Talk & Roll

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„Es müsste immer Musik da sein“. An diesen kleinen Satz aus dem großen Film „Absolute Giganten“ musste ich manchmal bei dem ganzen Flüchtlingsdrama denken, wenn mich wieder einmal Wut überkam. Denn es war eben bis jetzt keine Musik da. Dass sich jetzt alle auf einen 22 Jahre alten Song einigen können, zeigt ja nur, was fehlt.  „Schrei nach Liebe“ hat alles was Rock & Roll braucht. Wut und ein paar Zeilen, die für immer im Gedächtnis bleiben. Jetzt ist anscheinend kein Musiker wütend und wortgewandt genug, sonst müssten nicht Die Ärzte erste Hilfe leisten.

Das war früher anders. Protest, Wut und Ohnmacht fanden sich in vielen Songs wieder. Mal über jeden Zweifel erhaben, mal musikalisch grenzwertig. Und, Ironie des Schicksals, vielen politisch engagierten Künstler wurde der Begriff „Gutmensch“ nicht nur von heimlichen und unheimlichen Rassisten vor den Latz geknallt. Sondern auch von einer links angehauchten Coolness-Fraktion, der all das Engagement, die PR-Maschine drum herum und die Musik mittendrin zu aufdringlich oder auch zu larmoyant erschien. Jetzt könnten Musiker wie Bono, Bob Geldorf, Herbert Grönemeyer oder Wolfgang Niedecken zumindest mal laut mit der Stirn runzeln, wenn sich  viele ihrer früheren Kritiker auf einmal selber als „Gutmenschen“ sehen.

Aber auch die alte Garde der Protestsongschreiber bleibt bisher musikalisch stumm, vielleicht ja auch weil eine andere Kommunikationsform vielen mehr aus der Seele spricht. In einer Welt voller medialer Möglichkeiten hat es das gute alte geschriebene und gesprochene Wort geschafft, Wut am besten zu transportieren und für den einen oder anderen Gänsehaut-Moment zu sorgen. Man kann von Til Schweiger oder Joko oder Klaas halten, was man will, aber sie haben mit ihren Beschimpfungen wie „empathieloses Pack“ oder „erbärmliche Trottel“ die „Ich bin kein Nazi, aber …“-Bürger schon sehr treffend auf das Nötigste reduziert.

Der größte „Hit“ zur Flüchtlingskrise stammt aber aus einem Studio in Hamburg, Eine kleine Hitschmiede steht da, denn hier haben mittlerweile viele Beiträge die virale Runde gemacht. Die „Künstler“ dahinter sind Kommentatoren der Tagesthemen. Die NDR-Journalistin Anja Reschke hat schon zum Gedenken an den Holocaust den Nagel auf den getroffen. Und in diesem Sommer stammt die beste Hookline zum Flüchtlingsdrama von ihr:  „Dagegen halten, Mund aufmachen, Haltung zeigen“  Das bleibt die Devise. Und besser hätte es ein Rock & Roll-Song auch nicht sagen können.

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Arne Jens war eigentlich schon immer Autor. Bereits mit sechs Jahren verfasste er erste Bundesliga-Tabellen, die er sich alle mühsam zusammen gewürfelt hatte. Texte im footage-Magazin pflastern seit 2004 seinen Weg. Die Krönung: Eines seiner Machwerke erschien auch im Geißbock-Echo. Und ein paar Kurzgeschichten schafften es immerhin in die Bücher von Sascha Theisen.

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