„Wenn es ein schlechtes Buch wird, habe ich gleich die Ausrede parat“...

„Wenn es ein schlechtes Buch wird, habe ich gleich die Ausrede parat“ – Tilman Rammstedt im Interview

1539
0

Bücher von Tilman Rammstedt gehören zu denen, für die man sich Zeit nehmen muss, auch wenn man eigentlich keine Zeit hat. Zum Verpassen sind sie zu gut. Nun erscheint sein neues Werk „Morgen mehr“ – und zwar täglich. Die Entstehung des Romans kann man online, Kapitel für Kapitel, mitverfolgen. Bis es dann im April auch ein Buch zum Anfassen gibt. Ein großer Spaß für den Leser und ein großes Experiment für den Autor. Wir haben ihn dazu befragt.

footage: Sie schreiben im Moment an einem Roman, dessen Entstehung man täglich online mitverfolgen kann. Wie läuft dieses Experiment denn bis jetzt aus ihrer Sicht?

Tilman Rammstedt: Gerade bin ich sehr froh, wenn es endlich vorbei ist. Aber ich weiß auch, dass ich es hinterher sofort verklären werde. Und tatsächlich habe ich etwas Angst, mich an diesen täglichen Druck so zu gewöhnen, dass ich ohne ihn überhaupt nicht mehr schreibe.

footage: Wie würden Sie denn das Buch, das da gerade entsteht, bisher beschreiben?

Tilman Rammstedt: Ich kann es überhaupt nicht einschätzen. Auch weil ich mir tatsächlich nichts von dem bisher Geschriebenen noch einmal durchgelesen habe. Deshalb würde es mich sehr wundern, wenn das Buch nicht sehr viel unsteter wäre als meine vorherigen. Auch schreibe ich zum ersten Mal in Kapitelform, also jeden Tag einen kleinen, abgeschlossenen Text, was das Buch entweder sehr viel schneller oder sehr viel langsamer werden lässt als die vorigen. Ich weiß halt nur noch nicht, welches von beidem.

footage: Hatten Sie schon Tage, an denen Sie gedacht haben: Heute war das Kapitel aber nicht so gut, morgen muss ich etwas anders machen.

Tilman Rammstedt: Ich will jeden Tag etwas anders machen. Mit dem Vorsatz verbringe ich mindestens den halben Tag, und dann drängt die Zeit und ich muss alle Vorsätze über Bord werfen. Tatsächlich gab es aber noch keinen Tag, für den ich mich schämte. Ich hoffe, zurecht.

footage: Das Buch kann ja auch auf der Website „Morgen mehr“ täglich kommentiert werden. Kommentare im Internet sind ja manchmal so eine Sache. Haben Sie schon Probleme damit gehabt?

Tilman Rammstedt: Das hatte ich im Vorfeld befürchtet. Aber die Realität sieht ganz anders aus: Es hat sich da eine Parallelwelt in den Kommentaren gebildet, in der alles mögliche entsteht: ein Soundtrack zum Roman, Haikus zu den einzelnen Kapiteln, wilde Assoziationen, selbst Freundschaften entstehen da zwischen Unbekannten. Der Roman wird so zum Anlass, um sich auf der Seite zu tummeln. Das ist sehr schön.

footage: Können Sie sich vorstellen, dass Menschen das Buch digital mitlesen und dann später noch das Buch kaufen oder erwarten sie das sogar ein bisschen?

Tilman Rammstedt: Ich bin dafür, dass alle meine Bücher kaufen. Egal, ob sie vorher mitgelesen haben oder nicht. Egal, ob sie sich für Literatur interessieren oder nicht. Egal, ob sie lesen können oder nicht. Ich bin, was das angeht, sehr, sehr offen.

footage: Ist es ärgerlich, dass momentan eher die Mechanik des Schreibens als der Inhalt des Buchs diskutiert wird? Und dass der Roman vielleicht immer mit diesem Experiment in Verbindung gebracht wird?

Tilman Rammstedt: Nein, es ging mir schließlich auch darum, was da für ein Buch entsteht, das unter diesen Bedingungen geschrieben wurde. Und wenn es ein schlechtes Buch wird, habe ich immerhin gleich die Ausrede parat.

footage: In jedem Fall ist es ja eine neue Form des Schreibens. Können Sie sich an die erste Form des Schreibens erinnern, wo Sie gedacht haben: Schreiben, das ist etwas für mich.

Tilman Rammstedt: Ich vermisse die Reizwortgeschichten aus der Schule sehr. Ohne sie weiß ich immer seltener, ob Schreiben etwas für mich ist.

footage: Haben Sie eine Vorstellung, wie Romane in sagen wir 10 Jahren vermarktet werden. Oder ist Ihnen das herzlich egal?

Tilman Rammstedt: Ich habe dunkle Befürchtungen. Jedenfalls für mich dunkel, weil ich den meisten sozialen Netzwerken in einer unguten Mischung aus Schüchternheit und Abscheu gegenüber stehe. Also versuche ich lieber, noch so viele Bücher wie möglich zu schreiben, bis es endgültig soweit ist.

footage: Wenn dieses Buch fertig ist, haben Sie dann schon wieder Ideen für neue Romane im Kopf?

Tilman Rammstedt: Während ich an einem Buch schreibe, habe ich andauernd großartige Ideen für die Bücher danach. Und wenn ich dann Zeit für sie habe, sind die Ideen auf einmal überhaupt nicht mehr so großartig.

footage: footage ist ja auch ein Magazin für Midlife-Crisis. Glauben Sie, dass so was mal auf Sie zukommt?

Tilman Rammstedt: Ich habe schon vier bis fünf Midlife-Krisen hinter mir. Immerhin hat das den Vorteil, dass ich anscheinend älter werde als ich früher dachte.

footage: Und wir sind ein Magazin für Fußball, können Sie damit was anfangen?

Tilman Rammstedt: Ich mit dem Fußball: Ja. Der Fußball mit mir: Eher nicht.

footage: Vielen Dank.

Hier geht es zu „Morgen mehr“.

Foto: Carolin Saage

 

 

 

 

 

 

 

SHARE
Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

NO COMMENTS

LEAVE A REPLY