Im Fußball war alles möglich

Im Fußball war alles möglich

1650
0

„Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft“. Ich dachte immer, Günter Netzer hätte das in den 70ern im Zuge seiner damaligen Revoluzzer-Attitüde gesagt. Die ersten Ergebnisseiten von Google belehren mich eines Besseren. Illustre Namen wie Wolfgang Niersbach, Sepp Blatter oder Michel Platini tauchen da auf. Sie haben sich den Satz zwar bestimmt nicht ausgedacht, aber offensichtlich in den Mund genommen. Ausgerechnet, möchte man sagen. Denn wenn der Satz stimmt und die Herren (noch) für Fußball stehen, sollte die Gesellschaft vielleicht mal für eine Weile jedem Spiegel aus dem Weg gehen. Der Satz stimmt aber erst seit neuestem. Und eigentlich auch nur, wenn es um die Kräfteverhältnisse in Fußball und Gesellschaft geht.

Rund um die Hamburger Alster stehen viele weiße Villen. Sie ruhen dort wie stolze Schwäne, denen jede Bewegung zu viel geworden ist. Wenn man einen Blick in die Gärten oder Fenster dieser Prachtbauten erhascht, bekommt man meistens nicht viel zu sehen. Es ist eine eigene Welt, mit der man als Normalsterblicher in der Regel nicht in Berührung kommt. Es ist eine andere Liga. So wie der FC Bayern München. Mit dem man als normalsterbliche Mannschaft mittlerweile nicht mehr mithalten kann. Natürlich ist beides schön anzuschauen – die gepflegten Häuser an der Alster, das gepflegte Passspiel in der Allianz Arena. Aber es hat für viele immer weniger mit der Realität zu tun. Also versucht man nicht mehr hinter die Fassaden der Häuser zu sehen und manchmal schaltet man das Bayern-Spiel am Abend in der Champions League gar nicht mehr ein.

Der Hamburger Vorort Schnelsen. Hier regiert das Prinzip Reihenhaus. Wer hier lebt, ist Durchschnitt. Und das ist in keiner Weise abwertend gemeint. Es sieht alles ein wenig gleich aus. So wie das Spiel eines Hamburger SV immer öfter einem Spiel von Hannover 96 ähnelt. Es gibt keine großen Ausreißer nach oben, wohl aber manchmal den Absturz nach unten. Vor einem Abstieg ist in der Mittelschicht niemand gefeit. Manchmal führt der Weg dann wieder zurück. Manchmal nicht, die Fans des MSV Duisburg oder von 1860 München wissen Bescheid.

Am Busbahnhof in Altona herrscht den ganzen Tag ein endloses Kommen und Gehen. Den meisten Menschen sieht man an, dass sie jeden Tag einen kleinen Kampf führen. Ein Tag ohne Rückschlag ist hier schon ein Punktgewinn. Mit Niederlagen findet man sich schnell ab, man ist sie gewohnt. Rasch richtet man den Blick wieder nach vorne. So wie ein guter, ordentlicher Zweitligist.

Früher hatte der Fußball viel von dieser Welt am Busbahnhof in Altona. Er war ehrliche Arbeit und ein rauhes Pflaster. Im Stadion gab es nirgendwo Sekt aber davor öfter mal ein Scharmützel. Und es gab Spielzeiten, in denen ein FC Bayern nicht unter den ersten fünf Mannschaften der Bundesliga zu finden war. Damals war der Fußball alles Mögliche – aber zum Glück kein Spiegelbild der Gesellschaft.

Foto: Wegmann

 

 

 

SHARE
Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

NO COMMENTS

LEAVE A REPLY