenfalls nicht. Anderen ist Alemannia vielleicht ein paar Millionen wert., wenn auch nicht ganz ohne Eigennutz. Wahrscheinlich fehlt deshalb aber das Herzblut auch dann dran zu bleiben, wenn all die Millionen sinnlos verpulvert würden, was in jeder Beziehung und Endgültigkeit das Ende wäre. Keine Frage: Es ist die Angst vor dem nächsten Jahr, die viel größer ist als der Schmerz über das letzte. Zu viel kann schief gehen und wissen wir es nicht nur zu genau? Was schief gehen kann, wird schief gehen, wenn Alemannia im Spiel ist.

Und deswegen bleibt nur ein bisschen Hoffnung – immerhin ein bisschen. Die Hoffnung, dass vielleicht doch alles anders wird, die Hoffnung darauf, dass Alemannia sich neu erfindet, die Hoffnung darauf, dass Alemannia und die, die für sie handeln, die Phantasie besitzen, sie so zu nehmen wie sie ist: anarchisch, verzweifelt, aber immer geliebt.

Heute gehe ich mit der ganzen Familie ins Stadion. Meine beiden Jungs sind dabei und vier ihrer besten Freunde, die Alemannia erst heute zum Spiel gegen Viktoria Köln kennenlernen. Ich bin gespannt, wie sie sich zeigt und was mit den Jungs daraufhin passiert. Vielleicht verlieben sie sich ja in das alte Mädchen am Tivoli, wenn sie sich noch einmal aufrafft, ein letztes Mal in diesem Spieljahr – immerhin hat sie schon die goldene Ananas gewonnen. Mehr war einfach nicht drin.

Diese Kolumne erschien anlässlich des letzten Heimspiels von Alemannia Aachen in der Regionalliga West im Stadionheft „Tivoli Echo“

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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