Advantage Kohde-Kilsch

Advantage Kohde-Kilsch

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Letzten Samstag musste ich an Claudia Kohde-Kilsch denken – eine sehr verbissene Tennisspielerin aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, die oft mit eingefallenen Schultern und grimmigen Blick über die Tennisplätze von Filderstadt bis Flushing Meadows schritt und sich verblüffend lange in den Top-Ten der besten Spielerinnen der Welt hielt. Sie war viel zu groß, nicht wirklich hübsch und litt vor allem unter Steffi Graf, die – egal was sie auch tat – beliebter und vor allem besser war als sie selbst. Ich dachte an sie, als ich das Ergebnis von Alemannia in der Kölner Flughafen-Einflugschneise las. Die Gedanken an ihre Schultern und an ihr Leid, ließen mich in einem Moment schmunzeln, in dem es eigentlich nichts zu schmunzeln gab. Und dennoch tat ich es – nicht herzlich, aber immerhin mit einem Anflug von debilem Spott. Dabei war ich ihr viel näher, als ich es selbst bemerkte. Ein 0:6 ist eine fiese Klatsche, die man besser nicht beschmunzelt –zumal sie allen, die auf bessere Zeiten hoffen, noch einmal deutlich zeigt, worauf wir uns alle höchstwahrscheinlich auch für das nächste Jahr einstellen müssen: eine weitere Saison in der Regionalliga West, mindestens eine. Ich dachte an nichts von alledem, sondern eben an Claudia Kohde-Kilsch, weil sie für mich so etwas wie das Fleisch gewordene 0:6 war, damals in den Achtzigern und Neunzigern, als sie hoffnungslos weit weg war von Steffi Graf.

Als Alemannia in Köln spielte, konnte ich nicht dabei sein. Meine grün-weißen Jungs hatten ebenfalls ein Spiel, das sie im Vergleich zur schwarz-gelben Alemannia auch nur ganz knapp mit 1:4 verloren. Ich schaute kurz vor dem Anpfiff des E-Jugend Kicks auf mein Handy, um das Ergebnis aus Köln zu checken und sah ein ziemlich desillusionierendes 0:3 auf meinem Display. Carl, meinem Spielmacher, sagte ich lieber nichts davon. Er sollte sich auf wirklich guten Fußball konzentrieren. Und so dachte ich ganz kurz für mich alleine: „Na, hoch gewinnen die heute auch nicht mehr.“ Dann aber vergaß ich Alemannia wieder und gab mich voll und ganz der Niederlage der Zehnjährigen hin. Als wir nach dieser vom Platz gingen und Carl hinter mir rief „Papi, wie hat Alemannia gespielt?“ erinnerte ich mich erst wieder daran, dass irgendwo ja noch ein anderes Spiel stattgefunden hatte. Ich schaute nicht nach, wie es ausgegangen war und beschied den Sohnemann zu warten bis wir im Auto sitzen würden. Ein bisschen Hoffnung, auf einen 4:3 Auswärtssieg etwa, sollte schon noch sein und wenn es nur für die kurze Zeitspanne eines Weges vom Platz bis zum Parkplatz war. Im Auto angekommen, war es aber leider nicht die Becker-Faust, die wir ballten, sondern es war die väterliche Erinnerung an Claudia Kohde-Kilsch, die uns traf.

Diese nette kleine Episode mit Erinnerungsversatzstücken an eine Tennis-Spielerin, die eigentlich auf niemanden sonst wirklich nachhaltigen Eindruck gemacht haben dürfte, zeigt eigentlich erschreckendes. Sie legt Gleichgültigkeit offen. Denn mal ehrlich: Hätte ich nicht viel mehr an Frederic Mombongo-Dues denken müssen – jenen Einwechselspieler von Viktoria Köln, der eine Viertelstunde vor Schluss aufs Feld kam und nichts besseres zu tun hatte als zwei Buden zu machen. Ja an diesen Mann , der genau wie Kohde-Kilsch einen Doppelnamen trägt, hätte ich denken müssen – zumal dieser junge Mann, wie ich mittlerweile durch eine penible Internet-Recherche weiß, in der Jugend sogar selbst bei Alemannia spielte und wie zum Hohn und Spott auch noch am gleichen Tag Geburtstag feiert wie ich, was ja auch irgendwie ein nicht zu übersehenes Zeichen ist. Und nehmen wir mal für einen Moment an, ich sei Claudia Kohde-Kilsch, dann müsste eigentlich Frederic Mombongo-Dues meine Steffi Graf sein – zu deutliche Parallelen, einfach zu deutlich.

Es ist erschreckend, wie scheinbar emotionslos dieses Desaster von Höhenberg an mir vorbei ging. Ich war nicht da! Ich schaute nur ein paar Mal auf mein Handy, um das Ergebnis zu checken und beim Anblick der Null und der Sechs lächelte ich auch noch leicht debil, weil ich an Tennis dachte.

Alemannia, was ist nur aus uns geworden? Früher warf ich Stühle gegen Kellerwände, hörte depressive Musik auf dem Heimweg vom Tivoli oder sprach zwei Tage kein Wort, wenn wir in den letzten zehn Minuten drei Tore kassierten. Und ganz manchmal da weinte ich sogar, wenn Du so viel Alemannia warst, wie nur Du es sein konntest und kannst. Vorbei! Ist das wirklich vorbei? Ich weiß es nicht – in jedem Fall ist es Ausdruck einer Misere, die in Namen wie Frederic Mombongo Dues, Sportfreunde Lotte oder Claudia Kohde-Kilsch begraben liegt. Ich muss mich ändern. Denn Du kannst es nicht – Du bist wie Du immer warst: eher schlecht, wenn es darauf ankommt, viel zu euphorisch, wenn dir mal was gelingt und eben trist, wenn Deine Umgebung es ist. Es liegt an mir! Ich habe vergessen, Dich so zu lieben, wie Du nun mal bist. Aber weißt Du, Alemannia. Es liegt ein bisschen Trost in den Worten meines Sohnes, die er sagte als wir von seinem Spiel nach Hause fuhren. „Scheiße,“ sagte er trocken und meinte damit nicht dieses dämliche 1:4 der eigenen Mannschaft. Es gibt Hoffnung, Alemannia – wenn auch nur ein Fünkchen.

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Sascha Theisen ist der Erfinder von TORWORT (www.torwort.de), der Lesereihe in der Kölner Hammond Bar für die Max Merkel einst getötet hätte und wo auf After-Show-Partys gerne Breakdance-Einlagen der 80er zum Besten gegeben werden. Er wurde wie so viele vor ihm, weit vor seiner Zeit geboren. Theisen wohnte schon in Nachbarschaft mit Maniche, Bruno Labbadia und Sidney Sam - aktuell Lars Bender. Wenn jemand diese Namen bei Google eingibt, verdient Theisen nichts daran. Deshalb macht er das selbst auch nicht. Seit seiner Kindheit weiß Theisen alles über Fußball, spielte selbst aber nur für schlafende Riesen wie Alemannia Straß, den TSV Stockheim 09 und Reaktor Winden, die er aber allesamt nicht aufwecken konnte. Bisher veröffentlichte Theisen im WERKSTATT Verlag die Bücher "Helden - 50 deutsche WM-Legenden", "Nach Vorne!", "Marmor, Stein und Eisen" sowie die Bolzplatz-Bibel "Auf Asche".

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